Schiedsrichter Philipp Dinges und Tobias Schmack (Quelle: IMAGO/wolf-sportfoto)

Das verflixte erste Jahr

Es ist ein Problem, das viele Verantwortliche im Schiedsrichterwesen immer wieder verzweifeln lässt: Viele frisch ausgebildete Neulinge an der Pfeife hören nach wenigen Wochen und Monaten, nach nur drei, fünf oder zehn Einsätzen, schon wieder auf. Was kenn helfen, um diese Quote zu verringern, sodass mehr neue Schiedsrichter*innen das verflixte erste Jahr überstehen?

Der Schiedsrichtermangel im Amateurhandball ist allseits bekannt, doch die Gewinnung von neuen Schiedsrichter*innen ist nur eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist eine ebensolche Herausforderung: Das Halten der neu gewonnen Unparteiischen.

„Die Abbrecher-Quote ist nicht gering. Im zweiten Jahr kommen noch rund die Hälfte der ausgebildeten Nachwuchsschiedsrichter:innen zu einer Fortbildung“, berichtete Jann-Tillmann Skroblien, Nachwuchsschiedsrichter-Koordinator im Bezirk Mecklenburg-West, im vergangenen Jahr (hier geht es zum Interview).

„Wir müssen es schaffen, die Drop-Out-Quote zu reduzieren“, betonte auch Malte Butzlaff,  zuständig für das Schiedsrichterwesen im HV Schleswig-Holstein (hier nachzulesen). Es sei zwar bekannt, „dass viele in den ersten ein, zwei Jahren verloren gehen, aber wenn in einem Kreishandballverband von 60 Neulingen nach wenigen Monaten schon wieder zehn aufgehört haben, ist das trotzdem erschreckend.“

Doch wie lässt sich dieses Problem lösen?

Christian Kroll schüttelt zu dieser Frage bedauernd den Kopf. „Wenn jemand die Antwort auf diese Frage wüsste, hätten wir tausende Schiedsrichter mehr“, sagt der Schiedsrichterwart im Handball-Verband Berlin. „Jeder Schiedsrichter hat seine eigenen Beweggründe, warum er sich im ersten Jahr entscheidet, aufzuhören.“ 

Ein Grund wiederholt sich jedoch, wie Kroll aus Berlin zu berichten weiß. „Ich habe als Schiedsrichterwart öfter die Rückmeldung bekommen: Ich habe keine Lust, mich bepöbeln zu lassen“, sagt Kroll. „Unabhängig davon, was individuell der konkrete Auslöser war: Die neuen Schiedsrichter haben einfach keine Lust – und das ist durchaus nachvollziehbar –, sich negative Stimmungen an den Kopf knallen zu lassen.“

Die Zuschauer*innen in den Hallen – und bei Jugendspielen gerade die Eltern – sorgen für einen permanenten Druck von Außen auf die oft jungen Schiedsrichter-Neulinge, die in ihren ersten Spielen oft genug mit sich selbst zu kämpfen haben, bis sie in die neue Rolle gefunden haben. 

„Einige neue Schiedsrichter sind am Anfang noch sehr zögerlich, die Pfeife überhaupt zu nutzen, den Mut muss man eben erst finden“, sagt auch Kroll. „Sie versuchen dennoch, ihr bestes zu geben, aber das wird von Außen - von den Zuschauern und auch vom ein oder anderen Trainer - nicht gewürdigt.“

Dass das entmutigend ist, kann Kroll verstehen – und er weiß auch, dass es schwer bis unmöglich ist, die Neulinge auf solche Situation so vorzubereiten, dass sie diese von Anfang an meistern. „Der Druck in so einem Spiel ist für einen neuen Schiedsrichter komplett anders, als er das als Spieler kennt“, beschreibt der Schiedsrichterwart, der selbst bis in den Deutschen Handballbund als Schiedsrichter aktiv war. „Man will keine Fehler machen und obwohl man immer welche macht, muss man das ganze Spiel durchziehen und kann nicht ausgewechselt werden.“

Hinzu kommt, dass zunächst die wenigsten Schiedsrichter aus rein intrinsischer Motivation zur Pfeife greifen. „Sie werden von ihren Vereinen und ihren Trainern motiviert, das Amt auszuüben und dann fehlt teilweise ein Eigenantrieb, der bestenfalls erst entwickelt werden muss.“

Der hohe – und oft schmerzhafte – Druck von Außen führt jedoch dazu, dass die Motivation rasch schwindet und die Pfeife an den Nagel gehängt wird. „Erst, wenn du auf dem Feld stabil bist, traust du dich, auf Spieler und Trainer einzuwirken und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen und schafft es, die Zuschauer auszublenden“, beschreibt Kroll den Teufelskreis, denn viele junge Schiedsrichter, die vorher aufhören, kommen gar nicht mehr an diesen Punkt. 

Also: Was kann helfen?

Der entscheidende Punkt aus Sicht von Kroll: Die Unterstützung bzw. Rückendeckung bei den ersten Einsätzen. „Wenn du nach der Ausbildung die ersten Spiele alleine gelassen wirst, ist das höllisch schwer“, betont Kroll. Also versucht der Verband in Berlin inzwischen, seinem Nachwuchs erfahrene Leute an die Seite zu stellen, die unterstützen, coachen, motivieren.

