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Die Kunst, das Spiel zu lesen: Spielverständnis als Erfolgsfaktor für Schiedsrichter

Das Handballspiel in der Theorie besser verstehen, um es besser leiten zu können: Ein gutes Spielverständnis ist auch für Unparteiische ein Schlüssel zu einer erfolgreichen Karriere.

Olympia-Schiedsrichter Robert Schulze erklärt im Interview, warum diese Fähigkeit so bedeutsam ist – und was er empfiehlt, um sich in diesem Punkt weiterzuentwickeln. 

 

Redaktion: Herr Schulze, von Jutta Ehrmann-Wolf, der Leiterin des DHB-Schiedsrichterwesens, stammt der Satz, dass sich auch unter den Unparteiischen beim Spielverständnis „die Spreu vom Weizen trennen“ würde. Warum ist diese Fähigkeit für Referees so wichtig? 

Robert Schulze: Schiedsrichterei ist viel mehr, als nur auf die Einhaltung der Regeln zu achten. Natürlich sind Regelkenntnis und Regelsicherheit die Grundlage, aber das Gamemanagement ist ein entscheidender Faktor. Ein Schiedsrichter soll ein Spiel letztendlich moderieren – und dafür brauchst du beispielsweise das Gespür dafür, was ein Foul ist, was einen Zweikampf ausmacht.

Du musst ein Verständnis haben, wann eine Situation mit Körperkontakt einen Freiwurf nach sich zieht und wann der Spieler von seiner physischen Veranlagung her trotz des Kontakts noch den Abschluss erzielen kann, sodass du nicht pfeifen musst. Auch die Entscheidung, nichts zu entscheiden, weil du den Vorteil laufen lassen willst, kannst du als Schiedsrichter nur treffen, wenn du das Spiel bis zu einem gewissen Punkt lesen kannst. 

Dafür ist es aus meiner Sicht wichtig, selbst gespielt zu haben. Außerdem weiß man dann aus eigener Erfahrung, dass Emotionen im Handball unumgänglich sind; das erleichtert den Umgang miteinander. Wenn Spieler oder Trainer nach einer kritischen Entscheidungen emotional ausbrechen, sich dann aber zügig kontrollieren, ist es akzeptabel – und es schafft ebenso wie das Verständnis für spieltaktische Abläufe Vertrauen, wenn der Schiedsrichter das zulässt. 

 

Inwiefern spielt es für eine Schiedsrichter unter dem Gesichtspunkt Spielverständnis eine Rolle, in welcher Liga er oder sie spielt bzw. gespielt hat? 

Natürlich ist die Ausbildung sowohl technisch als auch taktisch meistens besser, je höher man gespielt hat, aber man kann sein Spielverständnis auch weiterentwickeln, wenn man „nur“ unterklassig gespielt hat. Letztendlich ist die Frage, wie viel Zeit man in seine Weiterentwicklung investieren will. Auch viele Spieler und Trainer beschäftigen sich intensiv mit Trends und Spielsystemen, das kann auch jeder Schiedsrichter. 

 

Neben der Fähigkeit, das Spiel lesen zu können – wie Sie es oben beschrieben haben – gehört also auch taktisches Wissen für einen Schiedsrichter dazu? 

Auf jeden Fall! Ein Schiedsrichter muss beispielsweise erkennen können, ob eine Mannschaft passiv spielt, weil sie spieltaktisch verzögert, oder ob sie ihren Angriff gerade einfach taktisch aufbaut, um eine Torgelegenheit vorzubereiten. Das sind zwei verschiedene Situationen, die unterschiedlich bewertet werden müssen – auch dabei ist das Spielverständnis ganz wichtig. 

 

Bleiben wir exemplarisch beim passiven Spiel: Wie schärft man dort sein Gespür? 

Als Schiedsrichter muss ich mein Auge dafür trainieren, wann ich das Vorwarnzeichen gebe. Ich muss erkennen können, dass eine Abwehr gerade so gut und sauber deckt, dass dem Angriff Alternativen fehlen, aber dafür muss ich mich eben mit defensiven und offensiven Spielsystemen beschäftigen. 

