Fabian Baumgart und Sascha Wild (Quelle: IMAGO / Christian Schroedter)

Der letzte Pfiff: Ruhe bewahren in der Crunch-Time

Es ist eine Situation, die wohl jeder Schiedsrichter und jede Schiedsrichterin kennt: Man hat das Spiel 59 Minuten lang im Griff – und in den letzten 60 Sekunden stellt ein Pfiff die vorherige Leistung in den Schatten. Mit diesem letzten Pfiff hat man, so heißt es gerne, das Spiel entschieden. Wie bewahrt man Ruhe in der Crunch-Time?

Sascha Wild weiß genau, wie es sich anfühlt, in der Crunch-Time auf dem Feld zu stehen. Gemeinsam mit Gespannpartner Fabian Baumgart hat Wild über 500 Einsätze für den Deutschen Handballbund und über 100 internationale Spiele absolviert. Dreimal leitete das Duo aus Baden-Württemberg bereits das Finale beim REWE Final4 – ein Spiel, in dem ein Pfiff über einen Titel entscheiden kann.

„Wir versuchen, uns so wenig wie möglich einzumischen“, beschreibt Wild die Maxime der beiden Freunde, die auch und gerade in der heißen Schlussphase einer Partie gilt. „Die Mannschaften sollen das Spiel selbst entscheiden – im Rahmen der Leitplanken, die wir gesetzt haben.“

Denn, das ist Wild wichtig zu betonen: Die Basis für den letzten Pfiff, der den Weg zu Sieg oder Niederlage bereiten kann, wird bereits in den 59 Minuten zuvor gelegt. „Man muss der Linie, die man im Spiel vorgegeben hat, auch am Ende treu bleiben“, sagt der 41-Jährige. „Gelingt einem das, hat man es etwas einfacher, denn man kann den Mannschaften sagen: Wir haben das die ganze Zeit so gehandhabt – wenn wir das jetzt ändern, machen wir uns unglaubwürdig.“

Das beste Beispiel sei das passive Spiel. „Obwohl du im Spiel in der Regel nach einer gewissen Zeit den Arm gehoben hast, fordern die Mannschaften in der Schlussphase oft schon viel schneller/früher das passive Vorwarnzeichen“, erläutert Wild. „Ich kann nur raten: Haltet eure Linie auch in der Crunch-Time ein, denn nur so seid ihr für die Teams berechenbar.“

Außerdem dürfe man als Schiedsrichter nicht anfangen, über die Konsequenzen einer Entscheidung nachzudenken. „Du musst als Schiedsrichter das entscheiden, was du siehst – neutral und konsequent“, betont Wild. „Wenn ein Spieler auf dem Weg zum Siebenmeter zweifelt, verwirft er mit hoher Wahrscheinlichkeit – und wenn du als Schiedsrichter überlegst, was dieser Pfiff jetzt für den Spielstand bedeutet, hast du verloren.“ 

Es ist ein Mantra, dass die deutschen Spitzen-Schiedsrichter verinnerlicht haben. Als Robert Schulze und Tobias Tönnies vor einem Jahr im EM-Finale zwischen Schweden und Spanien buchstäblich in letzter Sekunde auf Strafwurf entschieden, zögerten sie auch nicht. „Wenn du in so einer Situation anfängst, über die Entscheidung nachzudenken, hast du verloren“, sagte Tönnies damals (Beitrag vom 22.09.2022). „Du gehst einfach nur nach den Kriterien, die du im Kopf abgespeichert hast.“

Um an diesen Punkt zu kommen, ist es jedoch ein weiter Weg – das weiß auch Wild. „Du musst den Spielstand in der Crunchtime so gut es geht ausblenden“, rät er. „Das ist in erster Linie eine Sache der Erfahrung. Und, so doof es klingt: Der entscheidende Punkt ist es, selbst Ruhe zu bewahren. Man darf sich nie, wirklich nie, von der Hektik anstecken lassen, die auf dem Feld herrscht.“

Es gelte vielmehr, der Ruhepol zwischen den Mannschaften zu sein. „Gerade am Anfang kann es helfen, sich eine Sache bewusst zu machen: Die Spieler sind am Ende des Spiels ebenso unter Druck wie du und können damit in der Regel genauso wenig umgehen“, sagt Wild. „Wenn es dir gelingt, Ruhe auszustrahlen - egal, wie es in dir aussieht – hast du einen großen Schritt getan, um die Schlussphase sauber über die Bühne zu bringen.“ 

Drei Tipps für die Crunch-Time von Sascha Wild

  1. Wenn das Spiel eng ist, heben sich die Trainer ihre Grüne Karte oft für die Schlussphase aus – und diese Minute könnt auch ihr für euch nutzen. Fabian und ich schwören uns immer noch einmal ein und schärfen noch einmal die Sinne. Wir machen uns auf die Spielzeit aufmerksam, Stichwort: Letzte 30 Sekunden. Und wir sagen uns: Die Entscheidungen, die wir jetzt treffen, müssen glasklar sein!
  2. Apropos glasklare Entscheidung: Wenn ihr euch nicht zu hundert Prozent sicher seid, kommt lieber zusammen (Schiedsrichter sowie Zeitnehmer/Sekretär) und beratet euch kurz, gleicht die Wahrnehmung ab. Eine klassische Frage: War der Ball noch rechtzeitig, vor dem Ablauf der Spielzeit, im Tor oder nicht? Nehmt euch die Zeit, um nach außen zu einer gemeinsamen Entscheidung zu kommen.
    Aber: Haltet euch aus dem Tanzbereich des Partners heraus! Wenn mein Partner als Torschiedsrichter einen Siebenmeter gibt, vertraue ich als Feldschiedsrichter meinem Partner. In so einer Situation kann ich keine Diskussion anfangen, weil ich der Meinung bin, dass ich es eventuell besser gesehen habe. Haltet euch an eure Aufgabe und greift nur bei einer absolut krassen Fehlentscheidung (was bei uns in der Bundesliga sehr selten vorkommt) ein. 
  3. Rechnet vorher damit, dass die Spieler in der Schlussphase angespannt sind. Es gibt auch in der Bundesliga einzelne Akteure, mit denen du 55 Minuten völlig normal reden kannst – und in den letzten fünf Minuten sind sie nicht mehr ansprechbar; als wäre ein Schalter umgelegt. Darauf müsst ihr als Schiedsrichter vorbereitet sein. Für euch gilt: Seid weiterhin freundlich, aber direkt. Und verzichtet auf Ermahnungen oder Verwarnungen. In der 59. Spielminute braucht ihr niemandem mehr etwas erzählen – entweder ignorieren oder hinausstellen.