Quelle: DHB
Der 7-Meter-Wurf: Die Wiederherstellung einer klaren Torgelegenheit
Die Situationsbeurteilung und Entscheidungsfindung, ob eine "klare Torgelegenheit" regelwidrig vereitelt wurde, steht für den Schiedsrichter während eines Spiels häufiger im Mittelpunkt als ein 7-Meter-Wurf als zusätzliche Strafe für besonders grob unsportliche/gesundheitsgefährdende Vergehen in den letzten 30 Sekunden. Beides muss aber vom Schiedsrichter in der jeweiligen Situation richtig erkannt und geahndet werden.
Das leere Tor
Seit der Regeländerungen im Jahr 2016 agieren Mannschaften deutlich häufiger ohne Torwart, da man einen beliebigen Feldspieler, ohne Leibchen, für den Torhüter einwechseln kann. Durch das leere Tore haben sich vermehrt Situationen ergeben, in denen die Schiedsrichter entscheiden müssen, ob eine klare Torgelegenheit tatsächlich vorlag und diese regelwidrig verhindert wurde und damit ein 7-Meter-Wurf als Spielfortsetzung erforderlich ist. Die Situationen entstehen entweder unmittelbar nach Ballverlust der angreifenden Mannschaft oder nach einem Torerfolg und der anschließenden schnellen Ausführung des Anwurfs. Nämlich genau dann, wenn die Mannschaft wieder ihren Torwart einwechselt.
Im heutigen Pfiff der Woche haben wir ein Beispiel, dass zeigt, was bei leerem Tor und (hier) einer schnellen Anwurfausführung passieren kann.
Was im Video geschieht
Mannschaft GRÜN ist im Angriff und spielt aufgrund einer Hinausstellung ohne Torwart (leeres Tor). GRÜN 14 führt einen Torwurf aus und erzielt regelgerecht ein Tor. Der Torwart Mannschaft BLAU holt schnell den Ball aus dem Tor und passt den Ball zu seinem Mitspieler. BLAU 30 läuft in die Anwurfzone und führt den Anwurf regelrecht als direkten Torwurf auf das leere Tor aus. GRÜN 23 stoppt den Wurf mit dem Fuß auf 8 Meter, während sich sein Torwart auf dem Weg in den Torraum auf gleicher Höhe befindet. Die Schiedsrichter entscheiden auf 7-Meter-Wurf für Mannschaft BLAU und Hinausstellung gegen GRÜN 23.
Regeltechnische Einordnung von Kay Holm, Leiter Bereich Lehre im DHB-Schiedsrichterwesen
Die Anlässe, aufgrund derer das Tor von seinem Hüter verlassen wird, können vielfältig sein. Ob er nur an den Auswechselbereich seiner Mannschaft geht, um etwas zu trinken oder ob er zugunsten eines weiteren Feldspielers ausgewechselt wird; immer ist das Hauptkriterium dieser Regelung erfüllt: Der Torwart hat seinen Torraum verlassen.
Gemäß Regel 14:1 ist von den Schiedsrichtern auf 7-Meter-Wurf zu entscheiden, wenn durch einen Spieler der gegnerischen Mannschaft regelwidrig eine klare Torgelegenheit vereitelt wird. Der Ort des regelwidrigen Verhaltens ist dabei unerheblich. Es gilt die gesamte Spielfläche.
Zusätzliche Informationen über den Begriff der „klaren Torgelegenheit“ enthält die IHF-Erläuterung 6. Gemäß der dort unter dem Buchstaben c) dargestellten Situation besteht eine klare Torgelegenheit auch dann, wenn ein Gegenspieler mit Ball- und Körperkontrolle eine klare und ungehinderte Möglichkeit zum Wurf des Balls ins leere Tor der gegnerischen Mannschaft hat.
Regelwidrigkeit
Gemäß Regel 7:8 ist es nicht erlaubt, den Ball mit Fuß oder Unterschenkel zu berühren, es sei denn, der Spieler wurde von einem Gegenspieler angeworfen.
Bestrafung
Aktives Abwehren von Würfen oder Pässen durch das Benutzen von Füßen/Unterschenkeln muss nach Regel 8:7e progressiv bestraft werden.
Fazit
Die drei Kriterien der Erl. 6c sind erfüllt. Durch seine Fußabwehr verhindert der Verteidiger regelwidrig, dass der Ball ins leere Tor geht. Zum Zeitpunkt des Wurfs war das Tor noch leer, da der Torwart seinen Torraum noch nicht betreten hatte. Entscheidung: progressive Bestrafung und 7-Meter-Wurf.
Wichtige Hinweise
Den Bodenpass zum freistehenden Linksaußen wehrt der Abwehrspieler aktiv in Torwartmanier ab. In dieser Situation ist kein 7-Meter-Wurf möglich, da hier nicht eine klare Torgelegenheit im Sinne der Regel 14:1 bzw. Erl. 6 vereitelt wurde. Progressive Bestrafung nach Regel 8:7e und Spielfortsetzung: Freiwurf.
Der Abwehrspieler übernimmt quasi die Aufgabe des Torwarts und wehrt den Ball mit Händen und Fuß aktiv ab. Das ist unsportliches Verhalten! Geht der Ball dennoch ins Tor (Vorteil), ist auf Tor zu entscheiden und der Spieler ist anschließend progressiv zu bestrafen. Auch in dieser Situation – wenn der Ball nicht ins Tor geht – ist kein 7-Meter-Wurf möglich.
Pfiff der Woche
Unter der Rubrik "Pfiff der Woche" präsentieren wir jeweils eine beachtenswerte Szene aus dem aktuellen Spielbetrieb der Bundesligen von Männern und Frauen – und gegebenenfalls auch aus den Ligen darunter. Warum die ausgewählten Situationen besondere Beachtung verdienen? Nun, weil sie einen bestimmten Regelaspekt verdeutlichen, der uns Schiedsrichtern nicht in jedem Spiel „vor die Pfeife“ kommt.