Die korrekte Freiwurfausführung
Was im Video geschieht
Die Mannschaft WEISS liegt in den letzten Sekunden mit einem Tor zurück und befindet sich im Angriff.
Bei 59:45 spielt WEISS 13 den Ball zu WEISS 22 (Rückraum rechts). In dem Moment, in dem WEISS 22 den Ball kontrolliert, zeigen die Schiedsrichter das Vorwarnzeichen für passives Spiel an. WEISS 22 wird von GRÜN 42 angegriffen, woraufhin die Schiedsrichter bei 59:49 auf Freiwurf für WEISS entscheiden.
Die anschließende Passfolge:
- WEISS 22 spielt zu WEISS 13 (1. Pass),
- WEISS 13 spielt im Kreuz zu WEISS 73 (2. Pass),
- WEISS 73 spielt zurück zu WEISS 22 (3. Pass).
WEISS 22 wird erneut von GRÜN 42 attackiert. Bei 59:57 entscheiden die Schiedsrichter erneut auf Freiwurf für WEISS, etwa 11,5 Meter vor dem Tor von GRÜN. Regeltechnisch ist im Rahmen der Passivspielanzeige noch ein weiterer Pass möglich.
GRÜN 42 orientiert sich nach der Entscheidung sofort nach hinten, um den vorgeschriebenen Abstand einzuhalten. WEISS 22 steht zunächst korrekt am Ausführungsort. Der Freiwurf wird nicht von den Schiedsrichtern angepfiffen – WEISS 22 macht jedoch zwei Schritte nach vorn und führt den Freiwurf bei etwa 10 Metern als direkten Torwurf aus.
Der Ball überquert bei 59:59 die Torlinie. Die Schiedsrichter erkennen das Tor zum 28:28 an. Unmittelbar danach endet das Spiel.
Regeltechnische Einordnung
1. Ort der Freiwurfausführung
Ein Freiwurf wird grundsätzlich ohne Anpfiff ausgeführt (Ausnahme: Regel 15:5b) und ist an der Stelle auszuführen, an der die Regelwidrigkeit begangen wurde.
Der Kommentar zu Regel 13:6 beschreibt Toleranzbereiche hinsichtlich des Ausführungsortes:
- In der Nähe des eigenen Torraums: großzügige Toleranz bis zu 3 Metern, um Spielfluss und Gegenstöße nicht unnötig zu unterbrechen.
- In Höhe der Mittellinie: Toleranz bis zu 1,5 Metern.
- In Tornähe des Gegners: mit zunehmender Nähe zum Tor ist die Ausführung exakt am Ort der Regelwidrigkeit vorzunehmen.
Konsequenz: An oder nahe der gegnerischen Freiwurflinie darf keine Toleranz gewährt werden, da ein direkt ausgeführter Freiwurf zu einem Tor führen kann.
2. Anforderungen an die Wurfausführung
Gemäß Regel 15 gilt:
- Der Werfer muss vor der Ausführung die richtige Position einnehmen.
- Der Ball muss sich in seiner Hand befinden.
- Mit einem Teil desselben Fußes muss ununterbrochen Bodenkontakt bestehen, bis der Ball die Hand verlassen hat.
- Der Werfer muss diese Stellung bis zur Ausführung beibehalten.
- Vor der Ausführung muss er sich in aufrechter Position befinden.
Regelwidrigkeiten vor der Ausführung sind zu korrigieren. Bei einer nicht angepfiffenen Ausführung sind grundsätzlich alle Fehler zu korrigieren; danach ist der Wurf anzupfeifen.
Gemäß Regel 13:7 dürfen Spieler der werfenden Mannschaft die Freiwurflinie nicht berühren oder überschreiten, bevor der Ball die Hand des Werfers verlassen hat.
Befinden sich Angriffsspieler vor Ausführung des Freiwurfs zwischen Torraum- und Freiwurflinie, müssen die Schiedsrichter dies korrigieren, falls es Einfluss auf das Spiel hat (15:3, 15:6). Der Freiwurf wird dann angepfiffen (15:5b). Dasselbe gilt, wenn Spieler der angreifenden Mannschaft diese Zone betreten, bevor der Ball die Hand des Werfers verlassen hat, und der Wurf nicht angepfiffen worden war (15:7, Absatz 2).
