Die Aufhebung des Vorwarnzeichens
REGELTECHNISCHE EINORDNUNG VON KAY HOLM, LEITER BEREICH LEHRE IM DHB-SCHIEDSRICHTERWESEN
Aufhebung des Vorwarnzeichens
Bei der Aufhebung des Vorwarnzeichens spielt es keine Rolle, ob vor und nach dem vierten Pass der Torwurf erfolgt. Es gilt, prallt der Ball dann nach einem Torwurf von Tor oder Torwart wieder zur angreifenden Mannschaft zurück, ist die Beurteilung „Passives Spiel“ nicht länger gültig und die Wirkung des Handzeichens wird aufgehoben. Da die Angreifer ja eine Torwurfsituation herausgespielt hatten, gibt es eigentlich kein Indiz mehr für Passives Spiel und damit für ein Fortdauern der Vorwarnphase.
Erläuterung 4 aus dem Regelwerk
Wenn nach Anzeigen des Vorwarnzeichens die ballbesitzende Mannschaft einen Torwurf ausführt und der Ball vom Tor oder Torwart direkt zu ihr zurückprallt, ist die Beurteilung „Passives Spiel“ nicht länger gültig. Dies trifft auch zu, wenn ihr nach dem Torwurf ein Einwurf zugesprochen wird.
Beachte: Dies gilt auch, wenn ein Abwehrspieler unmittelbar vor oder nach dem Kontakt des Balles mit Tor oder dem Torwart diesen ebenfalls berührt oder berührt hatte.
Die Wirkung des Vorwarnzeichens ist ebenfalls aufgehoben, wenn ein Spieler oder Offizieller der in der Abwehr befindlichen Mannschaft nach Anzeigen des Vorwarnzeichens eine persönliche Strafe wegen regelwidrigen oder unsportlichen Verhaltens erhält. In diesen beiden Situationen wird der ballbesitzenden Mannschaft zwar eine neue Aufbauphase gestattet, aber nach dem erfolglosen Angriff ist die Wiederaufbauphase kürzer.
In dem heutigen Beispiel führt die angreifende Mannschaft ROT bereits nach dem 1. Pass einen Torwurf aus. Der Ball prallt aber nicht vom Tor oder Torwart wieder zurück zur angreifenden Mannschaft, sondern wird bereits von der Abwehr BLAU geblockt und gelangt dann über einen kleinen Umweg wieder zurück zur angreifenden Mannschaft ROT.
In diesem Beispiel müssen wir uns aber genau um diesen kleinen Umweg kümmern und analysieren. Schauen wir nochmals in die Erläuterung 4 (C. Handhabung des Vorwarnzeichens). Hier heißt es. „Ein Angriff […] endet mit einem Torerfolg oder Ballverlust. Daher müssen wir uns auch mit der Frage beschäftigen, in welchen Fällen ist eine Mannschaft in Ballbesitz (und wann hat damit die andere Mannschaft den Ball verloren (Ballverlust). Eine Mannschaft befindet sich in Ballbesitz, der ein formaler Wurf (Anwurf, Abwurf, Einwurf, Freiwurf, 7-m-Wurf) zugesprochen wurde oder zuzusprechen ist (z. B. der Ball hat soeben die Seitenlinie vollständig überquert).
Gemäß Regel 6:5 Abs. 1 Satz 1 ist die Mannschaft des Torwarts, in dessen Torraum der Ball rollt, in Ballbesitz (Ball bleibt regeltechnisch im Spiel) und gemäß Abs. 2 Satz 1 ist die Mannschaft des Torwarts ebenso in Ballbesitz, wenn der Ball im Torraum liegenbleibt (Ball ist regeltechnisch aus dem Spiel). Ein im Torraum springender Ball bleibt gemäß Regel 13:4b im Besitz derjenigen Mannschaft, die zuletzt in Ballbesitz gewesen ist.
Die vorgenannten Situationen beschreiben den Ballbesitz, sind aber für das heutige Beispiel nicht relevant. Daher müssen wir uns auf eine weitere Situation fokussieren, denn grundsätzlich befindet sich eine Mannschaft in Ballbesitz, wenn einer ihrer Spieler den Ball unter Kontrolle hat. Hier ist das Halten eines Balls mit beiden oder einer Hand ebenso gemeint wie ein kontrolliertes Prellen des Balls.
Es ist aber zu beachten, dass das bloße Abwehren, berühren des Balles durch einen gegnerischen Feldspieler (oder Torwart – hier nicht relevant) nicht zum Ballbesitz für die abwehrende Mannschaft führt.
Mit den vorliegenden Informationen können wir nunmehr den kleinen Umweg richtig analysieren und bewerten. Denn die Kernfrage in diesem Beispiel ist, hatte BLAU 22 den Ball unter Kontrolle und damit Ballbesitz bzw. Mannschaft ROT dadurch Ballverlust und ist damit das Vorwarnzeichen nicht mehr gültig bzw. aufzuheben?
Im Video ist klar zu erkennen, dass sich BLAU 22 zwar um die Kontrolle des Balles bemüht, aber eben diese nicht erreicht. Das heißt, es liegt hier eindeutig kein Ballverlust von Mannschaft ROT vor, sodass sie weiterhin in Ballbesitz und der Angriff noch nicht abgeschlossen ist. Somit ist das Vorwarnzeichen für Passives Spiel weiterhin gültig und anzuzeigen. Mit Aufnahme des Balles durch 33 ROT wäre dies der 2. zählbare Pass. Danach verbleiben noch zwei Pässe bis zum Torwurf.
Fazit
In der Regel einfacher ist die Beurteilung, wenn der Ball nach einem Torwurf vom Torwart oder Tor zur angreifenden Mannschaft zurückprallt. Damit ist das Vorwarnzeichen aufgehoben. Etwas diffiziler wird es, wenn der von einem Abwehrspieler geblockte Block wieder zurück in Richtung Spielfeld springt und sich Abwehr- wie Angriffsspieler um den Ball bemühen.
Wenn aber klar ist, wann wer Ballbesitz hat bzw. wann er keinen Ballbesitz hat, wird auch diese Situation wieder einfacher zu beurteilen und zu entscheiden sein.
Pfiff der Woche
Unter der Rubrik "Pfiff der Woche" präsentieren wir jeweils eine beachtenswerte Szene aus dem aktuellen Spielbetrieb der Bundesligen von Männern und Frauen – und gegebenenfalls auch aus den Ligen darunter. Warum die ausgewählten Situationen besondere Beachtung verdienen? Nun, weil sie einen bestimmten Regelaspekt verdeutlichen, der uns Schiedsrichtern nicht in jedem Spiel „vor die Pfeife“ kommt.