Foto: KHV Neumünster
„Die Grundsätze wiederholen“
Redaktion: In den kommenden Wochen soll – wenn es möglich ist – die Saison 2021/22 nicht nur in den Bundesligen, sondern auch an der Basis starten. Was ist aus Ihrer Sicht wichtig für die Vorbereitung der Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter in den Kreis- und Landesverbänden, die teilweise seit März 2020 kein Spiel mehr gepfiffen haben?
Yannick Porepp: Das Motto sollte lauten: Back to the roots. Jeder Schiedsrichter und jede Schiedsrichterin sollte in sich gehen und sich den Ablauf genau vorstellen, sich die Basics durch den Kopf gehen lassen. Was muss ich alles einpacken? Was muss ich in der Halle alles vor dem Spiel erledigen? Wie läuft ein Spiel ab?
Es ist für uns alle eine lange Auszeit gewesen und wir müssen Wert darauf legen, nicht wie der Ochs vor dem Berg zu stehen, wenn wir wieder in die Halle kommen. Ich kann daher allen nur empfehlen, so zu tun, als würden sie gerade erst anfangen zu pfeifen. Wir haben auch unsere Fortbildungen entsprechend angepasst.
Das heißt?
Unsere Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter müssen jährlich eine Fortbildung absolvieren. Statt uns mit Spezifika der roten Karte zu beschäftigen, haben wir uns dieses Mal jedoch mit dem Wiedereinstieg beschäftigt. Während die Schiedsrichter in der Bundesliga fast durchgehend gepfiffen haben, waren wir auf Kreisebene mit dem Kopf in den vergangenen Monaten in der Regel überall, nur nicht beim Pfeifen.
Daher haben wir die Grundsätze wiederholt, mit denen wir uns in der zurückliegenden Zeit nicht beschäftigt haben. Wie bedient man den Online-Spielbericht? Welche Angaben muss wer wo eintragen? Was bekomme ich als Spielleitungsentschädigung? Wie war das noch einmal genau mit dem Fahrtgeld?
Zu diesen Abläufen gab es auf den bisherigen Lehrgängen im Kreis viele Fragen. Mein Eindruck ist, dass es schon vorher für viele nicht ganz klar war – und dann ist alles über Corona noch mehr in Vergessenheit geraten. Wir haben daher viele positive Rückmeldungen erhalten. Ich denke, es ist uns gelungen, unseren Schiedsrichtern dadurch Sicherheit vor dem Start zu vermitteln.
Sprich: Über die Konzentration auf die Basics die Routine wiederfinden?
Genau. Eigentlich sind diese Punkte natürlich total langweilig. In normalen Zeiten hätten wir die wertvolle Zeit auf den Lehrgängen anders genutzt und über solche Grundlagen nie gesprochen, aber gerade jetzt sind sie umso wichtiger. Ich nehme mich da gar nicht aus: Bevor ich zu meinem ersten Spiel in die Halle gehen werde, werde ich mir die Basics durch den Kopf gehen lassen. Der Ablauf ist ja gespeichert, man muss jetzt nach der langen Pause allerdings hervorrufen, wie das eigentlich war …
Sie haben jetzt in erster Linie über den organisatorischen Rahmen gesprochen, weniger über den Moment ab dem Anpfiff. Wie kann man dafür sorgen, vom Kopf her bereit zu sein, wieder zu pfeifen?
Meine Empfehlung wäre es, schon einmal in eine Halle zu fahren, bevor man selbst pfeift – oder zumindest ein Handballspiel im Fernsehen zu gucken, um das Wissen, was in den vergangenen Monaten in den Hintergrund gerückt ist, wieder hervorzuholen.
Wenn ich ein Beispiel geben darf: Wenn du merkst, dass das Spiel, was du angepfiffen hast, innerhalb der ersten Minuten unheimlich langweilig wird, bist du aufgeschmissen, wenn du erst auf dem Spielfeld überlegst, ob beim passiven Spiel jetzt fünf, sechs oder sieben Pässe erlaubt sind. Ich halte es auch für sinnvoll, am Spieltag früher als gewöhnlich in die Halle zu kommen, damit man sich direkt vor dem Spiel noch einmal mental darauf vorbereiten kann, was man gleich machen muss.
Wie sinnvoll ist es aus Ihrer Sicht, sich aufgrund der langen Pause noch einmal mit dem Regelwerk zu beschäftigen?
Das Regelwerk von der ersten bis zur letzten Seite durchzulesen, halte ich nicht für sinnvoll, das ist zu theoretisch. Es gibt allerdings online viele Möglichkeiten, Regelfragen zu absolvieren – das ist viel interaktiver, als einfach nur die PDF-Datei des Regelfragenkatalogs zu scrollen. Auch das Schiedsrichterportal bietet ja die Möglichkeit, Regeltests zu machen. Das ist durchaus zu empfehlen.
