Quelle: DHB
Der Spielerwechsel – manchmal fehlt die Übersicht
Spieler richtig ein- und auswechseln
Auswechselspieler dürfen – mit einer Ausnahme – jederzeit eingewechselt werden. Beim Wechselvorgang ist darauf zu achten, dass zunächst der auszuwechselnde Spieler das Spielfeld regelgerecht, d. h. über die eigene Auswechsellinie, verlässt und der dann einwechselnde Spieler dieses ebenfalls nur über die eigene Auswechsellinie betritt (Regel 4:4).
Betritt ein zusätzlicher Spieler die Spielfläche ohne Auswechslung, erhält dieser Spieler eine Hinausstellung.
Wann darf ein Spieler die Spielfläche außerhalb der eigenen Auswechsellinie verlassen (Regel 4:4 Kommentar)?
Nur in wenigen Ausnahmefällen ist es gestattet, dass ein Spieler die Spielfläche außerhalb der Auswechselzone verlässt:
- bei Hinausstellungen, jedoch nur in sportlich fairer Weise (keine Vergehen …)
- bei schweren Verletzungen mit Zustimmung der Schiedsrichter
- bei kurzfristigem Verlassen der Spielfläche ohne Wechselabsicht
Wer ist der fehlbare Spieler?
- Der einwechselnde Spieler, wenn er das Spielfeld zu früh betritt.
- Grundsätzlich der Spieler, der (als erster Spieler) das Spielfeld nicht über die eigene Auswechsellinie betritt oder verlässt.
- Ein zusätzlicher Spieler (Regel 4:6), der das Spielfeld unabhängig von einer Auswechslung betritt.
- Ein hinausgestellter Spieler, der das Spielfeld vor Ablauf seiner Hinausstellungszeit betritt.
Begehen mehrere Spieler einer Mannschaft gleichzeitig einen Wechselfehler, ist nur der erste Spieler, der diese Regelwidrigkeit begeht, zu bestrafen (Regel 4:5).
Wer kontrolliert den Auswechselvorgang (Regel 18:1)?
Es ist eine gemeinsame Aufgabe von Zeitnehmer und Sekretär. Beide zusammen kontrollieren die ordnungsgemäße Besetzung der Auswechselbänke. Darüber hinaus überwachen sie die Auswechselvorgänge. Die Beobachtung der Auswechselvorgänge und Auswechselbänke wird in der Regel zwischen Zeitnehmer und Sekretär aufgeteilt: Jeder übernimmt die Mannschaft auf seiner Seite.
Bei Wechselfehlern hat nur der Zeitnehmer sofort – ohne Berücksichtigung einer eventuell bestehenden Vorteilssituation – zu pfeifen und die Spielzeit anzuhalten.
Hier die regeltechnische Einordnung von Kay Holm, Leiter Bereich Lehre im Schiedsrichterwesen des DHB:
In unserem Beispiel verlassen zwei Spielerinnen von Mannschaft SCHWARZ regelgerecht die Spielfläche über die eigene Auswechsellinie. Zuerst wechselt SCHWARZ 13 ein, danach SCHWARZ 20. Damit wäre der Wechselvorgang regelgerecht abgeschlossen, da sich nunmehr wieder sechs Feldspielerinnen von SCHWARZ auf der Spielfläche befinden. Mit Betreten des Spielfelds von SCHWARZ 18 sind es kurzzeitig sieben Feldspielerinnen.
Hier liegt gemäß Regel 4:4 Abs. 1 ein Wechselfehler vor, der gemäß Regel 4:5 Abs. 1 Satz 1 mit einer Hinausstellung zu bestrafen ist. Es ist aber noch zu prüfen, ob das Verhalten von SCHWARZ 20 ebenfalls als Wechselfehler zu bewerten und zu ahnden gewesen wäre.
