Gute Gespräche zwischen Schiedsrichter und Trainer sollte es viel öfter geben. (Foto: IMAGO/wolf-sportfoto)
Unparteiischer, Trainer, Schiedsrichterwart: Drei Perspektiven aus der 4. Liga
Insgesamt elf Oberligen gibt es deutschlandweit, sie arbeiten – bis auf wenige Ausnahmen – verbandsübergreifend. Entsprechend groß ist der Spagat für alle Beteiligten: Der potenzielle Drittligist trifft auf den Überraschungsaufsteiger, in dessen Halle Harzverbot herrscht; der Nachwuchs-Leistungssportler, der in der Jugendbundesliga täglich trainierte, misst sich mit dem Feierabend-Handballer – und der junge Schiedsrichter, der nach oben will, soll möglichst die gleiche Linie vertreten wie der alte Hase an der Pfeife.
Wie kann man die Zusammenarbeit von Schiedsrichtern und Trainern in dieser bunten 4. Liga verbessern?
Schiedsrichter Jerome Breuer, Trainer Matthias Steinkamp und Schiedsrichterwart Christian Kroll haben sich dazu Gedanken gemacht.
Das Trio kommt aus unterschiedlichen Regionen: Breuer pfeift gemeinsam mit Gespannpartner Dennis Schaaf in der Regionalliga Nordrhein. Steinkamp steht seit dieser Saison bei der SG Hamburg-Nord in der Oberliga Hamburg/Schleswig-Holstein an der Seitenlinie, nachdem er zuvor bei Frauen-Bundesligist HL Buchholz 08-Rosengarten unter Vertrag stand. Und Kroll bringt in sein Amt als Schiedsrichterwart im Handballverband Berlin die eigene Erfahrung aus zehn Jahren als DHB-Schiedsrichter ein.
Jerome Breuer (Schiedsrichter): Wenn ich einen großen Wunsch äußern dürfte, wäre es dieser: Ein respektvoller Umgang miteinander. Das ist kein neuer Wunsch, das ist mir klar, aber das würde uns allen am meisten helfen. Emotionen gehören zum Sport dazu, aber wenn man uns anschreit oder beleidigt, hat das nichts mehr mit dem sportlichen Fair Play zu tun, dem wir uns verschrieben haben. Man kann auch emotional und respektvoll zugleich sein.
Für mich umfasst ein respektvoller Umgang auch viel mehr als das unmittelbare Verhalten auf dem Feld oder an der Bank. Es fängt schon im Vorfeld an: Die technische Besprechung soll in unserer Liga 45 Minuten vor Anpfiff stattfinden. Es kommt jedoch immer wieder vor, dass die Mannschaftsvertreter zu spät kommen oder mangelhaft vorbereitet sind. Das ist ärgerlich und geht zu Lasten unserer Vorbereitungszeit sowie der Konzentration.
Matthias Steinkamp (Trainer): Wenn ich einen großen Wunsch äußern dürfte, wäre es dieser: Mehr ins Gespräch kommen. In der Oberliga herrscht ein ganz anderer Umgang miteinander, als ich es aus der Frauen-Bundesliga kenne. Dort begegnen sich Trainer und Schiedsrichter auf Augenhöhe, man kann miteinander reden und kommuniziert auch während des Spiels viel. In der Oberliga ist das nicht der Fall. Das ist schade, denn mit Kommunikation lassen sich viele Probleme im Vorfeld lösen. Ein Schiedsrichter, der eine Situation kurz während des Spiels mit dem Trainer bespricht, kann ganz viel entschärfen.
So ein Austausch ist natürlich einfacher, wenn man sich kennt. Daher würde ich es für sinnvoll halten, wenn Trainer und Schiedsrichter regelmäßiger miteinander sprechen würden. Ich könnte mir beispielsweise vorstellen, dass man sich nach dem Spiel in der Kabine trifft; das ließe sich in der Oberliga organisieren. Ob das immer sinnvoll ist – beispielsweise nach sehr emotionalen Spielen – muss man sehen, aber ich glaube, dass solch regelmäßige Gespräche beiden Seiten helfen würden. So würde die Distanz fallen; Schiedsrichter und Trainer würden sich besser kennenlernen und ein Verständnis füreinander entwickeln.
