Jutta Ehrmann-Wolf (Quelle: DHB)
Redaktion: Die Saison 2023/24 hat einige Veränderungen für die Schiedsrichter:innen in der Bundesliga mit sich gebracht – wie den Videobeweis und einen neuen Medienpartner. Wie fällt Ihre Bilanz aus?
Jutta Ehrmann-Wolf: In Summe ziehe ich ein positives Fazit; auch, wenn es eine sehr herausfordernde Saison für alle Beteiligten war. Der Videobeweis war natürlich die große Neuerung, aber auch das richtige Händchen bei der Besetzung der Spiele war eine ständige Herausforderung. Dass in Schulze/Tönnies und Kuttler/Merz zwei deutsche Schiedsrichter-Teams zu den Olympischen Spielen fahren, ist für das Schiedsrichterwesen des Deutschen Handballbundes ein historischer Erfolg und unterstreicht unsere internationale Stellung. Diese Tatsache freut mich sehr für unsere vier Top-Schiedsrichter:innen, dass sie mit diesen Nominierungen für ihre Leistung ausgezeichnet werden.
Die internationale Stellung des deutschen Schiedsrichterwesens zu stärken, war ein großes Ziel, als Sie vor drei Jahren Ihren Job angetreten haben. Inwiefern sind Sie auch abseits der beiden Olympia-Teams zufrieden?
Ich finde es elementar, dass wir als Handball-Land, das unter anderem die stärkste Handballliga der Welt stellt, auch bei allen Top-Events mit Schiedsrichtern vertreten sind. Wir haben schließlich jede Woche die Plattform, um die besten Spieler der Welt zu pfeifen und in diesem Punkt sind wir sehr gut aufgestellt.
Ramesh und Suresh Thiyagarajah sind für die U20-Weltmeisterschaft nominiert. Im Young Referee Project haben wir mit den Bärmann-Brüdern zwei hoffnungsvolle Talente und mit van Os/Odabas auch ein junges Frauengespann, das gezielt gefördert wird. Und Hellbusch/Jansen sind Kandidaten für die EHF, die sicherlich noch viel an sich arbeiten müssen, aber von ihrer Grundperformance bereits zeigen, dass sie mit der notwendigen Arbeit international ein sehr gutes Team werden können.
Zudem stellen wir inzwischen vier EHF- und drei IHF-Delegierte, von denen Kay Holm in Paris vertreten sein wird. Darüber hinaus vertrete ich Deutschland bei der EHF und bei der IHF sind wir in den Kommissionen des Schiedsrichterwesens ebenfalls doppelt vertreten. Das ist wichtig, um Tendenzen und Neuerungen im Regelwerk hautnah mitverfolgen und mitgestalten zu können.
Wie fällt Ihr Fazit mit Blick auf den Videobeweis?
Wir können zufrieden mit der ersten Saison sein. Wir haben einen Nullstart gemacht, denn wir hatten ja keine groß angelegte Testphase, sondern haben das System direkt ab dem 1. Spieltag implementiert. Technisch hat es anfangs natürlich noch ein bisschen geruckelt, aber das haben wir nach den ersten Spieltagen in enger kooperativer Abstimmung mit den Verantwortlichen der HBL fast flächendeckend im Griff gehabt. Kleinere Ausfälle gab es immer wieder, aber das passiert, sobald Technik im Spiel ist.
Aus Schiedsrichtersicht haben wir die neue Aufgabe gut gelöst. Man darf nicht vergessen, dass unsere Schiedsrichter einen komplett neuen Prozess verinnerlichen mussten. Wenn man 400 oder 500 Spiele ohne Videobeweis gemacht hat, muss man seine neue Routine erst einmal finden. Wir arbeiten immer wieder Situationen heraus, die eigentlich etwas für den Videobeweis gewesen wären, aber das wird sich in Zukunft festigen und weiter etablieren. Natürlich gibt es auch trotz des Videobeweises noch Fehlentscheidungen, aber in Summe ist der Videobeweis ein Tool, der die Zukunft bestimmen und noch weiter an Relevanz gewinnen wird.
Blicken wir auf die personelle Aufstellung: Welche Veränderungen wird es in den Kadern geben?
Wir sind aktuell in der Planung, denn es kommen gerade noch die letzten Coaching-Ergebnisse, aus der 3. Liga und dem Nachwuchsbereich rein. Die Kaderzusammensetzung für die kommende Saison werden wir dann in den nächsten zwei, drei Wochen bekannt geben. Was ich zum jetzigen Zeitpunkt schon sagen kann: Das Schiedsrichter-Team Grobe/Kinzel wird seine Karriere beenden. Das ist sportlich und menschlich ein sehr großes Verlust. Sie haben viele Spiele im Spitzenbereich gepfiffen. Wir hoffen sehr, dass wir in Zukunft von ihrer Erfahrung in anderer Funktion profitieren können.
Während es im Elitekader meist ein oder zwei Veränderungen gibt, gab es im Bundesligakader im vergangenen Sommer einen großen Umbruch. Wie hat der Kader die Saison gemeistert?