Berühren oder überschreiten Spieler der angreifenden Mannschaft nach Anpfiff eines Freiwurfs die Freiwurflinie, bevor der Ball die Hand des Werfers verlassen hat, ist auf Freiwurf für die abwehrende Mannschaft zu erkennen (15:7, Absatz 3; 13:1a).
Bewertung der konkreten Situation
WEISS 22 hatte zunächst die korrekte Position eingenommen und den Ball regelgerecht in der Hand.
Bei der eigentlichen Ausführung:
- löst er den vorgeschriebenen Fußkontakt,
- macht zwei deutliche Schritte nach vorn,
- verschafft sich dadurch eine bessere Wurfposition
- und führt erst dann den direkten Torwurf aus.
Damit erfolgte die Freiwurfausführung nicht regelkonform.
Das Überschreiten der Freiwurflinie durch WEISS 3 vor der Ausführung ist in diesem Fall nicht entscheidungsrelevant, da der primäre Fehler bereits in der falschen Ausführung durch den Werfer liegt.
Da der Freiwurf nicht angepfiffen war, hätten die Schiedsrichter die Ausführung korrigieren müssen.
Videobeweis
Ohne Videobeweis hätten die Schiedsrichter die Ausführung korrigieren müssen, da der Freiwurf nicht angepfiffen war.
Da es sich um ein Spiel mit Videobeweis handelt, wäre eine Überprüfung gemäß dem Reglement für den Videobeweis in der zulässigen Kategorie 9 möglich, im Hinblick auf: „Den Spielausgang verändernde Situationen in den letzten 30 Sekunden (einschließlich nach dem Schlusssignal ausgeführte Würfe)“ und die damit verbundene Beschreibung: „Wenn die Schiedsrichter Zweifel an einer 7-Meter-Entscheidung, Strafen oder Entscheidungen, die zu einem Wechsel des Ballbesitzes führen, haben.“
Hier lag eine den Spielausgang verändernde Situation in den letzten 30 Sekunden vor.
Trotz des Tores und damit des Ausgleichs kurz vor dem Schlusssignal gab es von Mannschaft GRÜN keinerlei Proteste etc., weder von Spielern noch von Offiziellen. Eine Überprüfung mittels Videobeweis wurde nicht vorgenommen und auch im SR-Team sowie durch die Delegierten aufgrund fehlender Reklamationen nicht in Erwägung gezogen.
Die falsche Freiwurfausführung hätte dann zur Wiederholung des Freiwurfs nach dem Schlusssignal für Mannschaft GRÜN geführt, aber eben nicht zu einem regulären Tor. Mannschaft GRÜN hätte dann mit einem Freiwurf nach dem Schlusssignal noch ein Tor erzielen können. Dieser Sachverhalt hätte mittels Videobeweis geklärt werden können.
Ergänzende Hinweise
Beim vorherigen Freiwurf von WEISS 22 bei 59:50 befindet sich Rechtsaußen WEISS 27 zwischen Torraum- und Freiwurflinie. Dies wurde zu Recht nicht beanstandet, da diese Position keinen Einfluss auf das Spiel hatte (Regel 13:7, Absatz 2).
Spieler WEISS 73 spielt den Ball in Rückraummitte erst nach dem 4. Schritt ab.
In Handball-World wurde in einem Artikel („Handball-Bundesliga: Göppingens Coach Ben Matschke nach Mindens Buzzerbeater: ‘War das so regelkonform?’“) geschrieben, dass eine Überprüfung mittels Videobeweis regeltechnisch nicht möglich sei. Diese Aussage ist – wie oben dargestellt – falsch.
Pfiff der Woche
Unter der Rubrik "Pfiff der Woche" präsentieren wir jeweils eine beachtenswerte Szene aus dem aktuellen Spielbetrieb der Bundesligen von Männern und Frauen – und gegebenenfalls auch aus den Ligen darunter. Warum die ausgewählten Situationen besondere Beachtung verdienen? Nun, weil sie einen bestimmten Regelaspekt verdeutlichen, der uns Schiedsrichtern nicht in jedem Spiel „vor die Pfeife“ kommt.