Deniz Aytekin hat individuelle Lösungen gefunden, um Schiedsrichterfehler zu vermeiden ... (Foto: imago images/Jan Huebner)

Deniz Aytekin braucht Buntstifte?

Deniz Aytekin, 42 Jahre jung und Deutschlands (Fußball-)Schiedsrichter des Jahres 2019, war im Frühjahr 2020 Mittelpunkt einer Fernsehreportage über das Wirken der deutschen Schiedsrichter-Elite beim „großen Bruder“. Spannend, wenn aus dem Nähkästchen geplaudert wird ...

Im Laufe des Beitrags fällt das Stichwort „Fehlerrisiko für einen Schiedsrichter“. Daraufhin schildert Deniz Aytekin, wie er selbst gravierende Fehler ganz altmodisch verhindert – ohne Headset und Funkverbindung in irgendwelche „Keller“. Er berichtet von einer lange Zeit zurückliegenden Erfahrung:

„In der Bezirksliga habe ich mal einen Spieler zwei Mal verwarnt. Und zwar habe ich quasi die Seiten verwechselt. Seitdem male ich tatsächlich vor jedem Spiel die Farben der Mannschaften auf die Karte, damit ich in der Hektik und wenn es sehr emotional ist, durch einen Blick weiß: Ich habe den Spieler mit dem roten Dress verwarnt.
Und das mache ich seit der Bezirksliga. Da gibt es einige Kollegen, die mich belächeln und sagen, ich sei nicht ganz dicht. Aber ich bekomme so auch immer wieder zu Weihnachten von meinen Kindern Buntstifte geschenkt.“

Eigenen Lösungen vertrauen

Individuellen ...

Ich würde den Schiedsrichterkollegen nicht belächeln! Wenn jemand für sich persönlich einen Weg zur Fehlervermeidung findet, sollte er diesen auf jeden Fall beschreiten – ungeachtet der Bewertung der Kollegen. Es handelt sich ja selten um allgemeingültige Lösungen. Die Buntstiftlösung ist für Fußballschiedsrichter Aytekin die individuell richtige Lösung gewesen und hat sicherlich auch ein ganz, ganz klein wenig dazu beigetragen, dass er heute auf einem Leistungsniveau angekommen ist, das aller Ehren wert ist.

Ob Buntstiftmarkierungen auf den Aufzeichnungskarten für Handballschiedsrichter sinnvoll sind (immerhin sind einige Spalten schon farblich gestaltet), bleibt dahingestellt. Darum geht es auch nicht. Es geht um das Vertrauen in eigene Lösungen, so skurril sie auch sein mögen. Wenn man der Überzeugung ist, dass sie helfen, Fehler zu vermeiden, und sie darüber hinaus nicht regelwidrig sind oder störenden Einfluss auf Dritte haben, so sollte man diese Rituale unbedingt beibehalten.

... und gemeinsamen!

Gleiches gilt für Schiedsrichterteams im Handball. Individuelle, gemeinschaftliche Rituale geben zum einen persönlichen Halt und stärken zum anderen das Team. Fragt man Schiedsrichterteams im Spitzenhandball, ist die Liste der „kleinen Marotten“ meist gut gefüllt und folgt zudem einer strengen Reihenfolge. Es gibt sicherlich kein Elitekaderteam, das nicht berichten könnte, was für ein „To do“ zu welchem Zeitpunkt vor dem Spiel, in der Halbzeit und nach dem Spiel ansteht. Gleiches berichtete im Übrigen auch Kollege Deniz Altekyn über sich und sein Schiedsrichterteam.

Deshalb möchte ich alle Schiedsrichter*innen ermutigen, an individuellen Hilfsmitteln festzuhalten – es kommt das Spiel, bei dem sie eine große Hilfe sein werden. Sollte es dem einen oder anderen noch an persönlichen Marotten mangeln: Setzt doch mal Buntstifte auf Eure Wunschliste.