Christian Kroll (Schiedsrichterwart): Wenn ich einen großen Wunsch äußern dürfte, wäre es genau dieser: Mehr Verständnis – zum einen für die Menschen, die dort mit der Pfeife in der Hand stehen als auch für die regeltechnische Linie, die sie umsetzen sollen. Beides ist in dem gehobenen Amateurbereich, in dem wir uns mit der 4. Liga bewegen, oft schwierig, weil so verschiedene Sichtweisen aufeinandertreffen.
Es ist eine immense Herausforderung für jeden Schiedsrichter, diese ganzen Charaktere unter einen Hut zu bringen. Dazu kommt der ohnehin vorhandene Druck und der Anspruch an sich selbst, das Spiel möglichst fehlerfrei leiten zu wollen. Das muss jeder Schiedsrichter erst einmal lernen, denn kein Schiedsrichter hat einen Heimvorteil und eine Fanbase vor Ort hinter sich stehen.
Ich würde mir wünschen, dass die Trainer bei allem Siegeswillen und allen Emotionen auch ein Verständnis für die Situation des Schiedsrichters aufbringen und an der Seitenlinie auch ein Auge dafür entwickeln. Dies gilt insbesondere, wenn dort ein junger Schiedsrichter ankommt und seine – ersten – Spiele in der Oberliga pfeift. Denn bei allem Druck, der unbestritten auch auf den Schultern der Trainer lastet, kann davon ausgegangen werden, dass der Schiedsrichter seiner Aufgabe nach bestem Wissen und Gewissen nachkommt.
Matthias Steinkamp: Die Schiedsrichterleistungen bei uns in der Oberliga Hamburg/Schleswig-Holstein sind, das möchte ich ausdrücklich betonen, größtenteils gut bis sehr gut. Die vielen jungen Gespanne bei uns leben allerdings davon, dass sie auch über die offiziellen Beobachtungen hinaus Feedback bekommen. Das passiert aus meiner Sicht viel zu wenig – und da sind auch wir als Trainer gefragt. Und anders als beispielsweise ein extra Mentoring-Programm für Schiedsrichter würde der Austausch nach dem Spiel keine Kosten verursachen, da beide Seiten ohnehin in der Halle sind.
Es wird auch Trainer geben, die so einen Austausch nicht wollen; das muss man akzeptieren. Aber es gibt viele Trainer, die mit ihrem Feedback gerne dazu beitragen wollen, dass sich die Schiedsrichter weiter entwickeln können. Denn als Trainer habe ich viele Sorgen weniger, wenn ich eine objektiv gute Schiedsrichterleistung bekomme. Daher kann es nur in unserem Interesse sein, unseren Teil beizusteuern.
Natürlich gibt es dafür bereits das System der Vereinsbeobachtungen, aber das ist im Vergleich zur DHB-Ebene bei uns in der Liga sehr abgespeckt und wird oft nicht ernst genommen. Das finde ich schade, denn ich halte Feedback für sehr wichtig – übrigens durchaus beidseitig. Eine Bewertung des Bankverhaltens durch die Schiedsrichter könnte ich mir daher auch gut vorstellen.
Jerome Breuer: Was die Vereinsbeobachtungen angeht, finde ich es sehr schade, dass nicht alle Vereine dieses Instrument ernst nehmen. Die Beobachtungsbögen werden teilweise nicht eingereicht oder nur flüchtig ausgefüllt. Ich glaube, bei vielen Vereinen fehlt das Verständnis, was diese Vereinsbeobachtungen für uns bedeuten. Sie machen 20 Prozent unserer Punktzahl im Ranking aus und entscheiden damit über Auf- und Abstieg.
