Schiedsrichter Ronald Klein und Christoph Immel (Quelle: IMAGO/wolf-sportfoto)
Der richtige Pfiff zur richtigen Zeit: Die Kunst der Pfeifmelodie
Gemeinsam mit Gespannpartner Ronald Klein war Immel 18 Jahre in der 1. Bundesliga der Männer im Einsatz. Bis zu ihrem Karriereende 2020 absolvierten sie über 600 Spiele für den Deutschen Handballbund. „Wir haben gescherzt, dass wir zu „Wetten dass….“ gehen könnten“, schmunzelt Immel. „Wir würden an der Art, wie der andere pfeift, blind erkennen, was er pfeift.“
Tonalität, Lautstärke, Intensität: Während neue Schiedsrichter darum kämpfen, überhaupt eine Entscheidung zu treffen, spielen erfahrene Unparteiische mit der Art des Pfeifens, um schon durch den Pfiff eine bestimmte Wirkung zu erzielen. „Bei einem einfachen Freiwurf kommt beispielsweise ein kurzer Pfiff, gebe ich einen Siebenmeter mit Bestrafung, pfeife ich härter, lauter“, erklärt Immel.
Neben dem eigenen Gespannpartner sollen so auch Spieler und Zuschauer sofort verstehen, was der Schiedsrichter in einer Situation entscheidet. „Der Pfiff muss eine Unterstützung der Entscheidung sein, es muss beides zusammenpassen“, sagt Immel. „Die richtigste Entscheidung bringt dir als Schiedsrichter nichts, wenn du sie nicht verkauft bekommst.“
Der langjährige Bundesliga-Schiedsrichter erinnert sich noch gut an eine Situation, in der er das selbst feststellen musste. „Wir haben eine Entscheidung getroffen und im Spiel partout nicht verstanden, warum die Mannschaften protestiert haben – für uns war das glasklar“, erinnert er sich. „Auf dem Video haben wir dann festgestellt, dass der Pfiff viel zu leise war und wir dabei auch noch nach unten geguckt haben. Das war nicht gut gelöst.“
Der Lerneffekt war entsprechend groß: „Man hört über einen leisen oder zögerlichen Pfiff die Unsicherheit“, beschreibt Immel. „Auf der anderen Seite verliert es seine Wirkung, wenn jede Entscheidung von einem lauten, harten Pfiff begleitet wird. Wenn ein Pfiff „reinhämmert“, dann muss die Konsequenz auch entsprechend hart sein.“ Ob kurze oder lange, harte oder weiche Pfiffe: Man muss wissen, was man vermitteln will. Immel: „Wenn du als Schiedsrichter verärgert bist, muss man das dem Pfiff anhören.“
An seiner Art und Weise zu pfeifen, kann jeder Schiedsrichter alleine oder gemeinsam mit dem Gespannpartner arbeiten; dafür muss nur ein eigenes Spiel aufgenommen werden. Kann man beim Abspielen – ohne auf den Bildschirm zu schauen, nur am Ton der Pfiffe – selbst erkennen, was gerade auf dem Spielfeld passiert oder nicht?
Es ist ein einfacher Test, den auch Immel früher selbst durchführte. Die Bedeutung der Pfeifmelodie sei über die Jahre gewachsen. „Wenn du anfängst, geht es erst einmal darum, die richtige Entscheidung zu treffen, aber nach ein paar Jahren und je höher man kommt, geht es zunehmend darum, die Entscheidung zu verkaufen“, betont er. „Körpersprache, Gestik, Mimik und eben die Pfiffe müssen ein stimmiges Gesamtbild ergeben.“