Tanja Kuttler (links) und Maike Merz während des Olympia-Viertelfinales 2024 (Bild: IMAGO/wolf-sportfoto)

Drei Schritte – und (mehr als) eine Herausforderung

Waren es drei Schritte – oder doch mehr? Die Schrittregel sorgt in den Bundesliga-Hallen, Woche für Woche, für Diskussion. Eine Annäherung.

Es ist eine der grundlegenden Regeln im Handball: Die Schrittregel. Mit dem Ball in der Hand darf man – so legt es Regel 7:3 fest – maximal drei Schritte machen. Doch so klar die Regel in der Theorie auch formuliert sein mag: In der Praxis ist sie herausfordernd umzusetzen.

Das Problem dabei ist nicht, "dass ein Schiedsrichter nicht bis drei zählen kann", wie es Kay Holm, Leiter der Lehre im Schiedsrichtwesen des Deutschen Handballbundes, bereits 2021 gegenüber handball-world mit einem Augenzwinkern klarstellte. Die Dynamik der Top-Spieler im modernen Handball führt vielmehr zu so hohen Geschwindigkeiten in den Bewegungen, dass selbst in der Zeitlupe das eindeutige Erkennen der Schritte schwerfällt.

"Das blanke Zählen der Schritte reicht ab einer gewissen Liga ohnehin nicht mehr aus", sagt auch Olympia-Schiedsrichterin Tanja Kuttler. "Denn für die Entscheidung, ob ein Schrittfehler vorliegt oder nicht, ist ja nicht nur der Blick auf die Füße notwendig. Genauso wichtig ist es, den genauen Zeitpunkt zu erkennen, in dem ein Spieler den Ball aufnimmt." Gerade beim eigenen Antippen sei "das gar nicht so einfach", erläutert sie, "denn die Spieler verzögern in diesen Situationen die Ballaufnahme bewusst, um erst zwei oder gar drei Schritte ohne Ballkontakt machen zu können."

Gemeinsam mit Maike Merz pfeift Kuttler seit 2018 in der 1. Männer-Bundesliga. "Wenn ich in der Analyse jedoch die Geschwindigkeit des Videos erst einmal auf ein Drittel herunterbremsen muss, um die Schritte überhaupt genau zu erfassen, ist die Situation in Sekundenbruchteilen auf dem Spielfeld mit Zählen einfach nicht zu lösen", beschreibt Kuttler. „Die Dynamik der Spieler hat sich in den letzten Jahrzehnten extrem entwickelt. Das stellt uns Schiedsrichter gerade im Bereich der Schritte vor ganz neue Herausforderungen."

In der Theorie mag die Drei-Schritt-Regel daher immer noch simpel klingen, doch die Umsetzung ist der Knackpunkt. Denn ein Schritt ist darüber hinaus nie gleich – Schritte fallen unterschiedlich groß aus. Sie werden unterschiedlich schnell gemacht. Gerade bei Täuschungen findet die Bewegung möglicherweise nur im Oberkörper statt, während die Füße stehen bleiben. Der (Sprung-)Wurf kann über das richtige oder "falsche" Bein erfolgen.

Und ebenso entscheidend für die Bewertung einer Schrittsituation ist der Moment, in welcher der Ball gefangen wird, die Hand verlässt oder getippt wird. "Wenn ein Schrittfehler fälschlicherweise gepfiffen wird, ist eine häufige Ursache, dass der genaue Zeitpunkt des Tippens – das heißt, wann der Ball die Hand des Spielers verlassen hat – für den Schiedsrichter nicht sichtbar war", sagt Kuttler.

Wenn jedoch im entscheidenden Moment die Sicht nur kurz behindert wird, "ist es nicht möglich eine Schritte-Szene richtig zu bewerten", so die Olympia-Schiedsrichterin weiter. "Schritte stehen daher nie für sich alleine." Neben dem Ball ist auch Gegnerkontakt dafür entscheidend, welche Konsequenzen eine Situation hat – und natürlich die Position und Absprachen der Schiedsrichter.

"Wenn ich dicht dran stehe, ist das für gewisse Entscheidungen gut, aber im Bereich Schritte macht es das schwieriger, Hand und Fuß gleichzeitig im Blick zu behalten", erklärt Kuttler. Zudem müssen die Augen überall sein – gerade bei Zweikämpfen. "Bei vielen Situationen kannst du als Schiedsrichter mit leichter 'Verspätung' einsteigen, weil du die Szene zuvor erst einmal aus dem Augenwinkel wahrgenommen hast. Das geht beim Schrittfehler jedoch nicht, hier musst du eine Situation von Anfang an gesehen haben, um sie korrekt zu bewerten."

Denn: "Wir können nicht auf Verdacht pfeifen", betont Kuttler. "Selbst in Slow-Motion ist es am Video jedoch immer wieder schwer zu erkennen, wann genau geprellt wurde oder wann ein Fuß den Boden genau verlassen hat."

Eine Lösung für die Schritte-Problematik ist nicht in Sicht. "Dritter Schiri muss her – nur zum Schritte zählen", forderte die SportBild im Februar provokant, doch inwiefern der ins Spiel gebrachte "Schrittrichter" zur Problemlösung beitragen sollte, führt man nicht aus. Für Kuttler ist das ohnehin kein Lösungsansatz. "Die Schritte in Echtzeit zu zählen, wird auch durch einen dritten, vierten oder fünften Schiedsrichter nicht funktionieren", sagt sie. "Und wenn dieser zusätzliche Schiedsrichter erst eine Wiederholung am Videobildschirm braucht, ist das in unserem Hochgeschwindigkeitssport schon zu spät."

Denn so oft Schritte auch reklamiert werden: Einen Videobeweis jedes vermeintlichen Schrittfehlers kann sich kein Handball-Fan wünschen. "Durch das Spieltempo bleibt keine Chance für einen Check und ständige Unterbrechungen würden unseren Sport nicht attraktiver machen, der sehr von genau diesem Flow lebt", ist Kuttler überzeugt. "In der praktischen Umsetzung ist ein Videobeweis für Schritte – egal, ob durch die pfeifenden Kollegen auf dem Feld oder einen zusätzlichen Schiedsrichter – keine Lösung." In den letzten 30 Sekunden ist die Überprüfung bei spielentscheidenden Szenen auch auf einen möglichen Schrittfehler ohnehin schon möglich.

Die Olympia-Schiedsrichterin wirbt vielmehr um Verständnis. "Wir wissen, dass wir an dem Erkennen von Schrittfehlern arbeiten müssen", sagt sie. Auf den Lehrgängen der Schiedsrichter wird das Thema regelmäßig besprochen, die Unparteiischen analysieren Videoszenen, um Bewegungsabläufe abzuspeichern. Sie mahnt jedoch auch: "So einfach, wie es sich viele Menschen in den Hallen machen, die Schritte fordern, ist es eben nicht. Viele Schritte-Rufe sind Gefühlssache und das wird den Schiedsrichtern nicht gerecht."

Natürlich wäre es schön, wenn jeder Schrittfehler zu hundert Prozent erkannt werden würde, "aber das geht einfach nicht", führt Kuttler aus. "Eine absolut fehlerfreie Leistung wird es nicht geben. Daher werden Spieler auch dreieinhalb oder vier Schritte machen; ohne, dass es geahndet wird. Worauf es ankommt, ist die Linie – dass beide Mannschaften sich gerecht behandelt fühlen – und nicht eine Seite acht Schritte machen darf und der anderen Mannschaft der zweite Schritt abgepfiffen wird."