Foto: IMAGO/Kolektiff
Drei ausgewählte neuro-kognitive Faktoren, die Schiedsrichterentscheidungen beeinflussen
Die Entscheidungen von Handballschiedsrichtern haben in jeder Begegnung einen großen Einfluss auf den Spielverlauf und sind damit für alle am Spiel beteiligten Personen von großer Relevanz. Nicht nur für Spieler und Trainer, sondern auch für die Zuschauer sind nachvollziehbare Entscheidungen für ein fair verlaufendes Handballspiel wichtig. Was beeinflusst denn eigentlich unsere Entscheidungen und wie entstehen sie? Samuel, Tenenbaum und Galily (2021) integrieren in ihrem Modell zu Schiedsrichterentscheidungen unterschiedliche Faktoren, hierzu zählen: Feldpositionierung, Expertise, psychologische Faktoren, körperliche Fitness und Ermüdung, visuelle Aufmerksamkeit, Kontextfaktoren, Teamfaktoren und Spielmanagement. Entscheidungen werden somit nicht als sehr einfacher Reiz-Reaktionsprozess verstanden, sondern als multifaktorieller Entscheidungsprozess angesehen.
In diesem Beitrag haben wir uns drei Effekte rausgesucht, die Einflüsse auf viele Schiedsrichterentscheidungen haben, jedoch nur selten bewusst wahrgenommen werden: Reihenfolgeeffekte bei Entscheidungen über den Spielverlauf, akustische Beeinflussung durch die Spieler und das Publikum sowie visuelle Aufmerksamkeit bei Entscheidungen (Abbildung 1). Das Ziel dieses Beitrags ist es, Wissen über diese Effekte zu vermitteln und über ihre Einflüsse auf die Entscheidungen aufzuklären. Neben der Reflexion nach dem Spiel kann es hilfreich sein, sich auf mögliche kritische Situationen vorzubereiten, um dann entsprechend individuelle Strategien zur Bewältigung anwenden zu können.
1. Reihenfolgeeffekte bei Entscheidungen über den Spielverlauf
Eine Leitlinie für Schiedsrichter ist die progressive Bestrafung, die durch eine abgestufte Strafverschärfung ein kontrolliertes Spielmanagement ermöglicht. Hierfür sieht das Regelwerk allseits bekannte Maßnahmen vor: Ermahnung (keine Strafe), Verwarnung, Hinausstellung, Disqualifikation und Disqualifikation mit Bericht. Diese kontinuierliche Anpassung des Strafmaßes erhöht die Nachvollziehbarkeit und die Akzeptanz der Entscheidungen. Abweichend von der progressiven Entscheidungslinie müssen bei einer Regelwidrigkeit mit besonderer Schwere direkt härtere Strafen ausgesprochen werden. Welchen Einfluss eine oder mehrere Entscheidungen dieser Art auf die progressive Linie hat, müssen die Schiedsrichter abhängig vom aktuellen Spielgeschehen beurteilen und das Spielmanagement auf die neue Situation anpassen. Reihenfolgeeffekte treten unabhängig vom weiteren Spielgeschehen auf und können einen Einfluss auf die Entscheidungen haben. Sie verzerren die Beurteilungen der nachfolgenden Spielszenen, indem das Strafmaß nach einer Regelwidrigkeit mit besonderer Schwere unbewusst verschärft wird.
Um die Reihenfolgeeffekte zu untersuchen, haben wir in einer experimentellen Studie Handballschiedsrichter gebeten, Videos von Foulspielen hinsichtlich des angemessenen Strafmaßes zu beurteilen. Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass trotz der Anweisung „Beurteile jede Spielszene einzeln (ohne progressive Linie)“, Spielszenen nach einem besonders schweren Foulspiel häufiger und härter mit einer Bestrafung beurteilt wurden. Abbildung 2 zeigt beispielhaft eine Folge von Foulspielen und die Einschätzung eines Experten über die Härte der Foulspiele. Dargestellt sind vier Vergehen der gleichen Mannschaft in der ersten Halbzeit des Spiels. Bei den ersten drei Situationen erfolgt das Vergehen entweder von hinten (Situation A und C) oder von der Seite (Situation B) und richtet sich somit ausschließlich auf den Körper des Gegenspielers. In der Regel folgt eine Bestrafung im Bereich der Hinausstellung oder der Disqualifikation.
Bei der letzten Situation erfolgt das Abwehrverhalten von vorne und der Abwehrspieler kann den Angreifer mit einem „fairen“ Foul stoppen. In unserem Experiment beurteilten die Schiedsrichter Situation D häufiger im Bereich der Verwarnung oder Hinausstellung, wenn sie vorher harte Foulspiele beurteilen mussten – obwohl keine Strafe erforderlich wäre.
Die Reihenfolge der Entscheidung verzerrt somit die Beurteilung und kann dazu beitragen, dass unangemessene progressive Bestrafungen ausgesprochen werden. Über die Ursache der Reihenfolgeeffekte können wir derzeit noch wenig sagen. Es könnte sich um eine erfahrungsbedingte Strategie zur Kontrolle des Spiels handeln oder um die Absicht, erneute schwere Foulspiele durch konsequente Bestrafung zu unterbinden. Ein Schiedsrichter kann also die Erfahrung gemacht haben, dass nach einem schweren Foulspiel häufig weitere schwere Foulspiele auftreten und der Spielverlauf unruhig wird. Mit verschärften Maßnahmen wird die Spielkontrolle aufrechterhalten. Sollte allerdings der Schiedsrichter seine Maßnahmen verschärfen, ohne dass schwere Foulspiele auftreten, kann die Akzeptanz der Maßnahmen sinken.
