Der Faktor Stress

Warum geraten Schiedsrichter unter Stress? Nikolas Walther beschreibt in seinem Beitrag nicht nur Stressauslöser und Symptome, er hat darüber hinaus einige Tipps parat, die zur Vermeidung, aber auch zur Bewältigung von Stress beitragen können.

Vorgeschichte

Letzter Spieltag einer langen Saison. Ihr seid auf dem Weg zu einer Doppelansetzung: Vorweg eine A-Jugendbegegnung, danach ein Männerspiel. Ihr müsst Euch beeilen. Erst hat der Partner verschlafen, dann hat Euch der Stau in der Baustelle dreißig Minuten gekostet. An der Spielstätte angekommen, bleiben Euch gerade noch fünfzehn Minuten zur Vorbereitung auf das erste Spiel: kurze Begrüßung, Seitenwahl, Absprache der Trikotfarben, Absprachen mit dem Kampfgericht, Warmlaufen, Konzentrationsphase, Anpfiff.  

Zwischen den Spielen ist kaum eine halbe Stunde Pause, dann die gleiche Prozedur vor Spiel 2. Beim Warmlaufen seht Ihr ein bekanntes Gesicht auf der Tribüne. Der Beobachter macht Euch seine Aufwartung, es geht um den Aufstieg in die höheren Spielklassen. Das Spiel ist ein Derby, obendrein spielen beide Mannschaften gegen den Abstieg!   

Ihr steht für sechzig Minuten unter Strom, höchste Konzentration: ein überaus hektisches Spiel, viele Fouls und Zeitstrafen, Diskussion mit den Offiziellen beider Mannschaften. Die Halle ist voll, das Publikum kritisch. „Schieber, Schieber“-Rufe sind noch das Netteste, was Ihr zu hören kriegt – obwohl Ihr eine, so Eure Selbsteinschätzung, gute Spielleitung abliefert.  

In der vorletzten Spielminute dann eine versteckte Tätlichkeit eines Spielers der Heimmannschaft: ein Griff in die Weichteile des gegnerischen Kreisläufers. Ihr unterbrecht den zeitgleich gestarteten Tempogegenstoß der Heimmannschaft, beratet Euch kurz und sprecht die Disqualifikation gegen den fehlbaren Spieler aus. Soweit alles korrekt. Aber die Halle steht natürlich Kopf.  

Letzte Spielminute: Der unentschiedene Spielstand würde der Heimmannschaft zum Klassenerhalt genügen. Ballbesitz der Gäste, der Wurf eines Rückraumspielers wird vom Verteidiger geblockt, der dazu jedoch deutlich im Torraum abgesprungen ist. Ihr pfeift ... 

Hintergrund

Dieses, zugegeben, extreme Beispiel dient dem Zweck, uns die Vielzahl von Stressoren (stressauslösende Reize) vor Augen zu führen, die auf Schiedsrichter wirken können. Spätestens in den letzten der beschriebenen Minuten tauchen bei uns allen wahrscheinlich die akuten Anzeichen einer Stresssituation auf, die sich in Form von verstärktem Schwitzen, Verunsicherung, Nervosität, einem flauen Gefühl im Magen, weichen Knien, Konzentrationsmangel, bis hin zu Angstzuständen oder Herzrasen (Extremfall) äußern kann. Doch wie entsteht Stress einschließlich seiner negativen Wirkungen? Und warum reagiert jeder anders auf solche Situationen?  

Jede Person händelt Stressreize unterschiedlich; unser Gehirn entscheidet in einer primären Bewertung, ob eine Situation als positiv, irrelevant oder gefährlich einzuschätzen ist. Wird das Geschehene als gefährlich eingestuft, überprüft das Gehirn, ob die uns eigenen mentalen Ressourcen genügen, die Situation zu bewältigen. Überfordert uns eine Situation und unsere geistige Widerstandskraft reicht für ihre Bewältigung nicht aus, empfinden wir Stress, der sich (wie oben beschrieben) auf unsere körperliche Verfassung und damit auch auf unsere Entscheidungen auswirkt.  