Christian Kroll: Es darf auch nicht vergessen werden, dass Schiedsrichter zig Situationen in wenigen Sekunden wahrnehmen und entscheiden müssen, wohingegen Trainer die meisten Aktionen aus einer Ruhesituation heraus und mit vereinslastigem Blick betrachten. Dabei ist es nur menschlich, dass den Schiedsrichtern bei ihrer kopflastigen Aufgabe Fehler unterlaufen.
Oft mangelt es für mich dabei einfach an der aktuellen regeltechnischen Fortbildung seitens der Trainerschaft. Viele Trainer sind oft deutlich älter als die Schiedsrichter. Sie bringen daher in der Regel mehr Lebenserfahrung mit, sind dafür aber gerade in den unteren Ligen vielleicht nicht (mehr) auf dem aktuellen Stand, wie das Regelwerk im Verband ausgelegt werden soll. Aber auch junge Spieler, die eine Trainerlaufbahn eingeschlagen haben, müssen sich mit dem Regelwerk nach ihrer bestandenen Trainerausbildung nicht mehr intensiv beschäftigen.
Ein Schiedsrichter muss – nicht nur in der Oberliga – jedes Jahr einen Lehrgang zur Fortbildung besuchen oder man verliert die Lizenz. Dabei wird geschult, was die aktuellen Schwerpunkte sind und welche neuen Auslegungen es gibt. Auch werden die Regelkenntnisse regelmäßig durch Tests auf den Prüfstand gestellt. Viele Trainer setzen sich damit nicht bzw. nicht in dem Maße auseinander, wie es die Schiedsrichter müssen.
Hier müssen wir uns als Landesverbände vielleicht an die eigene Nase fassen und beispielsweise aktuelle Informationen proaktiv verteilen oder anderweitige Veranstaltungen anbieten. Ich könnte mir gut vorstellen, dass beispielsweise im ersten Schritt ein Kurzprotokoll der Lehrgänge an die Vereine geschickt wird – so, wie es auf DHB-Ebene bereits Usus ist. Zumindest in Berlin sind wir da auf einem guten Wege und verfolgen erste Ansätze.
Jerome Breuer: Die Professionalisierung seitens der Vereine, die mit dem Aufstieg in die 4. Liga einhergeht, ist im Vergleich zum Landesverband deutlich zu spüren. Die Trainer wissen sehr genau, was sie tun und wie sie im Spiel subtil etwas an uns herantragen können; auch die Art der Kommunikation ist eine ganz andere. Im ersten Jahr haben Dennis und ich daher viel Lehrgeld bezahlen müssen, aber wir haben auch viel gelernt – gerade im Umgang mit Trainern.
Um uns weiterzuentwickeln und in der Liga anzukommen, haben wir uns proaktiv Meinungen von Trainern und Offiziellen eingeholt – entweder direkt in der Halle oder ein, zwei Tage später per Telefon oder Videocall. Das hat uns sehr geholfen. Solche Gespräche zu führen, kann ich jedem Schiedsrichter nur empfehlen – und ich kann die Trainer nur bitten, sich dafür die Zeit zu nehmen.
Christian Kroll: Wenn wir es mal aus einer anderen Perspektive betrachten: Kein Schiedsrichter würde sich anmaßen, dem Trainer während des Spiels taktische Hinweise zu geben oder seine Wechselstrategie zu hinterfragen. Eine derartige Diskussion im Spiel habe ich zumindest noch nicht erlebt oder davon gehört. Dass Trainer – und Spieler – Entscheidungen des Schiedsrichters hinterfragen und kritisieren, ist hingegen an der Tagesordnung.
Grundsätzlich ist das auch gut so, denn zum einen sind auch wir Schiedsrichter nicht unfehlbar. Andererseits hat jeder aufgrund seiner Stellung im Spiel ein anderes Sichtfeld auf die Situation und somit auch eine andere Perspektive, aus welcher jeder für sich die Aktion bewertet. Gleichwohl muss jeder Schiedsrichter im Spiel auch in der Lage sein, aus seiner Sicht kurz und knackig seine Entscheidung gegenüber Spielern und Trainern begründen zu können. Aber stetiges Schimpfen oder das Auslassen der Frustration am Schiedsrichter ist eben nicht die angemessene Form, insbesondere, wenn die Regelkenntnis nicht auf dem aktuellen Stand ist.
