Was passiert, wenn eine dieser Wasserflaschen während des Spiels auf dem Spielfeld landet? (Foto: IMAGO/Pressefoto Baumann)

Das Malheur mit der Wasserflasche

Hier hat ein Schiedsrichterkollege eine Situation erlebt, die man – salopp gesagt – in die Kategorie "Shit happens" einsortieren könnte ...

Der Fall

Spielerin A17 ist im Tempogegenstoß und hat eine klare Torgelegenheit. In diesem Moment versucht die im Auswechselraum befindliche Spielerin A3, ihrer ebenfalls im Auswechselraum befindlichen Mitspielerin A8 eine Wasserflasche zuzuwerfen. Die Aktion geht jedoch schief. Die Wasserflasche landet etwa drei Meter innerhalb des Spielfelds. Noch während des Tempogegenstoßes ihrer Mitspielerin betritt A8 kurz das Spielfeld und holt die Wasserflasche in den Auswechselraum zurück.

Eine Reaktion von Zeitnehmer und Sekretär bleibt im besagten Fall ebenso aus wie eine Reaktion des Feldschiedsrichters, vor dessen Augen sich der Vorfall abspielte. Spielerin A17 konnte ihren Tempogegenstoß erfolgreich abschließen. Das Spiel wurde mit Anwurf für Mannschaft B fortgesetzt. Eine persönliche Bestrafung von Spielerin A8 erfolgte nicht. Kann das regelgerecht sein?

Die Lösung

Vielleicht mag der eine oder die andere jetzt denken: „Was ist denn schon geschehen? Lass doch weiterlaufen. Ist ja alles in Ordnung.“ Regeltechnisch lägen sie bei einer solchen Entscheidung allerdings nicht richtig, denn unter regeltechnischen Aspekten ist die Situation wie folgt zu bewerten:

Zu Beginn dieser Spielsituation befindet sich Spielerin A17 im Tempogegenstoß und hat eine klare Torgelegenheit, als sich plötzlich eine Wasserflasche auf der Spielfläche befindet. Grundsätzlich besteht damit ein Gefährdungsmoment, das eine Spielunterbrechung rechtfertigt. Allerdings obliegt eine derartige Spielunterbrechung den Schiedsrichtern. Zeitnehmer und Sekretär können diese lediglich auf diesen Umstand aufmerksam machen. Dazu sollen sie das Spiel jedoch nicht unterbrechen.

Ob die Schiedsrichter in diesem Moment von der Vorteilsregel Gebrauch machen, hängt im Wesentlichen von der konkreten Gefährdungslage ab. Im Regelfall wird schon die konkrete Möglichkeit, dass eine Spielerin die Gefährdung nicht erkennt, eine sofortige Spielunterbrechung erfordern. Denkbar und im Einzelfall möglich wäre es aber auch, dass der Schiedsrichter bis zur nächsten Spielunterbrechung wartet, um den Mangel auf der Spielfläche beseitigen zu lassen. Diese Spielunterbrechung könnte in unserem speziellen Fall der Pfiff auf Torerfolg für Mannschaft A sein. Das Spiel wäre dann mit Anwurf für Mannschaft B fortzuführen.

Sollte der Schiedsrichter das Spiel jedoch unmittelbar unterbrechen, ist das Spiel nach der Unterbrechung grundsätzlich mit Freiwurf für die ballbesitzende Mannschaft fortzuführen (siehe auch Regeln 13:4a und 13:6).

Hiervon abzugrenzen sind jedoch Situationen, in denen die Schiedsrichter zusätzlich ein unsportliches Verhalten von Mannschaft A erkennen. In diesem Fall wäre neben der progressiven Bestrafung der fehlbaren Spielerin von Team A auf Freiwurf für Mannschaft B zu entscheiden. Für eine Vorteilsgewährung gäbe es dann keine entsprechende Regelbestimmung. Vielmehr endet jeglicher Vorteil in dem Moment, in dem die ballbesitzende Mannschaft bzw. der ballbesitzende Spieler selbst eine Regelwidrigkeit begeht. Der folgende Freiwurf für Mannschaft B wäre an der Stelle auszuführen, an der sich der Ball zum Zeitpunkt der Spielunterbrechung befand.

Während in der soeben beschriebenen Situation noch ein gewisser Ermessensspielraum hinsichtlich der Spielunterbrechung bestand, ist dieser in dem Moment vorbei, als Spielerin A8 die Spielfläche betritt, um die Wasserflasche „zu bergen“. Auch wenn ihr sicherlich keine unlauteren Motive unterstellt werden können, bleibt es dennoch dabei, dass sie im Sinne der Regel 4:6 Abs. 1 unberechtigt die Spielfläche betritt. Es ist jetzt Aufgabe des Zeitnehmers, das Spiel unmittelbar mit Pfiff zu unterbrechen und die Spielzeituhr anzuhalten (siehe auch IHF-Erl. 7A).

Die Schiedsrichter müssen gegen die fehlbare Spielerin A8 eine sofortige Hinausstellung aussprechen. Ihre Mannschaft muss sich auf der Spielfläche für zwei Minuten um eine Spielerin reduzieren.

Das Spiel ist mit einem Freiwurf für Mannschaft B in Höhe des Auswechselraums von Mannschaft A fortzuführen.