Leeres Tor – welche Beobachtungen fließen in die Schiedsrichterentscheidung ein?
Das Video zeigt ein angreifendes Team, dessen Tor zugunsten eines weiteren Feldspielers verlassen ist. Der Spieler auf der Rückraum-Mitte-Position wirft auf das gegnerische Tor. Sein Wurf wird jedoch vom Torwart aufgenommen und unmittelbar danach Richtung leeres Tor der zuvor angreifenden Mannschaft geworfen. Mit letztem Engagement gelingt es einem zurücklaufenden Feldspieler, den Ball über die Torauslinie abzuwehren. Bei seiner Abwehraktion befindet er sich bereits deutlich im eigenen Torraum.
Hier die regeltechnische Einordnung von DHB-Schiedsrichterwart Wolfgang Jamelle:
Gemäß Regel 14:1 ist von den Schiedsrichtern auf 7-m-Wurf zu entscheiden, wenn durch einen Spieler der gegnerischen Mannschaft regelwidrig eine klare Torgelegenheit vereitelt wird. Der Ort des regelwidrigen Verhaltens ist dabei unerheblich. Es gilt die gesamte Spielfläche.
Eine der zahlreichen Möglichkeiten, regelwidrig eine klare Torgelegenheit der gegnerischen Mannschaft zu vereiteln, findet sich in den Bestimmungen der Regel 6:2c. Wenn ein Abwehrspieler durch Betreten des Torraums eine klare Torgelegenheit vereitelt, ist auf 7-m-Wurf für die nicht fehlbare Mannschaft zu entscheiden. Unter dem Begriff „Betreten“ versteht der Regelgeber das deutliche Eintreten in den Torraum und nicht das bloße Berühren der Torraumlinie (siehe auch Satz 2 der Regel 6:2c).
Zusätzliche Informationen über den Begriff der „klaren Torgelegenheit“ erhalten die Schiedsrichter durch die IHF-Erläuterung 6. Gemäß der dort unter dem Buchstaben c) dargestellten Situation besteht eine klare Torgelegenheit auch dann, wenn ein Gegenspieler mit Ball- und Körperkontrolle eine klare und ungehinderte Möglichkeit zum Wurf des Balls ins leere Tor der gegnerischen Mannschaft hat.
Zu den gegnerischen Spielern gehört selbstverständlich auch der Torwart einer Mannschaft. In unserem Videobeispiel hat er volle Ball- und Körperkontrolle wie auch eine klare und ungehinderte Möglichkeit zum Wurf auf das leere gegnerische Tor. Zudem ist eindeutig zu erkennen, dass der Torwart direkt auf das leere Tor zu werfen versucht (siehe hierzu auch neue Guideline zur Regel 14:1 und IHF-Erläuterung 6c).
Wird nun dieser Wurf regelwidrig vereitelt (Ausführung behindert oder unterbunden oder durch Betreten des Torraums abgewehrt), ist auf 7-m-Wurf zu entscheiden.
Die progressive Bestrafung nicht vergessen
So weit, so gut könnte man meinen. Doch eine weitere, schon länger bekannte Guideline weist auf eine zusätzlich erforderliche Entscheidung hin: Gemäß der Guideline zur Regel 8:7f ist im obigen Videobeispiel auch noch eine progressive Bestrafung des Feldspielers erforderlich.
Spielt eine Mannschaft ohne Torwart und verliert den Ball, ist ein Feldspieler dieser Mannschaft, der den eigenen Torraum mit dem Ziel betritt, sich einen Vorteil zu verschaffen, progressiv zu bestrafen. Für den Bereich des DHB hat der Schiedsrichterlehrstab beschlossen, dass extensives, regelwidriges Abwehrverhalten in Torwartmanier, wie es auch im heutigen Videobeispiel zu beobachten ist, immer mit einer 2-Minuten-Hinausstellung geahndet werden muss.
Pfiff der Woche
Unter der Rubrik "Pfiff der Woche" präsentieren wir jeweils eine beachtenswerte Szene aus dem aktuellen Spielbetrieb der Bundesligen von Männern und Frauen – und gegebenenfalls auch aus den Ligen darunter. Warum die ausgewählten Situationen besondere Beachtung verdienen? Nun, weil sie einen bestimmten Regelaspekt verdeutlichen, der uns Schiedsrichtern nicht in jedem Spiel „vor die Pfeife“ kommt.