Quellen: DHB

Der Torraum gehört zum Torwart

Dieser Pfiff der Woche setzt sich ausführlich und durch mehrere Videobeispiele veranschaulicht mit Regel 6:3 auseinander.

Regel 6:3 beschreibt also zwei Situationen, in denen der Schiedsrichter entscheiden muss, ob sich der Angreifer beim Betreten des Torraums einen Vorteil verschafft hat oder nicht. Die Entscheidung des Schiedsrichters hängt also von folgender Bewertung ab:

  • Vorteil für den Angreifer (= Nachteil für den Gegenspieler) oder
  • kein Vorteil für den Angreifer (= kein Nachteil für den Gegenspieler).

Sollte ein Spieler der angreifenden Mannschaft mit Ball den Torraum der gegnerischen Mannschaft berühren/betreten oder ohne Ballbesitz durch das Betreten des Torraums einen Vorteil erlangen, ist die Spielfortsetzung Abwurf (Regel 6:2).

In den heutigen Videobeispielen geht es um das Betreten des Torraums nach Spielen des Balls. 

Video 1: Werfer betritt den Torraum

Was im Video geschieht

Mannschaft SCHWARZ ist im Angriff. Rückraum Links SCHWARZ 11 spielt den Ball zum einlaufenden Kreisläufer SCHWARZ 10, der regelgerecht die Abwehr hinterläuft und anschließend ungehindert zum Wurf kommt. Der Heber geht aber nichts ins Tor, sondern landet an der Latte und prallt zurück Richtung Spielfeld. SCHWARZ 10 betritt nach dem Wurf deutlich den Torraum und läuft dem Ball hinterher. Als er erkennt, wohin der Ball geht, bewegt er sich rückwärts aus dem Torraum, nimmt den Ball außerhalb des Torraums vor Abwehrspieler GRÜN 82 wieder auf und wirft erneut. Der Heber ist nunmehr erfolgreich. Die Schiedsrichter entscheiden auf Tor.  

Regeltechnische Einordnung von Kay Holm, Leiter Bereich Lehre im DHB-Schiedsrichterwesen

Unter Bezugnahme der oben genannten zwei Kriterien ist hier die Entscheidung im Grunde eindeutig (auch wenn der Schiedsrichter eine anderslautende Entscheidung getroffen hat): Der Angreifer hat sich durch das Betreten des Torraums nach dem Wurf zweifelsohne einen Vorteil verschafft. Der Angreifer muss nach dem Wurf und dem anschließenden Betreten des Torraums diesen auf dem direkten oder kürzesten Weg wieder verlassen. Durch die Aktion des Kreisläufers SCHWARZ 10 hat der Abwehrspieler keine Chance mehr, regelgerecht in Ballbesitz zu gelangen (Nachteil für den Abwehrspieler). Hier muss die Entscheidung für die Spielfortsetzung lauten: ABWURF!

Video 2: Betreten des Torraums nach dem Wurf

Was im Video geschieht

Mannschaft ROT ist im Angriff, als ROT 6 ungehindert aus zentraler Position am Kreis auf das Tor wirft. Der Wurf wird vom Torwart gehalten und der Ball prallt Richtung Spielfeld, während ROT 6 weiter in den Torraum geht und dabei den Torwart (eher unbeabsichtigt) nach hinten schiebt. Rechtsaußen ROT kommt in Ballbesitz und wirft auf das Tor, während ROT 6 noch hinter dem Torwart im Torraum steht.

Regeltechnische Einordnung von Kay Holm, Leiter Bereich Lehre im DHB-Schiedsrichterwesen 

Unter Bezugnahme der oben genannten zwei Kriterien ist auch in diesem Beispiel die Entscheidung eindeutig: Hier wird der Torwart behindert (zunächst wird er in eine ungünstigere Position durch ROT 6 nach hinten geschoben und anschließend noch irritiert). Die Entscheidung bzw. die Spielfortsetzung muss lauten: ABWURF! Dies haben die Schiedsrichter sehr gut erkannt und, noch bevor der Ball ins Tor geht, auf Abwurf entschieden.

Video 3: Behinderung des Torwarts

Was im Video geschieht

Spieler SCHWARZ/GELB 8 kommt am Kreis frei zum Torwurf. Der Ball geht nicht ins Tor, sondern prallt von der Latte zurück Richtung Spielfeld, während SCHWARZ/GELB 8 nach dem Wurf den Torraum auf dem kürzesten Weg wieder verlässt. Ein Mitspieler landet nach einer Rettungsaktion im Torraum vor den Füßen des Torwarts von ROT, kann jedoch den Ball noch korrekt zu seinem Kreisläufer spielen. Dieser wirft freistehend und erzielt ein Tor. Die Schiedsrichter entscheiden auf Tor für SCHWARZ/GELB.

Regeltechnische Einordnung von Kay Holm, Leiter Bereich Lehre im DHB-Schiedsrichterwesen 

Unter Bezugnahme der oben genannten zwei Kriterien ist hier die Entscheidung auch eindeutig: Der im Kreis liegende Spieler bleibt zwar passiv, behindert jedoch den Torwart in seiner Bewegungsfreiheit. Auch hier muss die Entscheidung Abwurf lauten.

Fazit

In derartigen Situationen muss der Schiedsrichter beurteilen, ob das Betreten des Torraums für den Angreifer ein Vorteil war oder nicht bzw. ob dadurch ein Nachteil für die abwehrende Mannschaft entstand. 

Ein Verlassen des Torraums muss auf dem direkten bzw. kürzesten Weg erfolgen. Läuft der Angreifer dem Ball im Torraum hinterher – auch wenn kein Abwehrspieler in der Nähe ist –, muss die Entscheidung, die Spielfortsetzung ABWURF sein.

Selbst wenn der Angreifer nach dem Wurf den Torraum auf dem kürzesten Weg verlässt, dies aber ein Nachteil für den Abwehrspieler ist, muss auf Abwurf entscheiden werden. Nur wenn das Verlassen des Torraums auf dem kürzesten Weg kein Nachteil für den Abwehrspieler bedeutet, muss der Schiedsrichter dies laufen lassen.

Dieses Betreten des Torraums bleibt nur dann folgenlos, wenn der Angriffsspieler die Gegenspieler – und hier vor allem den Torwart! – nicht behindert oder irritiert und den Torraum auf dem kürzesten Weg sofort wieder verlässt.