Quelle: DHB

Der Torwart als Feldspieler

Wenn der Torwart den Torraum verlässt oder verlassen hat und dann noch ein langer Pass gespielt wird, müssen bei den Schiedsrichtern immer die Alarmglocken angehen. Anhand des heutigen Beispiels soll verdeutlicht werden, dass nicht nur ein Zusammenprall außerhalb des Torraums passieren kann, der aber nicht automatisch mit einer Disqualifikation für den Torwart verbunden sein muss (s. Beitrag vom 27.03.23), sondern auch andere Situationen, die der Schiedsrichter richtig erkennen, beurteilen und entscheiden muss.

Was im Video geschieht

Mannschaft GELB ist im Angriff. Der Ball gelangt in den Torraum von Mannschaft SCHWARZ. Torwart SCHWARZ führt den Abwurf als langen Pass zur tempogegenstoßlaufenden Mitspielerin aus, die den Ball ungehindert aufnehmen kann. Torwart Mannschaft GELB hatte den Torraum verlassen und erkannt, dass sie den Pass nicht abfangen kann. Während die Spielerin Mannschaft SCHWARZ mit Blick nach vorne Richtung Tor läuft, verschiebt die Torhüterin Mannschaft GELB seitlich ihre Position in den Laufweg der Angreiferin. Angreiferin SCHWARZ erkennt die Situation und geht gegen die Wurfarmseite an der Torhüterin GELB mit einer Finte vorbei. Die Torhüterin hält die Angreiferin erst seitlich, dann von hinten am Wurfarm, die sich aber losreißen und noch ein Tor erzielen kann. Der Torschiedsrichter erkennt auf Tor für Mannschaft SCHWARZ, gibt dann Time out und anschließend der Torhüterin GELB eine Hinausstellung.  

Regeltechnische Einordnung von Kay Holm, Leiter Bereich Lehre im DHB-Schiedsrichterwesen

Unbestritten ist, der Torwart hat beim Herauslaufen generell die besten Wahrnehmungsmöglichkeiten einen Zusammenprall zu vermeiden.

Gemäß Regel 5:3 ist es dem Torwart erlaubt, den Torraum ohne Ball zu verlassen und im Spielfeld mitzuspielen. Er unterliegt in diesem Fall den Spielregeln für die im Feld spielenden Spieler (mit Ausnahme der Situation in Regel 8:5 Kommentar Absatz 2).

Dies bedeutet: Versucht er als Feldspieler, sich im Zweikampf mit einem Gegenspieler mit Ball regelgerecht zu verhalten, darf er nicht benachteiligt werden. Versucht er aber durch regelwidrige Aktionen gegen einen Gegenspieler eine klare Torgelegenheit zu vereiteln, müssen diese wie die eines Feldspielers geahndet werden.

Die Aktion der Torhüterin (als Feldspielerin) ist klar regelwidrig. In dem Beispiel sind die Kriterien der Regel 8:5 Kommentar nicht erfüllt bzw. kommen erst gar nicht zur Anwendung, denn es erfolgt auch kein Zusammenstoß. In solchen Situationen treffen die Schiedsrichter eine Entscheidung aufgrund ihrer Tatsachenentscheidung auf Grundlage der Regel 5:3.

Nach Gewährung des Vorteils ist eine Hinausstellung die angemessene Strafe. Daher ist die Entscheidung der Schiedsrichter korrekt.

Hinweis

Es sei der Hinweis hier erlaubt, dass das Rückzugsverhalten und anschl. Stellungsspiel nicht ganz optimal ist. Auch die Körpersprache bei der Anzeige der Hinausstellung ist nicht günstig. Der Schiedsrichter steht zu dicht an der Spielerin – die Anzeige der Hinausstellung sollte mit mindestens mit einer Armlänge Abstand gegeben werden.