Der Pass zum Anwurf
Nach einem Tor soll das Spiel möglichst schnell mit dem Anwurf fortgesetzt werden. Häufig ist jedoch zu beobachten, dass der Pass des Torwarts zu einem Mitspieler vor oder in der Anwurfzone aus unterschiedlichen Gründen ungenau gerät. Mitunter befindet sich auch kein Mitspieler in einer geeigneten Position. Die Folge: Der Ball wird über die Mittellinie in die gegnerische Spielfeldhälfte gespielt.
Dabei stellt sich regelmäßig die Frage, ob ein solches Zuspiel als Verzögerung der Spielfortsetzung und damit als passives Spiel zu bewerten ist.
Zunächst ist festzuhalten, dass es sich bei der Bewertung „passives Spiel durch Verzögerung des Anwurfs“ nicht um eine neue Regel, sondern um eine Regelauslegung handelt (siehe hierzu auch Erläuterung 4). Die Schiedsrichter müssen unterscheiden, ob der ungenaue oder zu weite Pass auf einen unbeabsichtigten Fehler zurückzuführen ist oder ob er bewusst eingesetzt wird, um Zeit zu gewinnen und die Spielfortsetzung zu verzögern. Entscheidend ist somit, ob eine taktische Verzögerungsabsicht erkennbar ist.
Auf dem Elitekaderlehrgang wurde die bisherige Auslegung angepasst.
Künftig gilt:
Situation A
Erkennbare Verzögerung der Ausführung durch einen Pass über die Anwurfzone hinaus.
Vorgehensweise: Nach dem Anpfiff zum Anwurf ist das Vorwarnzeichen für passives Spiel anzuzeigen.
Situation B
Alle anderen Situationen (z. B. ungenauer oder misslungener Pass ohne erkennbare Verzögerungsabsicht)
Vorgehensweise: Kein Vorwarnzeichen wegen passiven Spiels – auch nicht bei wiederholtem Auftreten.
Nach dem Anpfiff zum Anwurf ist das Vorwarnzeichen für passives Spiel anzuzeigen.
Damit wird klargestellt, dass nicht jeder misslungene Pass automatisch als Verzögerung der Spielfortsetzung zu werten ist. Nur wenn die Schiedsrichter eine erkennbare taktische Verzögerungsabsicht feststellen, ist nach dem Anpfiff zum Anwurf das Vorwarnzeichen für passives Spiel (ach bereits beim ersten Vergehen) anzuzeigen. Ein einmaliger oder auch wiederholter unpräziser Pass ohne erkennbaren taktischen Hintergrund führt hingegen künftig nicht mehr zum Vorwarnzeichen.
Hinweis: Wenn der Ball sehr weit über die Mittellinie hinweg geht, sollen die Schiedsrichter zunächst Time-out zu geben.
Beispiel
Spiel Mannschaft GRÜN gegen WEISS. Mannschaft GRÜN ist im Angriff und führt 6:3. Spielerin GRÜN 17 erzielt das Tor zum 7:3. Der Pass der Torhüterin von Mannschaft WEISS zu ihrer Mitspielerin WEISS 17 gerät zu hoch, sodass dieser in der gegnerischen Hälfte landet.
Nach der bisherigen Auslegung hätte der Schiedsrichter Mannschaft WEISS ermahnt, dass beim nächsten Überwurf das Vorwarnzeichen für passives Spiel angezeigt wird. Nachdem der Ball von Mannschaft GRÜN zurückgespielt wurde, erfolgt der Anwurf.
Diese Vorgehensweise entspricht der bisherigen Auslegung und ist künftig nicht mehr anzuwenden.
Nach der neuen Auslegung ist entscheidend, ob eine erkennbare taktische Verzögerungsabsicht vorliegt. Das ist in dieser Situation nicht der Fall. Der Pass ist als ungenauer bzw. misslungener Pass ohne erkennbare Verzögerungsabsicht zu bewerten. Deshalb zeigen die Schiedsrichter kein Vorwarnzeichen wegen passiven Spiels und sprechen auch keine entsprechende Ermahnung aus.
Fazit
Das Beispiel zeigt anschaulich den Unterschied zwischen der bisherigen und der künftig geltenden Auslegung.
Nach der bisherigen Auslegung hätte allein der Pass über die Mittellinie dazu geführt, dass die Mannschaft für einen weiteren entsprechenden Pass ermahnt und anschließend das Vorwarnzeichen angezeigt worden wäre.
Das ist so künftig nicht mehr richtig.
Es ist die 9. Spielminute und Mannschaft WEISS liegt mit vier Toren zurück. Eine taktische Absicht, durch den Pass die Spielfortsetzung zu verzögern, ist nicht erkennbar. Der ungenaue Pass ist vielmehr als unbeabsichtigter Fehler zu bewerten. Dabei spielt es keine Rolle, ob ein solcher Pass einmalig oder auch wiederholt vorkommt.
Entscheidend ist nicht, dass der Ball über die Mittellinie gespielt wird, sondern ob dies mit erkennbarer Verzögerungsabsicht geschieht.
Nur bei einer solchen erkennbaren taktischen Verzögerung ist nach dem Anpfiff zum Anwurf das Vorwarnzeichen für passives Spiel anzuzeigen.
Pfiff der Woche
Unter der Rubrik "Pfiff der Woche" präsentieren wir jeweils eine beachtenswerte Szene aus dem aktuellen Spielbetrieb der Bundesligen von Männern und Frauen – und gegebenenfalls auch aus den Ligen darunter. Warum die ausgewählten Situationen besondere Beachtung verdienen? Nun, weil sie einen bestimmten Regelaspekt verdeutlichen, der uns Schiedsrichtern nicht in jedem Spiel „vor die Pfeife“ kommt.