Quelle: DHB
Der Ball bleibt im Torraum liegen – eine triviale Entscheidung?
Was im Video geschieht
GELB 53 wirft aus dem Rückraum auf das Tor. Der Torwart kann den Ball in Richtung Außenposition ablenken. GELB 2 und BLAU 25 erwarten an der Torraumlinie stehend den rollenden Ball, der allerdings vor der Torraumlinie im Torraum liegen bleibt. Der Torschiedsrichter macht eine Handbewegung, die als „weiterspielen“ interpretiert werden könnte. GELB 2 nimmt den im Torraum liegenden Ball auf und spielt ihn auf die RA-Position. Daraufhin entscheidet der TSR auf Abwurf.
Regeltechnische Einordnung von Kay Holm, Leiter Bereich Lehre im DHB-Schiedsrichterwesen
Wichtig ist zunächst die Feststellung, dass der im Torraum auf dem Boden liegende Ball „außerhalb des Spiels“ ist (Regel 6:5, Abs. 2). In dieser Situation ist die Mannschaft des Torwarts in Ballbesitz und nur der Torwart darf den Ball berühren. Berührt ein Spieler der angreifenden oder abwehrenden Mannschaft den Ball, bleibt die Spielfortsetzung immer Abwurf. Das gilt auch für den Fall, dass nach der Entscheidung auf Abwurf oder vor dessen Ausführung ein Fehlverhalten festgestellt wird (Regel 12:1, Abs. 2). Es erfolgt keine Bestrafung von GELB 2. Die Regeln 8:8b und 15:9 sind hier nicht relevant.
Was wäre, wenn ...
Angenommen der Ball wäre im Torraum nicht liegen geblieben, sondern würde dort in Richtung Torraumlinie rollen. Dann wäre der Ball „im Spiel“ und nur der Torwart darf diesen berühren (Regel 6:5, Abs. 1). Berührt in dieser Situation GELB 2 den Ball, geht das Spiel ebenfalls mit Abwurf weiter. Sollte jedoch BLAU 25 den Ball berühren, führt das zu einem Freiwurf für Mannschaft GELB (auf die Besonderheit, dass das auch zu einem 7-m-Wurf führen kann, soll an dieser Stelle nicht eingegangen werden).
Wie wäre die Situation im Video in den letzten 30 Sekunden zu bewerten?
Da der Ball im Torraum liegen geblieben ist, geht das Spiel mit einem Abwurf weiter. Regel 12:1 verweist auf Regel 13:3. Hier wird auf die besondere Ahndung in den letzten 30 Sekunden gemäß Regel 8:10c hingewiesen. „Wenn der Ball in den letzten 30 Sekunden nicht im Spiel ist und ein Spieler oder Offizieller die Wurfausführung des Gegners verzögert oder behindert und damit der gegnerischen Mannschaft die Chance genommen wird, in eine Torwurfsituation zu kommen oder eine klare Torgelegenheit zu erreichen, ist der fehlbare Spieler/Offizielle zu disqualifizieren und der nicht fehlbaren Mannschaft ein 7-m-Wurf zuzusprechen.“ Sofern diese Bedingungen erfüllt sind, findet Regel 8:10c Anwendung. Das bloße Berühren des im Torraum liegenden Balls durch den Angreifer ohne negativen Einfluss auf die Abwurfausführung reicht dazu natürlich nicht aus.
Fazit
Für die richtige Bewertung und Entscheidung ist zu differenzieren, ob der Ball im Torraum rollt (regeltechnisch „im Spiel“) oder liegt („außerhalb des Spiels – nicht im Spiel“). Diese Unterscheidung ist im Übrigen auch bei der Frage von Bedeutung, ob ein beantragtes Team-Time-out gewährt werden kann oder nicht. Die besondere Ahndung nach Regel 8:10c in den letzten 30 Sekunden ist zu beachten.
Praxistipp: Der TSR sollte – nachdem der Ball im Torraum liegen geblieben ist – direkt mit dem Handzeichen 8 (Abwurf) für Klarheit sorgen. Dann weiß auch der angreifende Spieler, dass er den Ball nicht mehr aufnehmen darf.
Pfiff der Woche
Unter der Rubrik "Pfiff der Woche" präsentieren wir jeweils eine beachtenswerte Szene aus dem aktuellen Spielbetrieb der Bundesligen von Männern und Frauen – und gegebenenfalls auch aus den Ligen darunter. Warum die ausgewählten Situationen besondere Beachtung verdienen? Nun, weil sie einen bestimmten Regelaspekt verdeutlichen, der uns Schiedsrichtern nicht in jedem Spiel „vor die Pfeife“ kommt.