Quelle: DHB

Der Kempa-Trick

Ein spektakulärer Spielzug, der das Publikum jedes Mal aufs Neue begeistert, aber für die Schiedsrichter bei der Beurteilung eine Herausforderung darstellt.

Während der Rechtsaußen den Ball hoch in den Torraum spielt, laufen sowohl Linksaußen als auch Rückraum-Links zum Absprung in den Torraum an. Während Rückraum-Links die Annahme verpasst oder nur vortäuscht (Ablenkung des Torwarts!), nimmt Linksaußen den Pass an und wirft – vor dem im Torraum befindlichen RL – auf das Tor. Das regelwidrige Betreten des Torraums durch Rückraum-Links verschafft der abwehrenden Mannschaft daher einen Nachteil.

Hier die regeltechnische Einordnung von Kay Holm, Leiter Bereich Lehre im Schiedsrichterwesen des DHB:

Wie die Bilder zeigen, wird der Torwart durch das gezielte Springen von Rückraum-Links in den Torraum irritiert bzw. verdeckt dieser den LA beim Wurf. Ob dieser Torraumpass (versuchter Kempa) vom Angriffsspieler RL nur vorgetäuscht wird oder nicht, ist für die Entscheidung der Schiedsrichter unerheblich. Mit dem regelwidrigen Betreten des Torraums ohne Ball verschafft er seiner Mannschaft einen Vorteil.

Aus Regel 6:2a ergibt sich die Spielfortsetzung beim Betreten des Torraums durch einen Feldspieler:

Wenn ein Spieler der angreifenden Mannschaft mit Ball den Torraum der gegnerischen Mannschaft berührt oder – wenn er nicht in Ballbesitz ist – durch das Betreten des Torraums einen Vorteil erlangt (12:1), ist die Spielfortsetzung Abwurf. In dieser Situation wäre die richtige Entscheidung gewesen:

  1. Sofort abpfeifen (Regel 6:2a)
  2. Spielfortsetzung Abwurf (Regel 12:1)

Wie darf aber eigentlich ein Angreifer mit Ball den Torraum nutzen?

Grundsätzlich darf nur der Torwart den Torraum betreten (6:1). Aus den Regeln 6:3a und 6:5, letzter Absatz, ergibt sich für Angreifer zunächst eine Reihe erlaubter Spielhandlungen über dem Torraum:

  • Sprung in den Torraum mit Ball bei Absprung vor der Torraumlinie: Vor dem Bodenkontakt im Torraum muss der Ball die Hand des Werfers verlassen haben. 
  • Ballannahme im Sprung über dem Torraum: Auch hier muss der Spieler vor der Torraumlinie abgesprungen und der Ball vor dem Bodenkontakt im Torraum wieder gespielt worden sein.

Allein aus diesen Möglichkeiten ergeben sich schon einige oft schwierige Beobachtungsaufgaben für die Schiedsrichter: Liegt ein regelwidriges Abspringen in den Torraum ohne Ball vor (im obigen Beispiel erst vom Rechtsaußen, dann fast zeitgleich von Rückraum-Links und Linksaußen)? Hatte der Ball die Hand des Werfers bereits verlassen, bevor dieser mit einem Körperteil (meist ist es der Fuß) den Torraum berührte?

Diese Situation erfordert eine gute Aufgabenteilung zwischen Tor- und Feldschiedsrichter. Konzentrieren sich beide Schiedsrichter auf die Ballseite, ist ein regelwidriges Betreten des Torraums beim Absprung des Rückraumspielers und/oder Linksaußen kaum wahrzunehmen.

Ohne Ball darf ein Angreifer den Torraum durchaus betreten, es sei denn, er verschafft sich einen Vorteil.

Regel 6:3 beschreibt zwei Spielsituationen:

  • Betreten des Torraums nach Spielen des Balls (6:3a)
    Dieses Betreten des Torraums bleibt straffrei, wenn der Angriffsspieler die Gegenspieler – und hier vor allem den Torwart! – nicht behindert oder irritiert und den Torraum auf dem kürzesten Weg sofort wieder verlässt. 
  • Betreten des Torraums ohne Vorteil (6:3b)

Betreten des Torraums durch einen Abwehrspieler

Bleibt aber noch die Frage zu klären, was mit Abwehrspieler ROT 14 ist. Das Betreten des Torraums kommt bei Abwehrspielern weitaus häufiger vor als bei Angreifern. Bei Aktionen am Torraum muss der Schiedsrichter darüber befinden, ob sich ein Abwehrspieler durch das Betreten des Torraums einen (taktischen) Vorteil verschafft hat (dann 6:2b). Vereitelt er dadurch gar eine klare Torgelegenheit, muss auf 7-Meter-Wurf (6:2c) entschieden werden.

Wenn ein Abwehrspieler aber ohne Ball den Torraum betritt und sich dadurch keinen Vorteil verschafft, bleibt das Betreten des Torraums ungeahndet (6:3b). Wie in diesem Videobeispiel.

Fazit

Hierbei handelt es sich um eine Sondersituation (versuchter Kempa).
Bei solchen Situationen, in denen ein Angreifer ohne Ball in den Torraum springt, aber nicht angespielt wird, verschafft er seiner Mannschaft einen Vorteil (Betreten des Torraums mit Vorteil, 6:2a), da damit eine Behinderung oder Irritation des Torwarts verbunden ist. Das regelwidrige Betreten des Torraums ohne Ball ist entsprechend zu ahnden.