Quelle: DHB
Der Torschiedsrichter
Die eigene Grundposition situationsgerecht korrigieren
Beispiel 1
Deutlich ist zu erkennen, dass der Torwart die Beobachtungsperspektive des Torschiedsrichters versperrt. Den Anlauf und einen möglichen Körperkontakt kann er so nicht beurteilen. Auch das Vorbeugen des Oberkörpers verbessert seine Perspektive nicht. Das Betreten des Torraums durch den Abwehrspieler und/oder Angreifer ist so kaum wahrzunehmen. Stattdessen müsste er einen kurzen Schritt in den Torraum ausführen, um die gesamte Situation besser beobachten zu können.
Beispiel 2
Schon mit einem kleinen Schritt in den Torraum kann der Torschiedsrichter sein Blickfeld verbessern.
Vergleich der Beobachtungsperspektiven des Torschiedsrichters bei Wurfaktionen auf seiner Seite
Die linke Grafik zeigt eine Momentaufnahme unmittelbar beim Absprung des Außenspielers. Relevante Beobachtungskriterien (z. B. Fuß berührt die Torraumlinie, regelwidriger Körperkontakt des Abwehrspielers) können hier aus einer Position an der Torauslinie nur sehr schwer beobachtet werden, da Blicksprünge notwendig sind. Verändert der Torschiedsrichter rechtzeitig bei Erkennen der Wurfsituation stattdessen seine Grundposition wie in der rechten Grafik, indem er sich je nach Situation rückwärts und oder seitwärts bewegt, vergrößert und verbessert er seinen Beobachtungswinkel deutlich. So kann er die sehr schnell ablaufenden Aktionen wesentlich besser im Detail beobachten.
Wie kann nun der Torschiedsrichter diese sehr schnell ablaufenden Aktionen aus kürzester Distanz detailliert beobachten?
Die meisten Torschiedsrichter verharren wie „angewurzelt“ in ihrer Grundposition hinter der Torauslinie. Um aber z. B. das Berühren des Torraums und den regelwidrigen Stoß des Abwehrspielers von der Seite gezielt beobachten zu können, ist der sogenannte Blicksprung von unten nach oben entscheidend. Für ein sicheres Erfassen dieser sehr schnell ablaufenden Aktionen muss der Torschiedsrichter aber seine Position verändern. Durch eine veränderte Position um ein bis zwei Schritte hinter die Torauslinie (oder wenn die Platzverhältnisse es nach hinten nicht zulassen, auch zur Seite) wird die Beobachtungsperspektive bei Außenaktionen auf seiner Seite deutlich verbessert. Es kann dann die gesamte Aktion wesentlich besser beobachtet werden. Das Zurücksinken mit ein bis zwei Schritten sollte diagonal in Richtung Tor erfolgen, um so Distanz und Perspektive zum Geschehen optimal zu vergrößern! Alternative kann der TSR auch durch Verschieben zur Ecke seinen Blickwinkel deutlich verbessern. Eine Position in der Nähe des Tores ist dann sinnvoll möglich (Gefahr vom abprallenden Ball getroffen zu werden), wenn genügend Platz nach hinten ist. In der Regel ist in Hallen der unteren Klassen das aufgrund der räumlichen Verhältnisse jedoch nicht immer gegeben.
Passieren solche Situationen auf der Gegenseite, hat er im Prinzip zunächst eine für die Beobachtung günstige Grundposition. Jedoch versperrt oft der Torwart die Sicht für den Torschiedsrichter. Daher sollte der Torschiedsrichter wie bereits dargestellt je nach Situation für einen kurzen Moment ein bis zwei Meter in den Torraum gehen, um einen besseren Blickwinkel zu erreichen. Nur dann kann er frühzeitig und gezielt den Anlauf und Absprung des Außenspielers sowie das Abwehrverhalten eines Gegenspielers (Lauf durch den Torraum, kurzer Stoß oder Festhalten des Außenspielers, Provozieren eines Angreiferfouls etc.) beobachten. Der Vorteil des Schritts in den Torraum ist höher einzuschätzen als die Gefahr, von einem abprallenden Ball getroffen zu werden. Hierbei ist aber vor dem Betreten des Torraums die Außengruppe auf der Seite des TSR zu beobachten, da sonst das Einlaufen oder der Versuch eines Kempas womöglich zu spät erkannt werden.
Nachfolgend zwei aktuelle Beispiele, die die Problematik, aber auch im zweiten Beispiel das vorbildliche Stellungsspiel und Beobachtungsverhalten, aufzeigen.
Video 1
Wie es nicht passieren sollte:
Was im Video geschieht
Mannschaft ORANGE ist im Angriff. Rückraum-Rechts (RR) ORANGE 28 spielt den Ball zum Rechtsaußen (RA) ORANGE 26, der frei von seiner Position in den Torraum springt. Anstatt aber von dieser freien Position auf das Tor zu werfen, spielt er den Ball zu dem einspringenden Linksaußen (LA) ORANGE 3. Während des Passes vom RA zum LA und dem zeitgleichen Sprung des LA zum Kempa in den Torraum, macht der Torschiedsrichter mehrere Schritte in den Torraum. Der LA kann zwar den Pass fangen, landet aber durch den Zusammenprall mit dem Torschiedsrichter mit gefasstem Ball im Torraum. Der Torschiedsrichter entscheidet zunächst auf Abwurf Mannschaft GRÜN. Nach Timeout beraten sich die beiden Schiedsrichter kurz. Das Spiel wird dann mit Abwurf Mannschaft GRÜN fortgesetzt.