Fazit
Sollten Sie von Ihrer progressiven Linie abweichen müssen, seien Sie sich über die Reihenfolgeeffekte bewusst und versuchen Sie, die nachfolgenden Spielsituationen möglichst objektiv zu beurteilen. Angemessene Beurteilungen ermöglichen es Ihnen, Ihre progressive Linie wiederaufzunehmen und tragen zur Akzeptanz der folgenden Entscheidungen bei.
2. Akustische Beeinflussung durch Spieler und Zuschauer
Stellen Sie sich vor, ein Spieler mit Ballbesitz wird bei einem Zweikampf von einem Gegenspieler angegangen und fängt dabei laut an zu schreien. Schiedsrichter müssen in kurzer Zeit die schwierige Entscheidung treffen, ob es ein Foulspiel gab und es eine Bestrafung geben muss. Zur Bewertung der Situation versuchen Schiedsrichter visuell, die Handlungen wahrzunehmen und anschließend ein angemessenes Urteil vorzunehmen. Nicht immer stehen allerdings ausreichend Informationen zur Verfügung, z. B. bei verdeckten Handlungen. Hierbei sind Schiedsrichter darauf angewiesen, Informationen zielgerichtet zusammenzuführen und die richtigen Annahmen zu treffen.
Studien zeigen, dass Schiedsrichter bei ihrer Bewertung der Spielsituation auch von den akustischen Ausrufen der Spieler beeinflusst werden. Lex, Pizzera, Kurtes und Schack (2015) untersuchten den Einfluss von Spielerausrufen bei Foulspielen im Fußball. Schiedsrichter mussten Fußballszenen mit und ohne deutliche Spielerausrufe beurteilen. Die Ergebnisse zeigten, dass die Ausrufe keinen Einfluss auf die Entscheidung „Foul oder kein Foul“ hatten, jedoch bei Foulentscheidungen häufiger die gelbe Karte gezeigt wurde. Weitere Untersuchungen hinsichtlich des akustischen Einflusses wurden zu Zuschauerausrufen durchgeführt. Nevill, Balmer und Williams (2002) untersuchten den Einfluss von Publikumslärm auf die Schiedsrichterentscheidungen. Hierbei zeigte sich, dass Schiedsrichter bei Zweikampfsituationen mit Publikumsgeräuschen weniger Fouls gegen die Heimmannschaft vergaben als Schiedsrichter, die keine Hintergrundgeräusche hörten.
Fazit
Akustische Informationen haben einen Einfluss auf Ihre Entscheidungen. Diese können jedoch von den Spielern und Zuschauern bewusst eingesetzt werden, um Ihre Entscheidungen zu beeinflussen. Ist Ihre Sicht bei einer Foulsituation verdeckt, sollten Sie sich nicht ausschließlich auf akustische Signale verlassen. Vielmehr sollten andere Strategien, wie beispielsweise das Einnehmen einer anderen Beobachtungsposition oder die Kommunikation mit dem Teampartner über Headset bzw. Zeichen, genutzt werden.
3. Selektive Aufmerksamkeit bei Entscheidungen
Unter selektiver Aufmerksamkeit verstehen wir den kognitiven Prozess, bestimmte Handlungen oder Objekte zu fokussieren, während wir gleichzeitig andere Ereignisse ausblenden. Richten wir beispielsweise unsere komplette Aufmerksamkeit auf einen dynamischen Zweikampf auf der halblinken Position, passiert es, dass wir nicht bemerken, wie der einlaufende Rechtsaußen-Angreifer durch den Kreis läuft. Auf der anderen Seite können wir durch die Fokussierung die dynamischen Informationen des Zweikampfs gezielter wahrnehmen.
Wir benötigen also die selektive Aufmerksamkeit, um unsere begrenzte kognitive Verarbeitungskapazität auf eine Spielszene zu lenken. Dies ermöglicht somit einen detaillierten Blick auf das Spielgeschehen, klammert allerdings die Wahrnehmung von anderen Regelverstößen aus. In einer aufsehenerregenden Untersuchung veröffentlichten Simons und Chabris (1999) die selektive Aufmerksamkeit, indem sie Versuchspersonen die Pässe von Basketballern zählen ließen. Manche Versuchspersonen bemerkten nicht, dass, während sich die Spieler den Ball zuspielten, eine Frau mit Regenschirm oder ein Gorilla durch die Gruppe ging.
Fazit
Es ist wichtig zu wissen, wann Sie die selektive Aufmerksamkeit anwenden, um eine Situation genau wahrzunehmen. Ebenso kann ein aktiver Wechsel der Position – je nach Spielsituation – hilfreich sein, um wesentliche Foulspiele oder Regelverstöße wahrzunehmen. Des Weiteren kann gelegentlich durch Antizipation ein schwer wahrzunehmendes Vergehen erkannt und geahndet werden.
Über die Autoren
Marvin Völkening
- Schiedsrichter seit 2014
- seit 2018 Schiedsrichter im DHB
- Schiedsrichter im Nachwuchskader des DHB
- Lehramtsstudent im Master of Education für die Fächer Sportwissenschaften und Biologie
Ludwig Vogel
- Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsbereich „Neurokognition und Bewegung – Biomechanik“ in der Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft an der Universität Bielefeld
Die Literaturliste ist über die Autoren erhältlich.