Die regelgerechte Spielfortsetzung
Was im Video geschieht
Mannschaft BLAU ist im Angriff, und das Anspiel an den Kreisläufer misslingt. Der Ball bleibt auf der Spielfläche liegen. Der Torwart der Mannschaft WEISS verlässt den Torraum, nimmt dann den Ball auf und spielt ihn zu seinem Mitspieler WEISS 22.
REGELTECHNISCHE EINORDNUNG VON KAY HOLM, LEITER BEREICH LEHRE IM DHB-SCHIEDSRICHTERWESEN
Die Spielfläche umfasst zwei Torräume und ein Spielfeld. Alle Linien auf der Spielfläche sind integraler Bestandteil des Bereichs, den sie begrenzen.
In dieser Situation ist aus dem Video und den Bildern nicht eindeutig erkennbar, wo der Ball tatsächlich liegen bleibt.
Daher werden beide Varianten nachfolgend analysiert:
1. Der Ball bleibt im Spielfeld liegen
Gemäß Regel 5:7 ist es dem Torwart nicht erlaubt, den außerhalb des Torraums am Boden liegenden oder rollenden Ball zu berühren, solange er sich im Torraum befindet (6:1, 13:1a) oder den außerhalb des Torraums am Boden liegenden oder rollenden Ball in den Torraum hereinzuholen (5:8).
Es ist dem Torwart aber erlaubt, den Torraum ohne Ball zu verlassen und im Spielfeld mitzuspielen. Er unterliegt in diesem Fall den Spielregeln für die im Feld spielenden Spieler. Der Torraum gilt als verlassen, sobald der Torwart mit irgendeinem Körperteil den Boden außerhalb der Torraumlinie berührt (5:3).
Ausgehend davon, dass der Ball im Spielfeld liegt, hat der Torwart hier richtig reagiert. Er hat den Torraum verlassen (hier vollständig, ein Teil des Fußes außerhalb hätte aber auch gereicht) und den Ball regelkonform aufgenommen und weitergespielt.
2. Der Ball bleibt im Torraum liegen
Gemäß Regel 1:3 sind alle Linien integraler Bestandteil des Bereichs, den sie begrenzen. Die Torraumlinie begrenzt den Torraum und gehört demzufolge zum Torraum. Dies wird in Regel 6:1 nochmals aufgezeigt: "Der Torraum darf nur vom Torwart betreten werden (siehe jedoch 6:3). Der Torraum, zu dem auch die Torraumlinie gehört, ..."
Gemäß Regel 6:5 Abs. 2 ist der Ball "außerhalb des Spiels", sobald er im Torraum auf dem Boden liegen bleibt (12:1 (II)). In dieser Situation ist die Mannschaft des Torwarts im Ballbesitz, und nur der Torwart darf den Ball berühren. Er hat ihn laut 6:4 und 12:2 wieder ins Spiel zu bringen (siehe jedoch 6:7b). Berührt ein Spieler einer der beiden Mannschaften den Ball, bleibt die Spielfortsetzung immer Abwurf (12:1 Abs. 2, 13:3).
Angenommen, der Ball berührt die bzw. liegt auf der Torraumlinie, dann hätte der Torwart im Torraum stehend den Ball aufnehmen und durch Abwurf wieder ins Spiel bringen müssen.
Fazit
Kleine, aber feine Unterschiede haben manchmal Einfluss auf die richtige Spielfortsetzung. Hier deutet alles darauf hin, dass der Ball außerhalb des Torraums, also im Spielfeld liegen bleibt und der Torwart dies sofort erkannt hat. Daher ist die Entscheidung der Schiedsrichter, hier nicht einzugreifen (weiterspielen zu lassen), korrekt.
Hinweis
Zum Ball, der auf der Torraumlinie liegen bleibt, gibt es auch eine Regelfrage im aktuellen Regelfragenkatalog:
Der Ball liegt auf der Torraumlinie. Angriffsspieler WEISS 7 nimmt ihn auf. Es bietet sich ihm eine klare Torchance, und er will auf das Tor werfen, als er regelwidrig angegriffen wird.
Wie ist zu entscheiden?
- Freiwurf für Team SCHWARZ
- Freiwurf für Team WEISS
- 7-Meter-Wurf für Team WEISS
- Abwurf für Team SCHWARZ
Richtige Antwort ist hier d).
Pfiff der Woche
Unter der Rubrik "Pfiff der Woche" präsentieren wir jeweils eine beachtenswerte Szene aus dem aktuellen Spielbetrieb der Bundesligen von Männern und Frauen – und gegebenenfalls auch aus den Ligen darunter. Warum die ausgewählten Situationen besondere Beachtung verdienen? Nun, weil sie einen bestimmten Regelaspekt verdeutlichen, der uns Schiedsrichtern nicht in jedem Spiel „vor die Pfeife“ kommt.