Der Ball bleibt im Torraum liegen – eine triviale Situation?
Was im Video geschieht
Mannschaft GRÜN wird ein 7-Meter-Wurf zugesprochen. GRÜN 6 führt den 7-Meter-Wurf nach Anpfiff aus. Der Torwart von WEISS kann den Wurf halten. Anschließend bleibt der Ball im Torraum liegen, bevor der Torwart den Ball mit dem Fuß wieder aufnimmt und den Abwurf ausführt.
Regeltechnische Einordnung
Entscheidend ist zunächst die Feststellung: Der im Torraum auf dem Boden liegende Ball ist „außerhalb des Spiels" (Regel 6:5, Abs. 2).
In dieser Situation befindet sich die Mannschaft des Torwarts im Ballbesitz. Den Ball darf zunächst nur der Torwart berühren.
Wie wird das Spiel fortgesetzt?
Gemäß Regel 12:1 wird auf Abwurf entschieden, wenn der Ball im Torraum auf dem Boden liegt.
Das bedeutet: Der Ball ist nicht im Spiel und das Spiel wird mit einem Abwurf wieder aufgenommen (Regel 13:3).
Dabei ist eine wichtige Besonderheit zu beachten:
Auch wenn nach der Entscheidung auf Abwurf oder vor dessen Ausführung ein Fehlverhalten festgestellt wird, bleibt es grundsätzlich bei der Spielfortsetzung mit Abwurf.
Der Grund liegt darin, dass der Ball zu diesem Zeitpunkt nicht im Spiel ist. Ein Vergehen, das normalerweise zu einem Freiwurf führen würde, ändert die vorgesehene Spielfortsetzung grundsätzlich nicht.
Die passende Regelfrage
6.13 Der Ball liegt im Torraum von Team WEISS. In diesem Moment pfeift der Zeitnehmer und erklärt, dass WEISS 5 einen Wechselfehler begangen hat.
Wie ist zu entscheiden?
a) Abwurf
b) Hinausstellung von WEISS 5
c) Freiwurf für Team SCHWARZ an der Freiwurflinie
d) Freiwurf für Team SCHWARZ am Auswechselraum von Team WEISS
Richtige Antworten: a) und b)
Der Abwurf bleibt die Spielfortsetzung. Der Wechselfehler wird unabhängig davon mit einer Hinausstellung geahndet.
Gibt es noch andere Situationen, in denen der Ball nicht im Spiel ist?
Ja. Das Regelwerk kennt verschiedene Situationen, in denen der Ball nicht im Spiel ist und ein festgestelltes Fehlverhalten deshalb nicht automatisch zu einem Freiwurf für die andere Mannschaft führt.
Regel 2:7 – zu frühes Schlusssignal
Stellen die Schiedsrichter fest, dass der Zeitnehmer das Spiel zu früh mit dem Schlusssignal – Halbzeit, Spielende oder Ende einer Verlängerung – beendet hat, müssen sie die Spieler auf der Spielfläche behalten und die verbleibende Spielzeit nachspielen lassen.
Bei der Wiederaufnahme des Spiels bleibt die Mannschaft in Ballbesitz, die zum Zeitpunkt des zu früh ertönten Signals im Ballbesitz war.
War der Ball zu diesem Zeitpunkt nicht im Spiel, wird das Spiel mit dem Wurf fortgesetzt, der der Spielsituation entspricht. War der Ball dagegen im Spiel, wird gemäß Regel 13:4a-b mit einem Freiwurf fortgesetzt.
Regel 8:11a – besondere Bestimmungen in den letzten 30 Sekunden
Auch Regel 8:11a zeigt, welche Bedeutung der Status des Balls hat.
Wenn der Ball in den letzten 30 Sekunden nicht im Spiel ist und ein Spieler oder Offizieller die Wurfausführung des Gegners verzögert oder behindert und dadurch die gegnerische Mannschaft der Möglichkeit beraubt wird, in eine Torwurfsituation oder eine klare Torgelegenheit zu kommen, wird der fehlbare Spieler bzw. Offizielle disqualifiziert. Zusätzlich erhält die nicht fehlbare Mannschaft einen 7-m-Wurf.
Regel 13:3 – Fehlverhalten bei nicht im Spiel befindlichem Ball
Regel 13:3 formuliert den Grundsatz ausdrücklich:
Wenn eine Regelwidrigkeit erfolgt, die gemäß Regel 13:1a-b normalerweise zu einem Freiwurf führen würde, während der Ball nicht im Spiel ist, wird das Spiel mit dem Wurf wieder aufgenommen, der dem Grund für die Unterbrechung entspricht.
Das ist ein wichtiger Grundsatz für die Praxis:
Nicht jedes Vergehen während einer Spielunterbrechung führt zu einem Freiwurf für die gegnerische Mannschaft. Entscheidend ist zunächst, warum das Spiel unterbrochen war.
Besondere Bestimmungen gelten unter anderem für die letzten 30 Sekunden (Regel 8:11a) sowie für die besonderen Regelungen bei elektronischen Team-Time-outs.
Regel 15:2 Abs. 3 – ein Wurf kann unmittelbar zum Tor führen
Auch Regel 15:2 Abs. 3 nimmt Bezug auf den Status des Balls. Grundsätzlich können alle Würfe unmittelbar zu einem Tor führen. Eine Ausnahme bildet der Abwurf: Bei einem Abwurf ist kein Eigentor möglich, wenn der Ball nicht im Spiel ist (Regel 12:1).
Fazit
Der scheinbar triviale liegen gebliebene Ball im Torraum ist also keineswegs nur eine banale Situation.
Für die Schiedsrichter ist vor allem eine Frage entscheidend:
Ist der Ball im Spiel oder nicht?
Ist der Ball nicht im Spiel, richtet sich die Spielfortsetzung grundsätzlich nach dem Grund der bereits bestehenden Unterbrechung. Ein anschließend festgestelltes Fehlverhalten führt daher nicht automatisch zu einem Freiwurf für die andere Mannschaft. Gleichzeitig muss das Fehlverhalten – wie beim Wechselfehler in der Regelfrage – selbstverständlich unabhängig davon geahndet werden.
Die Schiedsrichter sollten deshalb gerade in diesen Situationen sauber zwischen Spielfortsetzung und Ahndung eines Regelverstoßes unterscheiden.
Praxistipp
Bleibt der Ball nach einem gehaltenen Wurf im Torraum liegen, sollte der Torschiedsrichter/TSR direkt mit dem Handzeichen Nr. 8 („Abwurf") für Klarheit sorgen.
So wird für alle Beteiligten unmittelbar erkennbar: Der Ball ist nicht im Spiel und das Spiel wird mit Abwurf fortgesetzt.
Pfiff der Woche
Unter der Rubrik "Pfiff der Woche" präsentieren wir jeweils eine beachtenswerte Szene aus dem aktuellen Spielbetrieb der Bundesligen von Männern und Frauen – und gegebenenfalls auch aus den Ligen darunter. Warum die ausgewählten Situationen besondere Beachtung verdienen? Nun, weil sie einen bestimmten Regelaspekt verdeutlichen, der uns Schiedsrichtern nicht in jedem Spiel „vor die Pfeife“ kommt.