Regeltechnische Einordnung von Kay Holm, Leiter Bereich Lehre im DHB-Schiedsrichterwesen
Der Torschiedsrichter wollte durch die Vorwärtsbewegung in den Torraum einen besseren Blickwinkel erreichen. Beim Betreten des Torraums hat er aber die Außengruppe nicht beachtet, da er von einem direkten Torwurf des RA ausgegangen ist. Mit dem Kempa hatte er nicht gerechnet bzw. das Abspiel nicht erkannt.
Die Entscheidung auf Abwurf ist insoweit richtig, da der LA nach dem Zusammenprall mit Ball in der Hand im Torraum gelandet ist. Das Stellungsspiel des Torschiedsrichters ist in diesem Fall mehr als ungünstig. Hier gilt dann wieder der berühmte Spruch, der Schiedsrichter ist Luft (siehe auch hierzu den Artikel vom 09.05.2022).
Hätte der Torschiedsrichter die Außengruppe beachtet und den Kempa antizipiert, wäre der Schritt in den Torraum sehr wahrscheinlich geringer ausgefallen und er auf den sofortigen Rückzug hinter die Torauslinie vorbereitet gewesen. Wäre es nicht zu dem Zusammenprall gekommen und er hätte alles richtig gemacht, dann hätte er in einer optimalen Beobachtungsposition durch den Blicksprung gesehen, dass der LA ORANGE 3 beim Absprung die Torraumlinie bereits betreten hat. Damit ist die Entscheidung auf Abwurf in jedem Fall korrekt bzw. wäre korrekt gewesen.
Dass Mannschaft GRÜN den Ball im Rahmen von Fair Play wieder an ORANGE zurückspielt, ist mehr als eine sportlich faire Geste.
Video 2
Wie es sein sollte:
Was im Video geschieht
Mannschaft BLAU ist im Angriff. RR BLAU 32 spielt den Ball zum RA BLAU 26, der in den Torraum springt und anstatt auf das Tor zu werfen, den Ball quer durch den Torraum zum Kempa auf seinen LA BLAU 31 spielen will. Abwehrspieler Außen-Rechts (AR) ORANGE 96 hat dies erkannt, erreicht vor BLAU 31 den Ball und spielt diesen im Sprung zurück zu seinem Mitspieler ORANGE 95. Der Torschiedsrichter entscheidet dann auf 7-m-Wurf für Mannschaft BLAU.
Regeltechnische Einordnung von Kay Holm
Der Torschiedsrichter hat die Situation insgesamt sehr gut erkannt und gehandelt. Er macht richtigerweise zunächst nur einen kleinen Schritt in den Torraum, um den Absprung des RA BLAU 32 sowie das Verhalten des Abwehrspielers Außen-Links (AL) besser beobachten zu können. BLAU 32 steht beim Absprung nicht auf der Torraumlinie. Ohne den Blick dann abzuwenden, verfolgt er die Flugbahn des Balles. Gut erkennbar sind dann sofort der Blickwechsel und Blicksprung des Torschiedsrichters sowie der gleichzeitige Rückzug hinter die Torauslinie, um seinen Beobachtungswinkel weiter zu verbessern. Nur durch das optimierte Stellungsspiel und gute Beobachtungsverhalten konnte der Torschiedsrichter erkennen, dass der Abwehrspieler AR deutlich im Torraum stehend den Ball vor dem einspringenden LA BLAU 31 wegspielt.
Der Abwehrspieler hat somit regelwidrig eine klare Torgelegenheit gemäß Regel 14:1 und Erläuterung 6 vereitelt. Daher ist nicht nur das Stellungsspiel des Torschiedsrichters vorbildlich, sondern auch die Entscheidung auf 7-m-Wurf für Mannschaft BLAU regelgerecht und richtig (auch wenn Mannschaft ORANGE das nicht ganz wahrhaben will).
Fazit für den Torschiedsrichter
- Nicht wie ein Denkmal starr in der Grundposition an der Torauslinie verharren!
- Je nach Situation ist die Grundposition zwecks besserer Beobachtungsperspektive nach vorn oder nach hinten bzw. zur Seite zu verändern!
- Der sogenannte Blicksprung von unten nach oben ist auch entscheidend!
- Bei Wurfaktionen auf der entfernten Außenposition ist - bei Positionsveränderungen in den Torraum - der Außen auf der eigenen Seite zu beachten, um mögliche Kempa nicht zu be- bzw. verhindern!
Im Video 1 hätte auch die Grundregel aus dem Straßenverkehr rechts vor links dem Torschiedsrichter geholfen.
Pfiff der Woche
Unter der Rubrik "Pfiff der Woche" präsentieren wir jeweils eine beachtenswerte Szene aus dem aktuellen Spielbetrieb der Bundesligen von Männern und Frauen – und gegebenenfalls auch aus den Ligen darunter. Warum die ausgewählten Situationen besondere Beachtung verdienen? Nun, weil sie einen bestimmten Regelaspekt verdeutlichen, der uns Schiedsrichtern nicht in jedem Spiel „vor die Pfeife“ kommt.