Die Krux ist klar: Sind diese Menschen Schiedsrichter, können sie in der Zeit der Betreuung keine eigenen Spiele übernehmen. „Das ist zwischen dem Lehrwart, dem Ansetzer und mir ein stetiges Thema“, sagt Kroll. „Wir wollen ja unbedingt Leute mitschicken, die fachlich unterstützen können - und die fehlen dann an anderer Stelle. Daher können wir die jungen Leute leider nicht bei jedem Spiel begleiten.“

Eine Möglichkeit: Die Unterstützung der jungen Schiedsrichter von Vereinsseite – eventuell eben nicht durch Schiedsrichter, sondern erfahrene Trainer oder Spieler aus den eigenen Reihen, die moralisch unterstützen und als Rückendeckung in der Halle sind. „Jede Unterstützung von Vereinsseite hilft“, betont Kroll. „Wenn sie ihre jungen Schiedsrichter so unterstützen wollen und können, ist das richtig und wichtig und ein Vorteil des Vereinsgefüges. Als Landesverband können wir das nicht leisten.“

Dass für junge Schiedsrichter gerade am Anfang der Input von erfahreneren Trainern helfen kann, weiß Kroll aus eigener Erfahrung. „Als Jugendlicher wollte ich es besser machen als die Schiedsrichter, die unsere Spiele gepfiffen haben“, erinnert er sich. „Mein Vater war Trainer und gesagt: Dann mach es besser - und ich durfte im Training die Spiele seiner Mannschaft pfeifen.“

Auch im Training des Bruders durfte Kroll am Ende pfeifen, mal zehn, mal zwanzig Minuten Handball. „So habe ich mir am Anfang eine Selbstsicherheit als Schiedsrichter erarbeitet“, erinnert er sich. „Ich konnte in einem sicheren Umfeld lernen, ohne Druck von beiden Seiten zu bekommen und von Zuschauern für meine Fehler angemeckert zu werden.“

Hinzu kamen Ratschläge von der Seitenlinie. „Mein Vater hat mir gesagt, was er gut und was er nicht so gut fand“, sagt Kroll. „Das war natürlich die Trainerperspektive, aber das hat für den Anfang völlig ausgereicht, um Fuß zu fassen.“ Er könne daher jedem Verein nur empfehlen, junge Schiedsrichter aktiv in das Training der Vereinsteams einzubinden, um Erfahrung an der Pfeife zu sammeln.

Auch David Beschorner, der gemeinsam mit Arne Morawietz im Handball-Verband Berlin inzwischen zu den Schützlingen von Kroll gehört, konnte sich am Anfang auf „externe“ Hilfe verlassen. Er absolvierte als 14-Jähriger seine Ausbildung und wurde anschließend von seinem damaligen Trainer an die Hand genommen. „Das hat mir geholfen, dranzubleiben“, sagt er heute. „Er hat mir Tipps mit seiner langjährigen Handballerfahrung gegeben und mich sehr unterstützt.“

Inzwischen ist Beschorner selbst als Schiedsrichter-Coach unterwegs. „Es ist wichtig, dass wir neuen Schiedsrichtern zeigen: Wir sind für euch da“, sagt er. Ob Besuch bei den Spielen in der Halle oder der Austausch über die Whats-App-Gruppe: Es gehe vor allem darum, dass sich niemand alleine fühlt. „Diese Unterstützung hilft auch über das erste Jahr hinaus!“

Neben der praktischen Unterstützung des Neulings - ob durch Schiedsrichterkollegen, Trainer oder erfahrene Spieler - können die Vereine jedoch auch noch anders dazu beitragen, den Schiedsrichter-Nachwuchs zu halten. Plakate in der Halle oder eine Tribünenknigge „seien wichtige, kleine Schritte auf dem Weg, eine größere Akzeptanz zu schaffen“, sagt Kroll.

Denn auch, wenn der Effekt vielleicht nicht sofort ersichtlich ist: Unterbewusst wirkt er. „Durch eine Kampagne für Fairplay war die Zuschauerbasis etwas sensibilisiert“, erinnerte sich auch Nachwuchsschiedsrichter-Koordinator Skroblien im Interview an seine Anfangszeit. 

Außerdem könne es helfen, pöbelnde Zuschauer gezielt anzusprechen – gerade Eltern bei Jugendspielen, die gegen den ebenfalls noch jungen Schiedsrichter meckern. Er habe sich zu Eltern gesetzt, sie gefragt, wer ihr Kind auf dem Feld sei und dann gefragt: „Und wie würde es euch gefallen, wenn ich gegen eure Tochter pöbele, weil sie den Gegenstoß nicht getroffen oder die Sperre nicht gestellt hat?“, berichtet er. „Danach waren sie ruhig.“

Das sei flächendeckend durch den Verband nicht leistbar, aber engagierte Jugendtrainer oder Hallenbesucher könnten an diesem Punkt Eigeninitiative zeigen – und Vereine ihre Ehrenamtlichen genau darauf hinweisen und darum bitten, aktiv zu werden, wenn gerade junge Schiedsrichter angemeckert werden. „Viele Zuschauer achten erst einmal nicht darauf, wie alt der Schiedsrichter ist“, sagt Kroll. Umso wichtiger ist die entsprechende Sensibilisierung.

Und in Mecklenburg-Vorpommern hat man noch einen Ansatzpunkt gefunden, um den Schwund im ersten Jahr zu minimieren: Das Anheben der Altersgrenze von 12 auf 13 Jahre gesetzt, „obwohl immer wieder für Zwölfjährige angefragt wird“, wie Skroblien berichtete. „Wir wollen aber nicht, dass die Kinder zu früh verbrannt werden und sagen den Vereinen daher: Schickt sie lieber ein Jahr später zu uns. Denn das Gute ist: Wenn das erste Jahr überstanden ist, wird die Abbrecher-Quote deutlich geringer.“