Wir haben das bei einer arabischen Meisterschaft erlebt. Die Mannschaften haben in Spielsystemen agiert, die wir vorher nicht kannten. Zum Glück konnten wir uns vor unserem ersten Einsatz mit Dietrich Späte (dem Vorsitzenden der Trainer- und Methodenkommission beim Weltverband IHF; Anm. d. Red.) austauschen. Das war sehr hilfreich, sonst hätten wir das passive Spiel in diesen Partien vielleicht gar nicht erkannt. 

 

Auf internationaler Ebene ist die taktische Vorbereitung auf die Spiele daher nicht nur für die Mannschaften, sondern auch für die Schiedsrichter Usus … 

Es ist definitiv ein entscheidender Punkt. Bei den Olympischen Spielen, bei Welt- und Europameisterschaften nimmst du gemeinsam mit der zuständigen Trainerkommission jedes Spiel taktisch auseinander. Du kennst die Eigenschaften der Abwehrsysteme und Angriffstaktiken genau und weißt, wer dort aufeinander trifft und was dich erwartet. Du weißt, wer gerne mit dem siebten Feldspieler agiert oder viel über den Kreis spielt. Dadurch, dass das Spiel für dich so lesbar ist, kannst du eine transparente Linie nach Außen zeigen.

 

Diese Möglichkeiten der intensiven Vorbereitung hat man in der Breite natürlich nicht – und auch bei den Aus- und Fortbildungslehrgängen an der Basis geht es in erster Linie um das Regelwerk und weniger um taktisches Verständnis. Ab welchem Zeitpunkt einer Schiedsrichterkarriere ist das Spielverständnis von Bedeutung? 

Es ist nie zu früh – zumal man meistens parallel noch aktiv ist, wenn man seine ersten Spiele pfeift. So war es bei uns auch und wir haben dadurch die Spiele plötzlich unter einem ganz anderen Blickwinkel betrachten können. Ich war zunehmend genervt von Schiedsrichtern, wenn ihnen das taktische Verständnis gefehlt hat. Es wurde zu früh gepfiffen, sodass der Vorteil unterbunden wurde, oder unnötig gepfiffen, weil es vielleicht nur eine unübliche Finte war. Das mögen zwar auf den ersten Blick nur Kleinigkeiten sein, aber sie kosten einen Schiedsrichter das Vertrauen von Spielern und Trainern. Wir haben diese Erfahrungen für uns genutzt und abgeleitet, was uns als Schiedsrichter wichtig ist.

 

Wenn sich ein Schiedsrichter nun gerne in Sachen Spielverständnis weiterentwickeln will – welchen Tipp würden Sie geben? 

Habt keine Scheu, den Austausch mit Trainern zu suchen. Man kann sich an seinen Verband wenden, ob es Möglichkeiten gibt, mit einem Landesauswahltrainer zu sprechen oder man schaut nach Absprache bei einem Verein beim Training vorbei, um mitzuerleben, wie Mannschaften taktisch arbeiten oder sich auf ein Spiel vorbereiten. 

Wir erleben es selbst immer wieder, wenn wir uns mit Trainern austauschen, dass wir aus jedem Gespräch Erkenntnisse für uns mitnehmen können. So haben wir das auch früher schon gehandhabt: Wenn wir in ein Fettnäpfchen getreten sind, haben wir uns danach mit Spielern und Trainern ausgetauscht, um die taktischen Hintergründe zu verstehen, damit sich der Fauxpas nicht wiederholt. Außerdem kann es natürlich auch helfen, sich viele Spiele anzuschauen und sich gemeinsam mit richtigen Feedbackgebern auszutauschen. 

 

Zum Abschluss: Was hätte der Spieler Robert Schulze über den Schiedsrichter Robert Schulze gesagt? 

Oh, es wäre für mich als Spieler nicht gut ausgegangen, wenn ich mich selbst gepfiffen hätte. Ich habe vorne als Spielmacher die Bälle verteilt, aber hinten hatte ich in Sachen Bestrafung nicht gerade die sauberste Weste … Na ja, es war für unsere Schiedsrichterlaufbahn ganz wichtig, auch diese Dinge zu erleben!