Auszuschließen ist, dass es sich hier um einen nicht zu ahndenden Fall gemäß Kommentar zur Regel 4:4 handelt. Ebenso kommt eine Bewertung im Sinne der Regel 7:10 als taktisches Verlassen der Spielfläche nicht in Frage.
Bereits in dem Moment, als SCHWARZ 20 die Spielfläche außerhalb der eigenen Auswechselmarkierung wieder in den eigenen Auswechselraum verlässt, liegt ein weiterer Wechselfehler von Team SCHWARZ vor. Für sich genommen, stellt auch das neuerliche Betreten der Spielfläche außerhalb der eigenen Auswechselmarkierung einen Wechselfehler dar. Hieran ändert auch die Aufforderung durch den Offiziellen B nichts.
Dass seitens der Schiedsrichter dennoch keine weitere Hinausstellung gegen Team SCHWARZ ausgesprochen werden musste, ist durch Regel 4:5 Abs. 1 Satz 2 begründet. Hiernach sind Wechselfehler mehrerer Spieler einer Mannschaft in der gleichen Situation nur einmal mit Hinausstellung zu bestrafen. Dabei haben die Schiedsrichter nur den ersten der fehlbaren Spieler zu bestrafen. Da der im Video skizzierte Ablauf im Sinne der zitierten Regel 4:5 Abs. 1 Satz 2 als eine zusammenhängende Situation angesehen werden kann, konnten es die Schiedsrichter bei der Hinausstellung für SCHWARZ 18 belassen.
In welchem Umfang die Zeitnehmerin dem Schiedsrichter den gesamten Ablauf geschildert hat oder ob sie nur auf den Wechselfehler von SCHWARZ 18 hingewiesen hat, kann durch das Video nicht geklärt werden. Letztlich kann es aber auch dahingestellt bleiben, da mit der Hinausstellung von SCHWARZ 18 und der Reduzierung der fehlbaren Mannschaft auf der Spielfläche die regelgerechte Entscheidung getroffen wurde.
In diesem Beispiel ist allerdings zu bemängeln, dass der Pfiff der Zeitnehmerin relativ spät erfolgt (erst ca. 11 Sekunden nach dem Fehler). In solchen Fällen muss der Zeitnehmer sofort pfeifen und den fehlbaren Spieler benennen. Denn in diesen Situationen ist immer der Zeitpunkt des Pfiffs entscheidend und nicht der Zeitpunkt des Vergehens.
Weiterhin ist zu bemängeln, dass der Trainer von SCHWARZ beim Wechselfehler deutlich außerhalb der Coachingzone steht und damit dem Kampfgericht auch die Kontrolle der Wechselvorgänge erschwert.
FAZIT
Wichtig ist die sofortige Spielzeitunterbrechung bei Wechselfehlern durch den Zeitnehmer unabhängig von der jeweiligen Spielsituation. Ob dabei eine klare Torgelegenheit der nicht fehlbaren Mannschaft vereitelt wird, ist ohne Belang. Sollte durch den Wechselfehler eine klare Torgelegenheit der nicht fehlbaren Mannschaft vereitelt werden, wird das Spiel mit einem 7-Meter-Wurf fortgesetzt, andernfalls mit einem Freiwurf.
Zeitnehmer und Sekretär übernehmen bei der Spielleitung durchaus Mitverantwortung, indem sie die Schiedsrichter unterstützen. Eine gute Übersicht, Konzentration, Reaktion und sehr gute Regelkenntnisse sind dabei besonders gefragt.
Pfiff der Woche
Unter der Rubrik "Pfiff der Woche" präsentieren wir jeweils eine beachtenswerte Szene aus dem aktuellen Spielbetrieb der Bundesligen von Männern und Frauen – und gegebenenfalls auch aus den Ligen darunter. Warum die ausgewählten Situationen besondere Beachtung verdienen? Nun, weil sie einen bestimmten Regelaspekt verdeutlichen, der uns Schiedsrichtern nicht in jedem Spiel „vor die Pfeife“ kommt.