Wir haben mit Hörath/Hofmann ein klares Flaggschiff im Kader. Timo und Thomas gehen mit ihrer Erfahrung voraus, sie sind absolut zuverlässig und haben zum Beispiel ein exzellentes Halbfinale im Frauenpokal gepfiffen. Sie sind das Zugpferd für die jungen Leute, von denen sich viele in der vergangenen Saison gut entwickelt haben.
Teilweise spüren wir jedoch, dass die jungen Schiedsrichter in diesem Kader in einem Alter sind, wo es noch viele Veränderungen im Arbeits- und Privatleben gibt – auch Auslandssemester waren vor 20 Jahren beispielsweise noch nicht gang und gäbe. Da gibt es sicherlich die ein oder andere Situation, wo wir nachjustieren müssen, was die Bereitschaft angeht, die Dienstleistung Schiedsrichter zu erbringen.
Wir sind seitens des Deutschen Handballbundes verpflichtet, die bestmögliche Besetzung zu jedem Spiel zu schicken und dafür brauchen wir einen zur Verfügung stehenden Pool an Schiedsrichtern, aus dem wir ansetzen können. Wir können uns nicht komplett nach jedem Schiedsrichter richten, das wäre der falsche Weg.
Unsere Spitzenleute wie Schulze/Tönnies und Kuttler/Merz bauen ihr Privat- und Berufstermine um die Pfeiftermine herum und nicht umgekehrt. Ihre Karriere ist kein Zufall, sondern basiert auf dem hundertprozentigen Einsatz und der Bereitschaft, (fast) alles der Schiedsrichterei unterzuordnen.
Robert Schulze und Tobias Tönnies sind zum vierten Mal in Folge zu den Schiedsrichtern der Saison gewählt. Wie wichtig sind sie als Vorbild?
Ich habe Robert und Tobias noch als Kollegen erlebt, als sie 2007 als junge Kerle in die 1. Bundesliga gekommen sind. Sie kamen als Hoffnungsträger in den Elitekader und haben sich über die Jahre zu hervorragenden Schiedsrichtern und Persönlichkeiten entwickelt. Sie gehen mit großem Vorbild voran und es ist elementar, solche Zugpferde zu haben, denn unser Nachwuchsproblem ist immer noch vorhanden.
Wir brauchen solche Rolemodels, damit junge Menschen sehen, wie toll das Hobby Schiedsrichter sein kann und wie es sich zu einer Berufung entwickeln kann. Für uns ist es sehr, sehr wichtig, dass die Schiedsrichterei in der Öffentlichkeit gepusht wird, um Nachwuchs zu gewinnen.
Stichwort Vorbilder: Das Projekt Basis trifft Spitze bringt Amateurschiedsrichter in Kontakt mit den Bundesligareferees. Wie zufrieden sind Sie mit der Entwicklung?
„Basis trifft Spitze“ hat sich zu einem Selbstläufer entwickelt. Das Highlight war natürlich die Saisoneröffnung als wir mit knapp 1.500 Schiedsrichtern, Zeitnehmern und Sekretären beim Supercup waren. Seitdem haben wir regelmäßig Veranstaltungen durchgeführt und einige Landesverbände setzen das mit ihren Erst- oder Zweitligist bereits in Eigenregie um. Wir unterstützen natürlich und stellen unsere Schiedsrichter dafür zur Verfügung. Auch die Bundesligisten ziehen toll mit und stellen Karten zur Verfügung.
Es gibt inzwischen sogar Unterprojekte – der HV Niedersachen/Bremen hat Schiedsrichter des Monats gewählt, die ein Meet&Greet mit Schulze/Tönnies in der Kabine bekommen haben. So etwas finde ich toll. Unsere Schiedsrichter machen das gerne und sind auch immer bereit, Rede und Antwort zu stehen. Das Produkt wird daher auch in der nächsten Saison weiterlaufen.
Wie schätzen Sie generell die Situation an der Basis ein?
Die Menschen an der Basis kämpfen! In vielen Landesverbänden sind es Ehrenamtliche, die nebenbei noch Staffeln leiten und Ansetzungen machen - und um jeden neuen Schiedsrichter kämpfen. Sie stecken ihr ganzes Herzblut in dieses Thema. Wir hatten im April unsere Tagung mit den Landesschiedsrichterwarten und Landeslehrwarten und sind jetzt dabei, ein, zwei Ansatzpunkte herauszuarbeiten, mit denen wir die Basis noch gezielter unterstützen können.
Wir werden beispielsweise die grüne Pfeife einführen - oder welche Farbe wir am Ende dafür wählen - eine Kampagne, die speziell junge Schiedsrichter schützen sollen. Da können wir wirklich helfen, hoffe ich. Wir haben auch sehr gute Beispiele in den Landesverbände, die als Best Practice auf der Tagung vorgestellt wurden, denn man muss die Welt nicht neu erfinden, wenn es wirklich um jeden einzelnen neuen Schiedsrichter geht.