Holger Fleisch und Jürgen Rieber (Quelle: DHB)
Der Klick im Kopf – Wie wird man Schiedsrichter*in?
Einen konkreten Zeitpunkt, wann er sich selbst das erste Mal wirklich als Schiedsrichter gefühlt hat, kann Holger Fleisch nicht benennen. „Das hat sich schleichend entwickelt“, sagt der 56-Jährige, der 1983 mit dem Pfeifen begonnen hatte und später zu einem der besten deutschen Schiedsrichter werden sollte, rückblickend.
An einen Meilenstein erinnert er sich dann allerdings doch noch. „Als wir in die Regionalliga aufgestiegen sind, hieß es vom Verband: Jetzt müsst ihr euch entscheiden, ob ihr Spieler oder Schiedsrichter sein wollt“, erinnert sich Fleisch. Gespannpartner Jürgen Rieber sei das Pfeifen schon immer wichtiger gewesen, aber vor die Wahl gestellt, wählte auch Fleisch die Schiedsrichterei: „Da war die Entscheidung gefallen, Schiedsrichter zu sein“.
Aus der Anekdote lässt sich für Fleisch einer der Kernpunkte ableiten, wenn es um die Frage geht, wie man nicht nur auf dem Papier, sondern auch von der inneren Einstellung her Schiedsrichter wird. „Das Pfeifen muss mehr als eine Pflicht sein - nur, wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen, wird man auch selbst davon profitieren.“
Seit seinem Karriereende 2015 engagiert sich Fleisch in der Ausbildung auf Bezirksebene. „Ich habe ein Problem damit, wenn Anwärter nur deshalb zur Ausbildung kommen, weil der Verein Schiedsrichter stellen muss“, sagt er. „Denn wenn man etwas machen muss, gibt es immer eine gewisse Abwehrhaltung. Das Pfeifen sollte Spaß machen, ein Schiedsrichter sollte sich auf dem Feld wohlfühlen; ansonsten wird es schwierig.“
Wer Motivation und die Freude am bzw. die Neugier aufs Pfeifen mitbringt, hat aus Sicht von Fleisch schon wichtige Attribute im Gepäck, um sich - irgendwann - wirklich als Schiedsrichter zu fühlen statt das Pfeifen als lästige Pflicht zu betrachten. Ein Patentrezept für diesen imaginären „Klick im Kopf“ – wie ein anderer Bundesliga-Schiedsrichter das Gefühl, sich plötzlich wirklich als Schiedsrichter zu betrachten, einmal bezeichnete - gäbe es allerdings nicht: „Man muss eine gewisse Zeit lang pfeifen und sich dabei gut fühlen; dann wachsen die Sicherheit und die Überzeugung.“
Neben der Bereitschaft, sich auf das Pfeifen einzulassen, ist es für Fleisch wichtig, sich nicht selbst unter Druck zu setzen. „Wenn Kinder Handball spielen lernen, machen sie Fehler - und wenn ein Schiedsrichter lernt, zu pfeifen, ist das genauso“, beschreibt der 56-Jährige. „Wenn ein Spieler einen Ball verwirft, versucht er, die nächste Chance reinzumachen - das ist völlig normal. Und genauso muss es als Schiedsrichter sein: Den Fehler abhaken und es beim nächsten Pfiff besser machen.“
Natürlich würden viele Spieler, Trainer und Zuschauer eine nahezu fehlerfreie Leistung erwarten. „Als junger Schiedsrichter muss man sich aber selbst unbedingt zugestehen, dass man noch lernt“, unterstreicht Fleisch. „Man muss Schritt für Schritt gehen. Die ersten ein, zwei Jahre sind oft schwierig; das ging uns früher allen so.“
Gleich einem jungen Spieler, der ins Training geht, empfiehlt Fleisch das auch jungen Schiedsrichtern. „Wenn ein Jugendlicher unter der Woche nicht trainiert, sondern immer nur zum Spiel kommt, wird er nicht besser – als Schiedsrichter gilt das gleiche Prinzip“, sagt er. „Man findet viel leichter in die Aufgabe, wenn man neben den offiziellen Einsätzen hin und wieder zur Pfeife greift.“
Sein Rat ist simpel: „Versucht, im Training zu pfeifen – entweder mal für fünf Minuten in eurem eigenen Training oder bei einer anderen Mannschaft des Vereins“, schlägt Fleisch vor. „Im Training ist es egal, wie das Spiel ausgeht, entsprechend ist es das perfekte Training für euch.“ Daher geht er bei Ausbildungslehrgängen mit den Anwärtern gerne in die Halle: „Es geht darum, Automatismen zu schaffen – und das macht man in der Halle und nicht mit der 50. oder 60. Wiederholung einer Regelfrage.“
Darüber hinaus legt er frisch gebackenen Schiedsrichtern genau das ans Herz, was der eingangs erwähnte Bundesliga-Schiedsrichter zufällig feststellte: „Schaut euch bei Handball-Spielen bewusst die Schiedsrichter an – entweder, um euch etwas abzugucken oder um für euch zu entscheiden: Das will ich nicht oder definitiv anders machen.“
Der Weg, um sich auch vom Kopf her als Schiedsrichter zu fühlen, setzt sich für Fleisch aus vielen Mosaiksteinen zusammen - und nicht alle liegen einzig in der Verantwortung des jungen Schiedsrichters. Er nimmt auch die Vereine in die Pflicht. „Vermittelt euren Nachwuchsleuten, dass es cool ist, dass sie pfeifen“, wirbt er. „Junge Spieler brauchen das Vertrauen ihres Trainers – und junge Schiedsrichter die Unterstützung ihres Vereins. Vermittelt ihnen die Sicherheit, dass ihr hinter ihnen steht und unterstützt sie. Denn wenn junge Leute nach wenigen Monaten wieder aufhören, bringt das nichts.“
Wenn es hingegen gelingt, junge Menschen für das Pfeifen zu begeistern, ist es oft eine Liebe, die sie ihr Leben lang begleitet. Fleisch machte selbst mit 17 Jahren den Schiedsrichter-Schein - und fühlt sich auch heute, sieben Jahre nach dem Ende seiner Karriere, als Schiedsrichter. „Ich sehe Spiele bis heute aus Schiedsrichter-Sicht“, schmunzelt er. „Mein jüngerer Sohn spielt in der 3. Liga - und meine Frau sagt immer, ich solle mich woandershin setzen. Vielleicht ist es wirklich so, dass man als Schiedsrichter ein Spiel einfach nicht mehr ‚normal’ schauen kann.“ Das stört ihn allerdings nicht, denn „ich war immer stolz darauf, Schiedsrichter zu sein“.