Matthias Steinkamp: Stichwort Bankverhalten: Ich würde mir wünschen, dass die Schiedsrichter auch in der 4. Liga mutiger sind und ihre Grenzen deutlicher und früher aufzeigen. Eine Kommunikation auf gleicher Ebene sollte natürlich möglich sein, aber oft geht es seitens der Trainer nicht um Kommunikation, sondern nur um Kritik. Dennoch gibt es in der Oberliga meiner Erfahrung nach erst deutlich später die gelbe Karte als in der Bundesliga. Ich glaube, die Schiedsrichter sind auf dieser Ebene oft noch unerfahren; es fehlt das Selbstbewusstsein, um dem Trainer mit der Progression aufzuzeigen, wo Schluss ist.
Christian Kroll: Eine bessere regeltechnische Ausbildung der Mannschaften und ein gewachsenes Verständnis für den Schiedsrichter und seine Aufgaben würde aus meiner Sicht einen großen Schritt dazu beitragen, die Attraktivität des Handballsports insgesamt weiter zu entwickeln und auch die Funktion des Schiedsrichters zu stärken. Denn eines ist sicher: es wird immer schwieriger, motivierte Menschen für diesen Job zu finden – denn wer will schon freiwillig seine kostbare Freizeit opfern, um sich jedes Wochenende auf dem Spielfeld anpöbeln oder beschimpfen zu lassen.
Matthias Steinkamp: Wenn ich sehe, was Schiedsrichter teilweise abbekommen – vor allem in den unteren Ligen im Landesverband – ist das echt heftig. Ich glaube, es wäre gut, wenn der Umgang mit Schiedsrichtern in der Lizenzausbildung verstärkt behandelt wird. Denn in diesem Punkt sind wir Trainer gefragt. Meine Mannschaft hat beispielsweise das Verbot, Schiedsrichter intensiv anzugehen, das ist ein No-Go. Wenn jemand unzufrieden ist, läuft die entsprechende Kommunikation über meinen Co-Trainer oder mich. Wenn die Schiedsrichter über 60 Minuten von allen Seiten Kontra kriegen, bringt das ohnehin nichts – dessen sollten wir uns alle bewusst sein.
Christian Kroll: Um das regeltechnische Verständnis zu schulen, würde ich es begrüßen, wenn die Regeltechnik verstärkt nicht nur in die Trainerausbildung inkludiert wird, sondern auch – ähnlich wie bei den Schiedsrichtern – regelmäßig regeltechnische Fortbildungen angeboten würden. Für die Trainer ist dafür im Rahmen der weiteren Fortbildungen kaum oder wenig Raum bzw. zu wenig Interesse vorhanden.
Wir hatten im Landesverband einmal eine Fortbildung für Trainer mit den gleichen Inhalten angeboten, mit denen wir unsere Schiedsrichter geschult hatten. Leider war die Resonanz nicht wie erhofft; es haben sich leider nicht viele Trainer blicken lassen, was ich sehr schade fand. Zumindest in der Oberliga sollte man diese aber verpflichtend machen können – so wären alle auf dem gleichen Stand und die ein oder andere Diskussion ließe sich vermeiden.
Jerome Breuer: Wir hatten auf unseren Sommer-Lehrgängen auch schon Trainer zu Gast. So ein gegenseitiger Austausch ist ein probates Mittel für beide Seiten. Denn ich glaube, dass es gut ist, wenn Trainer und Mannschaften verstehen, wie wir zu gewissen Entscheidungen kommen. Es gibt oft Missverständnisse, aber woher sollen Trainer bestimmte Dinge auch wissen, wenn wir sie nicht erklären? Wenn wir Trainern unsere Sichtweise vermitteln und sie ‚mitnehmen’ können, können sie sich und ihr Team besser darauf einstellen, was wir pfeifen. Das würde uns allen gemeinsam helfen.