Die Ausführung des Anwurfs aus der Anwurfzone – Betreten der Anwurfzone durch einen Abwehrspieler

Die Möglichkeit, den Anwurf aus der Anwurfzone auszuführen, hat sich insgesamt positiv auf eine schnelle Spielfortsetzung ausgewirkt. Sie erleichtert den Schiedsrichtern in vielen Situationen die Spielleitung. Gleichzeitig entstehen Spielsituationen, in denen die Schiedsrichter innerhalb kürzester Zeit beurteilen müssen, ob die Ausführung regelkonform erfolgt oder eine Regelwidrigkeit vorliegt. Eine schnelle und zugleich sichere Wahrnehmung und regeltechnische Einordnung dieser Situationen sind daher von besonderer Bedeutung.

Was im Video geschieht

Mannschaft GELB erzielt ein Tor. Der Torwart von ROT holt den Ball aus dem Tor und spielt ihn zu ROT 18, der sich mit Ball vollständig in die Anwurfzone begibt. Erst nachdem sich sowohl der Werfer als auch der Ball vollständig innerhalb der Anwurfzone befinden, gibt der Schiedsrichter den Anwurf frei.

ROT 18 beabsichtigt zunächst, den Ball zu ROT 3 zu spielen, der in die Anwurfzone einläuft. Der Abwehrspieler GELB 74 erkennt das geplante Zuspiel, läuft zwischen beide Angreifer und betritt dabei deutlich die Anwurfzone. ROT 18 zögert aufgrund dieser Aktion kurz mit der Ausführung, spielt den Ball anschließend jedoch zu ROT 3, der den Pass kontrollieren kann. GELB 74 läuft danach ohne Ball- oder Körperkontakt links an ROT 3 vorbei und verlässt die Anwurfzone. ROT 3 wirkt kurz irritiert, setzt das Spiel anschließend jedoch mit einem Pass zu ROT 10 fort.

Die Schiedsrichter lassen das Spiel weiterlaufen und weisen den Abwehrspieler auf sein Verhalten hin.

Regeltechnische Einordnung

Der Anwurf darf erst freigegeben werden, wenn sich Ball und Werfer vollständig innerhalb der Anwurfzone befinden.

Nach dem Anpfiff ist der Anwurf innerhalb von drei Sekunden aus der Anwurfzone in beliebiger Richtung auszuführen (Regeln 10:3, 13:1a und 15:7).

Dabei gilt insbesondere:

  • Die Mitspieler des Werfers dürfen die Mittellinie vor dem Anpfiff nicht überschreiten, sofern sie sich nicht bereits innerhalb der Anwurfzone befinden (Regel 15:6).
  • Der Werfer darf die Begrenzung der Anwurfzone vor der Ausführung mit keinem Körperteil überschreiten.
  • Innerhalb der Anwurfzone darf sich der Werfer bewegen; nach dem Anpfiff ist jedoch kein Prellen mehr zulässig.
  • Der Anwurf darf im Laufen, jedoch nicht im Sprung ausgeführt werden.

Wann gilt der Anwurf als ausgeführt?

Der Anwurf gilt als ausgeführt, wenn

  • der Ball die Hand des Werfers verlassen hat und anschließend die Begrenzung der Anwurfzone vollständig überschreitet oder
  • der Ball zu einem Mitspieler gespielt und von diesem berührt oder kontrolliert wird – auch dann, wenn dies noch innerhalb der Anwurfzone geschieht.

Verhalten der Gegenspieler

Nach einem Tor dürfen sich die Abwehrspieler grundsätzlich in beiden Spielfeldhälften aufhalten.

Bis zur Ausführung des Anwurfs gilt jedoch:

  • Sie müssen sich außerhalb der Anwurfzone befinden.
  • Sie dürfen weder den Ball noch einen Angreifer innerhalb der Anwurfzone berühren.
  • Ein Aufenthalt unmittelbar außerhalb der Anwurfzone ist zulässig.

Regeltechnische Bewertung

Die IHF hat für diese Situationen klare Leitlinien veröffentlicht.

Bei einer falschen Positionierung eines Abwehrspielers ohne körperlichen Kontakt zum Werfer gilt:

  • Beeinflusst die falsche Positionierung das Spiel nicht, wird auf Vorteil entschieden; eine persönliche Bestrafung erfolgt nicht. Gegebenenfalls ist eine persönliche Ermahnung auszusprechen.
  • Beeinflusst die falsche Positionierung das Spiel, kann die Vorteilsregel nicht angewendet werden. In diesem Fall erfolgt eine progressive Bestrafung.
  • Erfolgt das Verhalten ausschließlich mit sabotierendem Charakter – beispielsweise durch deutliches Hineinlaufen in die Anwurfzone unmittelbar vor dem Werfer oder durch bewusstes Blockieren der Anwurfausführung –, ist unmittelbar auf Hinausstellung (2 Minuten) zu erkennen.

Im vorliegenden Beispiel betritt GELB 74 deutlich die Anwurfzone, ohne dabei den Werfer oder dessen Mitspieler körperlich zu berühren. Dennoch beeinflusst seine regelwidrige Positionierung die Spielfortsetzung unmittelbar. ROT 18 verzögert aufgrund des Verhaltens des Abwehrspielers die Ausführung des Anwurfs.

Damit liegt keine Situation vor, in der die Vorteilsregel angewendet werden kann. Nach den IHF-Guidelines ist das Spiel zu unterbrechen und GELB 74 progressiv zu bestrafen.

Einordnung im Regelwerk

Diese Bewertung steht im Einklang mit den Handballregeln:

  • Regel 8:7 c) bewertet das Verzögern der Wurfausführung der gegnerischen Mannschaft – etwa durch das Nichteinhalten des vorgeschriebenen Abstandes oder vergleichbare Verhaltensweisen – als unsportliches Verhalten, das progressiv zu bestrafen ist.
  • Regel 8:8 g) betrifft dagegen das aktive Verhindern der Wurfausführung durch das Nichteinhalten des vorgeschriebenen Abstandes oder andere Regelverstöße, welche die Ausführung des Wurfs tatsächlich verhindern. Dieses Verhalten ist mit einer direkten Hinausstellung (2 Minuten) zu ahnden.

Fazit

Das bloße Betreten der Anwurfzone führt nicht automatisch zu einer Hinausstellung. Entscheidend ist vielmehr die Auswirkung auf die Spielfortsetzung:

  • Keine Beeinflussung des Spiels: Vorteil, keine persönliche Strafe; gegebenenfalls Ermahnung.
  • Beeinflussung oder Verzögerung der Spielfortsetzung: Spielunterbrechung und progressive Bestrafung.
  • Aktives Verhindern oder bewusstes Sabotieren der Anwurfausführung: direkte Hinausstellung.

Die IHF-Guidelines konkretisieren damit die Anwendung der Regeln 8:7 c) und 8:8 g) und schaffen eine klare Abgrenzung zwischen einer bloßen Verzögerung der Spielfortsetzung und einem aktiven Verhindern der Anwurfausführung. Dies sorgt für eine einheitliche und nachvollziehbare Regelauslegung im internationalen und nationalen Spielbetrieb.