Der Abwurf – eine schnelle Ausführung sollte nicht verhindert werden!
Was im Video geschieht
Mannschaft WEISS ist im Angriff und WEISS 15 wirft von der Position RM auf das Tor von Mannschaft GRÜN. Der Torwart kann den Wurf parieren und der Ball springt in Richtung Spielfeld zurück, wo ihn WEISS 4 und GRÜN 14 an der Torraumlinie (eigentlich) erwarten. Der Ball bleibt aber kurz vor der Torraumlinie im Torraum liegen. Zuerst betritt GRÜN 14 den Torraum, ohne aber den Ball zu berühren. Torwart GRÜN, mittlerweile in Richtung Ball gerutscht, will den liegenden Ball aufnehmen. Bevor er den Ball aber greifen kann, schlägt WEISS 4 den Ball weg.
Regeltechnische Einordnung von Kay Holm, Leiter Bereich Lehre im DHB-Schiedsrichterwesen
Der Ball ist „außerhalb des Spiels“, sobald er im Torraum auf dem Boden liegen bleibt (12:1 (II)). In dieser Situation ist die Mannschaft des Torwartes im Ballbesitz und nur der Torwart darf den Ball berühren. Er hat ihn wieder laut 6:4 und 12:1-2 ins Spiel zu bringen (s. jedoch 6:7b). Berührt ein/e Spieler*in einer der beiden Mannschaften den Ball, bleibt die Spielfortsetzung immer Abwurf (12:1 Abs.2, 13:3).
Da in dieser Situation der Ball kurz vor der Torraumlinie im Torraum zum Liegen kommt, ist die Spielfortsetzung – unabhängig vom Verhalten der beiden Spieler GRÜN 14 und WEISS 4 – in jedem Fall Abwurf Mannschaft GRÜN.
Wie ist aber das Verhalten von WEISS 4 zu bewerten, der den im Torraum liegenden Ball vor der Aufnahme durch den Torwart aktiv wegschlägt, so dass die Ausführung verhindert wird?
Gemäß Regel 8:8f ist aktives Verhindern der Wurfausführung der gegnerischen Mannschaft durch Nichteinhalten des 3-Meter-Abstands und/oder andere Regelverstöße mit einer direkten Hinausstellung zu ahnden.
Was wäre, wenn das Tor von WEISS leer gewesen wäre?
Die in Erläuterung 6c beschriebene Definition einer klaren Torchance bei einer klaren und ungehinderten Gelegenheit zum Wurf des Balls ins leere Tor setzt voraus, dass der Spieler in Ballbesitz ist und klar versucht, direkt auf das leere Tor zu werfen. Diese Definition einer klaren Torchance gilt ungeachtet der Art des Vergehens und unabhängig davon, ob der Ball im Spiel war oder nicht. Bei der Ausführung jedes Wurfs müssen sich Werfer und Mitspieler in einer korrekten Position befinden.
Da hier der Torwart noch nicht in Ballbesitz war und damit auch nicht versuchen konnte, direkt auf das leere Tor zu werfen, bleibt es bei der o. g. Strafe und Spielfortsetzung.
Hinweis
Das Handzeichen des Torschiedsrichters ist natürlich falsch, es muss mit Abwurf nicht mit Freiwurf weitergehen.
In den letzten 30 Sek. wäre das ein Fall nach 8.11a – Verhinderung/Verzögerung eines formellen Wurfes. Hier wäre dann die Disqualifikation ohne Bericht die korrekte Strafe und der 7-Meter-Wurf, die richtige Spielfortsetzung.
Pfiff der Woche
Unter der Rubrik "Pfiff der Woche" präsentieren wir jeweils eine beachtenswerte Szene aus dem aktuellen Spielbetrieb der Bundesligen von Männern und Frauen – und gegebenenfalls auch aus den Ligen darunter. Warum die ausgewählten Situationen besondere Beachtung verdienen? Nun, weil sie einen bestimmten Regelaspekt verdeutlichen, der uns Schiedsrichtern nicht in jedem Spiel „vor die Pfeife“ kommt.