Stefan Schneider und Colin Hartmann (Quelle: IMAGO/Lobeca)

Community statt Einzelkämpfer

Als Schiedsrichter ist man gerade im Amateurhandball alleine unterwegs, aufgrund des allgegenwärtigen Schiedsrichtermangels oft sogar ohne (festen) Gespannpartner. Ein Einzelkämpfer muss man dennoch nicht sein. Im Gegenteil: Eine lebendige „Schiedsrichter-Community" kann Rückhalt sein und für den Einsatz auf dem Spielfeld helfen.

Für Stefan Schneider und seine Schiedsrichterkollegen aus dem Raum Magdeburg gab es über Jahre einen festen Termin: Montagabends trafen sich die Referees in einer Sporthalle und absolvierten gemeinsam eine Trainingseinheit. Es wurden Fußball und Handball gespielt, einmal kam eine Yogalehrerin vorbei, ein anderes Mal übernahm ein Fitnesstrainer die Einheit.

Ein Grund für die gemeinsame Trainingseinheit war die Bewegung, der zweite Grund der Austausch“, erinnert sich Schneider. „Wir haben uns in der Kabine über unsere Einsätze unterhalten, auch über schwierige Situationen gesprochen oder einfach vom letzten Spiel berichtet. Das tut einfach gut.

Die wöchentliche Einheit wurde in Magdeburg über Jahre praktiziert. Die Teilnehmerzahl schwankte, die Runde war mal größer, mal kleiner, aber es war eine geschätzte Einrichtung. Die Schiedsrichter traten auch gemeinsam bei Firmen-Staffelläufen an und stellten sogar einmal ein Team für ein Beachhandball-Turnier auf. Erst die Hallensperrungen während der Hochphase der Corona-Pandemie beendeten den regelmäßigen Schiedsrichter-Treff.

Schneider, der seine aktive Schiedsrichter-Karriere vor anderthalb Jahren nach über 750 Einsätzen für den Deutschen Handballbund beendete, kann so eine Runde dennoch nur empfehlen. „Sich regelmäßig mit den Schiedsrichtern im Wohnort bzw. der Region auszutauschen, kann extrem gewinnbringend sein“, rät er. „Der Kreativität, was man macht, sind dabei keine Grenzen gesetzt.

Ob ein wöchentliches Training in der Halle, ein Stammtisch in einem Restaurant oder online per Videocall: Im Mittelpunkt steht der Dialog zwischen Gleichgesinnten, abseits vom Trubel des Spieltags und unter sich.

Es gehört zur Wahrheit, dass Menschen, die diesen Job nicht gemacht haben, deine Erfahrungen als Schiedsrichter nie ganz nachvollziehen können“, sagt er. „Natürlich kann und sollte man Familie oder Freunde auch von positiven wie negativen Erlebnissen erzählen, aber sie werden es weder inhaltlich noch emotional nie so verstehen, wie es die Schiedsrichterkollegen können.

Nicht umsonst, führt Schneider aus, werde man als Schiedsrichter immer wieder gefragt, warum man sich das antue. Es ist eine Frage, die Schiedsrichter sich untereinander in der Regel nicht stellen dürften, weil sie den Antrieb – ob bewusst oder unterbewusst - selbst kennen.

Damit der Austausch einen Mehrwert für das Pfeifen bringt, ist aus Sicht von Schneider ein Faktor wichtig: Die gemeinsame Erfahrung. Entsprechend versammelten sich in Magdeburg beim wöchentlich Training die höherklassig pfeifenden Unparteiischen aus der Region.

Wenn man auf einem ähnlichen Niveau pfeift, teilt man die gleichen Erlebnisse und hat die gleichen Probleme“, beschreibt er. „Ein Kreisliga- und ein Bundesligaschiedsrichter haben natürlich das gleiche Hobby, aber sie treffen auf völlig verschiedene Spielertypen und andere Verhaltensweisen.

Natürlich kann man gewisse Tipps auch deutlich liga- bzw. kaderübergreifend geben, aber „den größten Gewinn erzielt man, wenn sich die meisten in der Runde auf einer ähnlichen Augenhöhe begegnen“, glaubt Schneider. „Ist das Leistungsgefälle zu groß, kann eine gemeinsame Basis fehlen.

Grundsätzlich hält Schneider es jedoch für extrem sinnvoll, wenn Schiedsrichterwarte im Landes- oder Kreisverband bzw. Verein über verschiedene Plattformen oder Wege den Austausch zwischen den Unparteiischen fördern – unabhängig von Liga, Kader oder Alter: „Als Schiedsrichterkader sind wir in jeder Saison eigentlich ein zusätzliches Team.“

Gerade jüngere und/oder lernwillige Schiedsrichter können so lernen. „Es ist immer richtig und wichtig, sich an höherklassigen Schiedsrichter zu orientieren, um sich weiterzuentwickeln“, betont Schneider. Um eventuell bestehende Berührungsängste gegenüber den erfahreneren Kollegen abzubauen, hilft ein Austausch in lockerer Atmosphäre abseits vom Druck eines Spieltags bzw. Einsatzes.

Entsprechend lobende Worte findet Schneider für die vom Deutschen Handballbund initiierte Aktion „Breite trifft Spitze“, bei der sich Basis-Schiedsrichter im Rahmen von Bundesligaspielen mit den angesetzten Unparteiischen des DHB treffen. „Solche Begegnungen zu schaffen, ist ebenso wichtig wie der Austausch im eigenen Umfeld“, unterstreicht er.

Die Begleitung von Einsätzen ist ebenfalls ein probates Mittel, um in den Austausch zu kommen - ob nun der jüngere Schiedsrichter dem höherklassigen Kollegen über die Schulter schauen darf oder sich zwei Ligakollegen gegenseitig bei ihren Spielen besuchen. „Wir kennen beide Seiten – mitzufahren und jemanden mitzunehmen – und das war immer interessant“, sagt Schneider.

Letztendlich sind es unabhängig vom Rahmen die Begegnungen, das Miteinander von Menschen, die eine Leidenschaft teilen, auf die es ankommt. „Wenn man die Leute erst einmal kennenlernt, wenn man begreift, dass man auch ein ‚Team‘ hat, hilft das ungemein“, sagt Schneider. Hat man sich ein Netzwerk aufgebaut, hat man Gleichgesinnte gefunden, kann man mit einer Nachricht oder einem Anruf seinen Frust loswerden, sich Hilfe holen, seine Begeisterung teilen. „Du weißt einfach, wenn du auf dem Feld stehst: Du bist nicht alleine.“