Matthias Klinke and Sebastian Klinke (Foto: IMAGO/Lobeca)

#Kabinenschnack

Folge 13 mit Sebastian Klinke

Von den Erfahrungen der erfahrenen Schiedsrichter*innen profitieren: In der Serie #Kabinenschnack steht genau dieser Wissenstransfer im Mittelpunkt. Unparteiische aus dem Deutschen Handballbund berichten von einer für sie lehrreichen Anekdote und geben Praxistipps für die Kollegen an der Basis. Folge 13 mit Sebastian Klinke, der gemeinsam mit seinem Bruder Matthias Klinke zu den erfahrensten Teams im Bundesligakader des Deutschen Handballbundes gehört.

Matthias und ich hatten vor einiger Zeit einen Einsatz, der uns gedanklich noch einige Tage beschäftigt hat. Es war jedoch nicht das intensive Spiel an sich, sondern eine Situation danach. Wir saßen nach dem Abpfiff in der Kabine, mit Zeitnehmer und Sekretär und einem Schiedsrichter-Team aus dem Perspektivkader. Die beiden jungen Kollegen hatten früher am Tag in derselben Stadt gepfiffen, haben dann bei unserem Spiel zugeschaut und wir sind danach natürlich in den Austausch gegangen.

Wir haben für uns irgendwann die Entscheidung getroffen, dass unsere Kabinentür nach dem Spiel metaphorisch gesprochen immer offen steht, falls ein Spieler, Trainer oder Offizieller Gesprächsbedarf hat. Bei diesem Einsatz stand auf einmal einer der beiden Trainer in unserer Kabine. Er hatte fachlich gar keine Kritik, denn es war insgesamt eine gelungene Spielleitung, aber er hatte ein, zwei kleinere Anmerkungen. Wir hätten ihm unter anderem zu früh die gelbe Karte gegeben - und außerdem wäre ich in der Ansprache zu einem Spieler zu grob gewesen. Der Spieler wollte, dass ich mich aufgrund ihres kurzen Wechsels als Feld-Schiedsrichter dauerhaft auf der anderen Seite positionieren solle. 

Das war im Spiel natürlich keine Option, wir können unser Stellungsspiel nicht danach ausrichten, welche Wechsel eine oder beide Mannschaften gerade vornehmen wollen. Das habe ich dem Spieler auf dem Feld deutlich gesagt - und wir haben das dem Trainer in der Kabine auch noch einmal dargestellt, doch dann kam das Totschlagargument: Er hätte doch mal Europapokal gespielt und wäre Deutscher Meister geworden und er würde doch wissen, wovon er redet…

Aussagen wie diese haben wir über die Jahre mitunter auch von Spielern gehört, die früher in einer höheren Liga gespielt haben und in den ersten Jahren hat uns das mitunter durchaus verunsichert. Doch irgendwann wurde uns klar: Die Vergangenheit spielt keine Rolle für die Aufgabe, die wir haben. Das soll nicht heißen, dass wir sportliche Erfolge nicht respektieren, aber eine solche Aussage wie sie besagter Trainer getätigt hat, machen in einer Diskussion erst einmal kein Argument besser. Interessanterweise ist es zudem oft so, dass die wirklich erfolgreichen Spieler oder Trainer nichts derartiges sagen, weil sie es nicht nötig haben, sich über die Erwähnung zu profilieren.

Für Matthias und mich ist Respekt ein ganz großes Thema. Wir bemühen uns, jeden respektvoll zu behandeln, nehmen dann aber auch für uns in Anspruch, respektvoll behandelt zu werden. Respekt ist keine Einbahnstraße. Und eine solche Aussage ohne sachlichen Mehrwert hat mit Respekt nichts zu tun. Wir sind keine Erfüllungsgehilfen, sondern sind ebenso qualifiziert, in unserer Rolle an diesem Spiel teilzunehmen wie ein Spieler oder Trainer, der es in die Liga geschafft hat. Die dafür notwendige Erfahrung haben wir uns über die Jahre erarbeitet. 

Ich kann euch daher nur raten: Lernt euren eigenen Wert kennen und schätzen. Euer Ansetzer hat euch zu dem Spiel in der Landesliga, Oberliga oder Regionalliga geschickt, weil er euch zutraut, dieses Spiel zu leiten. Natürlich kommt keiner in die Halle, um euch - oder uns - als Schiedsrichter zu sehen, aber ohne uns würde es auch kein Spiel geben. Lasst euch nicht klein machen oder einschüchtern von früheren Erfolgen. Vertraut auf euch und eure Fähigkeiten. Nehmt sachliches Feedback und Kritik an, aber auf unsachliche Argumente müsst ihr nicht eingehen.

Inzwischen haben wir für uns einen Weg gefunden, wie wir auf solche Aussagen reagieren, aber manchmal würde ich einfach gerne sagen: „Ich bin in der C-Jugend Kreismeister geworden, aber das interessiert jetzt auch niemanden mehr.“