Die Ausführung des Anwurfs aus der Anwurfzone

Im Topspiel der Daikin Handball-Bundesliga der Männer zwischen der SG Flensburg-Handewitt und den Füchsen Berlin fielen beim 40:39-Endstand insgesamt 79 Tore in 60 Spielminuten. Jedes erzielte Tor zieht einen Anwurf nach sich. Für die Schiedsrichter bedeutete dies 79 Anwürfe nach Torerfolgen sowie je einen Anwurf zu Spielbeginn und zum Beginn der zweiten Halbzeit. Insgesamt mussten also 81 Anwürfe in einem Spiel beurteilt und freigegeben werden.

Ein Großteil dieser Anwürfe wurde schnell ausgeführt. Die Schiedsrichter sind daher permanent gefordert, nach einem Torerfolg unmittelbar umzuschalten, ihre Position anzupassen und den Anwurf aufmerksam zu überwachen. Nur durch einen wachen Blick und einen klaren Pfiff kann sichergestellt werden, dass der Anwurf regelgerecht erfolgt.

Dieses Beispiel verdeutlicht, wie wichtig es für Schiedsrichter ist, auch auf wiederkehrende Spielsituationen wie den Anwurf jederzeit vorbereitet zu sein. Gerade bei schnellen Spielfortsetzungen entscheidet die Aufmerksamkeit der Schiedsrichter über einen regelkonformen Spielverlauf. Mit diesem Beispiel wollen wir einen bestimmten Aspekt der Anwurfausführung hervorheben, auf den Schiedsrichter besonders achten müssen.


Was ist in Video 1 zu sehen?

In der 12. Spielminute erzielt Mannschaft ROT das 16. Tor zum 8:8-Ausgleich. Der Torwart von Mannschaft GRÜN holt den Ball zügig aus dem Tor und spielt ihn zu seinem Mitspieler GRÜN 5.

Der Schiedsrichter gibt den Anwurf frei, sobald folgende Voraussetzungen erfüllt sind:

  • GRÜN 5 befindet sich mit Ball vollständig in der Anwurfzone,
  • alle Mitspieler von GRÜN stehen vor der Mittellinie.

Kein Spieler von Mannschaft ROT befindet sich beim Rückzug innerhalb der Anwurfzone.

Nach dem Anpfiff beabsichtigt GRÜN 5, den Anwurf zu GRÜN 25 zu spielen, der sich außerhalb der Anwurfzone befindet. Da GRÜN 25 jedoch von ROT 63 eng gedeckt wird, entscheidet sich GRÜN 5 gegen den direkten Pass. Er wartet kurz und spielt den Ball anschließend zu GRÜN 15. Zu diesem Zeitpunkt haben alle Mitspieler von GRÜN bereits die Mittellinie überquert und befinden sich in der gegnerischen Hälfte.


Was ist in Video 2 zu sehen?

In der 17. Spielminute erzielt Mannschaft ROT das 24. Tor zur 13:11-Führung. Der Torwart von GRÜN holt erneut schnell den Ball aus dem Tor und passt ihn zu GRÜN 5, der diesmal langsamer mit Ball in die Anwurfzone geht.

Der Schiedsrichter pfeift den Anwurf an, sobald:

  • GRÜN 5 mit Ball vollständig in der Anwurfzone steht,
  • sich seine Mitspieler deutlich vor der Mittellinie befinden.

Kein Spieler von ROT betritt beim Rückzug die Anwurfzone.

Nach dem Anpfiff möchte GRÜN 5 den Anwurf ausführen. Es befindet sich kein Mitspieler in der Anwurfzone. ROT 63, der außerhalb der Anwurfzone steht, versucht nach dem Anpfiff, einen möglichen Pass abzufangen. Aufgrund dieser Abwehraktion entscheidet sich GRÜN 5, nicht sofort zu passen, sondern wartet, bis sich GRÜN 15 freigelaufen hat. Erst dann führt er den Anwurf aus.


Regeltechnische Einordnung

Der Anpfiff zum Anwurf durch die Schiedsrichter darf nur erfolgen, wenn sich der Ball und der Werfer vollständig innerhalb der Anwurfzone befinden.

Die Spieler der abwehrenden Mannschaft müssen sich außerhalb der Anwurfzone aufhalten. Sie dürfen sich direkt an der Linie positionieren, jedoch weder den Ball noch einen Gegenspieler innerhalb der Anwurfzone berühren, solange der Anwurf noch nicht als ausgeführt gilt (15:4, 8:7c, 8:8g).

Der Anwurf ist innerhalb von drei Sekunden nach dem Anpfiff von der Anwurfzone aus in beliebiger Richtung auszuführen (13:1a, 15:7 Abs. 3).

Die Mitspieler des Werfers dürfen die Mittellinie vor dem Anpfiff nicht überschreiten, es sei denn, sie befinden sich selbst innerhalb der Anwurfzone (15:6).

Der Werfer darf die Anwurfzonenlinie mit keinem Körperteil überschreiten, bevor der Anwurf als ausgeführt gilt (13:1a, 15:7 Abs. 3).

Er darf sich innerhalb der Anwurfzone bewegen, den Ball jedoch nach dem Anpfiff nicht mehr prellen (13:1a, 15:7 Abs. 3).

Der Anwurf darf im Laufen, jedoch nicht springend ausgeführt werden (13:1a, 15:7 Abs. 3).

Wann gilt der Anwurf als ausgeführt?

Der Anwurf gilt als ausgeführt, wenn

  • der Ball die Hand des Werfers verlassen hat und anschließend die Anwurfzonenlinie vollständig überquert, oder
  • der Ball gepasst wird und von einem Mitspieler berührt oder kontrolliert wird, auch wenn dies innerhalb der Anwurfzone geschieht.

Regelbewertung der gezeigten Szenen

In beiden Videos erfolgte der Anpfiff korrekt, da sich GRÜN 5 mit Ball vollständig innerhalb der Anwurfzone befand.

Zum Zeitpunkt des Anpfiffs hatten:

  • der Werfer,
  • alle Mitspieler von GRÜN (in der eigenen Hälfte),
  • sowie die Spieler der abwehrenden Mannschaft ROT

jeweils regelgerechte Ausgangspositionen eingenommen.

Durch die jeweilige Aktion von ROT 63 kam es bei der Ausführung des Anwurfs zu einer kurzzeitigen Verzögerung. Auch während dieser Verzögerung verhielt sich GRÜN 5 regelkonform:

  • Er bewegte sich ausschließlich innerhalb der Anwurfzone,
  • prellte den Ball nicht nach dem Anpfiff,
  • verließ die Anwurfzone erst nach regelgerechter Ausführung des Anwurfs.

In beiden Szenen wurde der Anwurf zudem innerhalb der vorgeschriebenen 3-Sekunden-Regel ausgeführt:

  • im ersten Beispiel nach ca. 1,8 Sekunden,
  • im zweiten Beispiel nach ca. 2,5 Sekunden.

Damit waren beide Anwürfe regelgerecht.


Fazit

Schiedsrichter müssen beim Anwurf stets auch auf die konsequente Einhaltung der 3-Sekunden-Regel vorbereitet sein. Gerade bei verzögerten Ausführungen ist eine präzise Zeitkontrolle erforderlich. Wie anspruchsvoll diese Beurteilung im Spielalltag sein kann, verdeutlicht der Beitrag „3-Sekunden-Regel – DHB Schiedsrichterportal“ vom 22.04.2024.