Ich kann interessierten Schiedsrichtern auch unseren Instagram-Account ans Herz legen; dort gibt es beispielsweise jeden Mittwoch die so genannte „Regelfrage der Woche". Wir hatten überlegt, wie wir unsere Leute trotz Lockdown erreichen, ohne sie mit E-Mails zu nerven, die oft einfach gelöscht werden. Ein Medium wie Instagram dafür zu nutzen, auf dem die Leute ohnehin aktiv sind, hat sich ausgezahlt.
(Anmerkung der Portal-Redaktion: Unsere offizielle Aus- und Fortbildungsplattform des DHB bietet unter den Rubriken "Pfiff der Woche" wie auch "Wie würden Sie entscheiden?" weitere Anregungen, um Ihr Regelwissen aufzufrischen!)
Welche Vorbereitung empfehlen Sie in Bezug auf die Corona-Situation?
Es ist wichtig, Augen und Ohren offen zu halten, da sich die aktuellen Regularien unheimlich oft ändern. Wir haben es auf Kreisebene einfacher als die Bundesliga-Schiedsrichter, weil wir im Bundesland verankert sind und uns nicht mit den bundesweiten Regelungen auseinandersetzen müssen.
Außerdem kann man sich, denke ich, darauf verlassen, dass das Spiel nicht stattfinden wird, wenn die Gefahr zu groß ist. Und es wird auch jeder verstehen, wenn ein Schiedsrichter aus Sorge vor einer Ansteckung lieber nicht pfeifen möchte. Dann sollte man aussetzen, bis die Lage aus der eigenen Sicht sicherer wird.
Wie werden Sie als Kreisverband in solchen Fällen vorgehen? Es gibt ja beispielsweise Regularien, wie viele Spiele ein Schiedsrichter pro Saison pfeifen muss, um seinen Schein nicht zu verlieren bzw. um für den Verein angerechnet zu werden.
Wenn die Saison stattfinden kann, gelten diese Regularien natürlich. Wenn jedoch ein Schiedsrichter an uns herantreten würde und uns mitteilt, dass er noch nicht wieder pfeifen will – beispielsweise, weil er noch nicht doppelt geimpft ist – lassen wir ihn natürlich aussetzen und finden gemeinsam eine Lösung. Das ist aus meiner Sicht im Sinne des Sportgeistes völlig vertretbar. Wir hoffen natürlich, dass das lediglich Einzelfälle sein werden.
Allerdings hat es solche Ausnahmeregelungen auch vor Corona schon gegeben. Bei uns im Kreis muss man drei Spiele pfeifen, um angerechnet zu werden. Wer pfeifen will, schafft das im Regelfall, aber wenn das nicht möglich war, haben wir immer faire Lösungen gefunden – wenn jemand zum Beispiel studienbedingt im Ausland war oder aufgrund einer Verletzung nicht pfeifen konnte.
Da muss man aus meiner Sicht auch die Kirche im Dorf lassen: Beim Soll-Ist-Vergleich, für den die Anrechnung der Schiedsrichter entscheidend ist, geht es nicht darum, Strafen zu verteilen oder einzelne Schiedsrichter abzustrafen, sondern Vereine, die gute Arbeit machen, zu belohnen und dadurch einen Anreiz für die Ausbildung neuer Schiedsrichter zu schaffen.
Wie erleben Sie aktuell die Stimmung unter "Ihren" Schiedsrichtern?
Wir sind einer der wenigen Kreishandballverbände, die vor allem im letzten Jahr eine Präsenzfortbildung durchgeführt haben. Viele unser „alten Hasen“ haben sich unheimlich gefreut, dass wir uns bei den Lehrgängen wiedersehen konnten. Die jährliche Fortbildung, die sonst oft als undankbarer Pflichttermin wahrgenommen wurde, wurde sowohl im letzten als auch in diesem Jahr von vielen freudig begrüßt. Wir haben eine gewisse Dankbarkeit gespürt, und auch eine Wertschätzung unserer Arbeit.
Abschließend: Wie schätzen Sie die Lage ein? Werden Ihre Schiedsrichter pfeifen können bzw. dürfen?
Wir wissen nicht, wie es weitergeht – eventuell wird der Handball auf unserer Ebene weiterhin nicht möglich sein. Wir bereiten uns aber natürlich so vor, als würde es bald losgehen – alles andere wäre fahrlässig. Entsprechend bin ich sehr froh, dass wir letztens endlich die Ausbildung unserer neuen Schiedsrichter im Rahmen eines Turniers durch Abnahme der nunmehr verbindlichen praktischen Prüfungen fast komplett abschließen konnten – nach einer monatelangen Zwangspause.
Wir haben den Lehrgang im letzten Sommer mit 50 Teilnehmenden gestartet und haben bis jetzt 18 neue Gespanne durch die Prüfung gebracht. Die praktischen Prüfungen für drei Gespanne stehen noch aus. Natürlich ist es schade, dass wir ein paar Interessenten durch die Unterbrechung verloren haben, aber diejenigen, die dabei geblieben sind, konnten jetzt erstmals Praxis sammeln. Jetzt warten wir alle gemeinsam ab, ob die Saison starten kann.