Wenn der Torwart zum Feldspieler wird …

... sind auf ihn die Regelbestimmungen für Feldspieler anzuwenden. Das gilt auch für Abwehraktionen, in deren Verlauf der Torwart aus seinem Torraum gerät. Letzteres hat insbesondere Auswirkungen auf die regelgerechte Spielfortsetzung.

Hier die regeltechnische Einordnung von DHB-Schiedsrichterwart Wolfgang Jamelle:

Ein als Aufsetzer gespielter Torwurf von der halblinken Position trifft zunächst den rechten Torpfosten und wird von dort zur Seitenlinie abgelenkt. Der Torwart möchte seine Abwehrchance wahren. Er stürzt dem Ball hinterher, kann ihn allerdings erst ins Toraus abwehren, als er sich bereits mit einem Körperteil außerhalb seines Torraums befindet.

Selbstverständlich ist es dem Torwart gemäß Regel 5:3 Abs. 1 gestattet, den Torraum ohne Ball zu verlassen und im Spielfeld mitzuspielen. Er unterliegt in diesem Fall den Spielregeln für die im Feld spielenden Spieler.

Der Torraum gilt gemäß Regel 5:3 Abs. 2 als verlassen, sobald der Torwart mit irgendeinem Körperteil den Boden außerhalb der Torraumlinie berührt.

Im vorliegenden Videobeispiel spielt der Torwart den Ball daher unter den Regelbestimmungen für Feldspieler über die Torauslinie. Dabei ist es unerheblich, ob der Ball die Torauslinie zwischen Torraumlinie und Seitenlinie oder gar innerhalb des Torraums überquert. Die regelgerechte Spielfortsetzung muss in diesen Fällen auf Einwurf für die gegnerische Mannschaft lauten. Übrigens kann in unserem Videofall die Regel 5:7, die als Spielfortsetzung einen Freiwurf für die gegnerische Mannschaft zur Folge hätte, nicht zur Anwendung kommen, da der Ball nicht auf dem Boden liegt oder rollt.

Selbst für den Fall, dass der Torwart mit dem nicht unter Kontrolle gebrachten Ball aus dem Torraum gerät und den Ball dann ins Toraus spielt, wäre auf Einwurf für die gegnerische Mannschaft zu entscheiden (siehe auch Regel 5:4).

Eine Frage zum Schluss

Ist die Aktion des Torwarts zusätzlich noch progressiv zu bestrafen?

Ohne Zweifel rutscht der Torwart im Verlauf seiner Abwehraktion, die auch dazu dient, dass der Gegner den Ball nicht erreichen kann, in die Beine des Gegenspielers auf der Rechtsaußenposition und gefährdet ihn dadurch.

Auch für Torwarte gilt natürlich, dass sie Gegenspieler nicht gefährden dürfen. Das ist auch gültig für Situationen, in denen der Torwart einen in Richtung Spielfeld rollenden Ball unter Kontrolle bringen oder aber – wie in unserem Videobeispiel – ins Toraus spielen will. Wenn er dabei aus seinem Torraum heraus- und in einen Gegenspieler hineinrutscht, muss der Torwart progressiv bestraft werden, wenn aufgrund des hohen Körpereinsatzes eine Gefährdung des Gegenspielers erkennbar ist. In diesem Zusammenhang ist auch auf die Ausführungen zum Regelwerk in diesem Portal zum Thema „Der Ball rollt in Richtung Spielfeld – Einschränkungen für den Torwart“ und dort insbesondere auf die Bildreihe 10 hinzuweisen.