Stress vermeiden – mit Stress umgehen

Gerade für Schiedsrichter ist es wichtig zu wissen, wie Stress entsteht und noch viel wichtiger,  wie  er bestenfalls  vermieden werden kann. Eine gute Strategie ist es, Stressreize zu minimieren. In unserer Vorgeschichte hieße das, rechtzeitig abzufahren, vielleicht noch am Spielort einen Kaffee zu trinken sowie genug Zeit einzuplanen, um sich anständig auf das Spiel vorbereiten zu können. Doppelansetzungen mit kurzen Pausen zwischen den Spielen stellen per se eine nicht zu unterschätzende Belastung dar und sollten nach Möglichkeit im Vorfeld vermieden werden. Eine weitere Möglichkeit, den Stresslevel zu reduzieren, besteht darin, die Tribüne weitestgehend auszublenden. Die Kommentare der Zuschauer ebenso wie das Bewusstsein, selbst beobachtet und bewertet zu werden, tragen selten zur Entspannung bei. Wer für einen Schiedsrichterbeobachter pfeift, verlässt sein gewohntes Verhalten und hat meist schon „verloren“. 

Andere stressende Reize – wie die Vorgeschichte eines Spiels – liegen außerhalb unserer Einflussnahme. An der Tabellensituation können wir ebenso wenig etwas ändern wie an der groben Spielweise der Mannschaften – einschließlich der sich daran meist zwangsläufig entzündenden Diskussionen. Damit uns das nur bedingt stresst, können wir unsere zweite Stressbarriere, die mentale Widerstandskraft, stärken. Was das heißt? Durch Erfahrungen, die wir im Laufe unserer Laufbahn sammeln, stärken wir unsere mentalen Fähigkeiten, sodass wir deutlich weniger Situationen als Stress empfinden. Um den Stresslevel nicht unnötig ansteigen zu lassen, sollte man auch den Spielverlauf/-stand so gut es geht ignorieren. Den Umstand, dass es unentschieden steht und die letzte Spielminute läuft, sollten wir ausblenden, damit wir ihn im Spiel nicht als Stressfaktor empfinden. Das ist nicht nur ziemlich schwierig, sondern erfordert Training und Selbstdisziplin. Aber nur so lässt sich der Gedanke verhindern: „Wenn ich jetzt auch noch Siebenmeter pfeife, dann ...“

Der Gespannpartner ist Stütze – auch bei der Stressbewältigung

Die Arbeit im und als Team ist elementar. Wir müssen uns gegenseitig motivieren, aufbauen und unterstützen – erst recht in stressigen Situationen. Auf der Grundlage gegenseitiger Unterstützung lassen sich viele schwierige Situationen besser lösen (und somit Stress vermeiden), als wenn wir uns dem Geschehen allein stellen müssen. Voraussetzung: Ich verstehe mich nicht nur mit meinem Partner, ich kann ihm auch absolut vertrauen!  

Als Schiedsrichter können wir Stress aber nicht vollständig vermeiden! Dazu sind das Spiel mit seinen Anforderungen und die Erwartungen des Umfelds an den Schiedsrichter zu hoch. Es ist jedoch möglich, die mentale Widerstandskraft zu stärken. Dabei hilft neben dem Gespannspartner auch die mit der Zeit wachsende Erfahrung – nicht zuletzt auch im eigenen Umgang mit positiven wie negativen Erlebnissen.  

Den Stress in der Halle lassen!

Als Maxime muss für uns Schiedsrichter aber gelten: Stehe mit Spaß auf der Spielfläche und nimm den Stress, so er denn nicht zu vermeiden war, niemals mit nach Hause, sondern lass’ ihn in der Halle!


Literatur

  • Lyons, R. F.: Zukünftige Herausforderungen für Theorie und Praxis von gemeinsamer Stressbewältigung. In: Buchwald, P., Schwarzer, C., Hobfoll, S. E. (Hrsg./2004). *Stress gemeinsam bewältigen. Ressourcenmanagement und multiaxiales Coping.* Göttingen: Hogrefe, 199–204.   
  • Wagner-Link, A. (2005). *Verhaltenstraining zur Streßbewältigung. Arbeitsbuch für Therapeuten und Trainer.* Stuttgart: Klett-Cotta.  
  • Krapp, A., Weidenmann B. (Hrsg./2006). *Pädagogische Psychologie: ein Lehrbuch.* Weinheim: Beltz.