Freiwurfausführung während eines Vorwarnzeichens

Freiwurf ist die häufigste Entscheidung im Handball und jeder dieser Freiwurfausführungen erfordert die volle Aufmerksamkeit der Schiedsrichter. Dies gilt umso mehr bei einer Freiwurfausführung während eines Vorwarnzeichens, insbesondere noch mehr, wenn nur noch ein einziger Pass gespielt werden darf.

Unter dem Aspekt einer zügigen Spielfortsetzung oder so schnell wie möglich aus der Passiv-Situation herauszukommen, werden häufig Regelwidrigkeiten der Abwehrspieler aber auch der angreifenden Mannschaft toleriert oder Entscheidungen gar gemieden.

Diese „Großzügigkeit“ findet ihre Grenzen, wenn die ausführende Mannschaft durch Regelwidrigkeiten einen unzulässigen Vorteil erlangt, der dann auch noch zum Torerfolg führt. 

Spätestens dann stehen die absolut korrekte Ausgangsstellung aller Beteiligten und deren regelgerechtes Verhalten während der Wurfausführung für die Schiedsrichter im Vordergrund. 

Daher ist neben der regelgerechten Entscheidung auf Freiwurf auch auf die anschließend korrekte Ausführung – insbesondere während der Anzeige des Vorwarnzeichens für passives Spiel – zu achten.

Hier drei Beispiele:

Was geschieht in Video 1?

Mannschaft GRÜN ist im Angriff. Die Schiedsrichter haben das Vorwarnzeichen für passives Spiel angezeigt. Die Schiedsrichter haben auf Freiwurf für Mannschaft GRÜN erkannt, die Spielzeit ist unterbrochen und es ist nur noch ein Pass möglich. Der Feldschiedsrichter korrigiert und ermahnt zunächst Mannschaft WEISS, den korrekten 3-Meter-Abstand einzuhalten. Nachdem (fast) alle an der richtigen Stelle stehen, pfeift der Feldschiedsrichter den Freiwurf an.

Der Ausführende GRÜN 54 wartet einen Moment mit der Ausführung, um eine Wurffinte von GRÜN 2 anzutäuschen, als sein Mitspieler GRÜN 19 deutlich in den Raum zwischen der Freiwurf- und der Torraumlinie läuft, bevor der Ball die Hand von GRÜN 54 verlassen hat. Nach dem Wurf von GRÜN 23 entscheiden die Schiedsrichter auf Einwurf für Mannschaft GRÜN.

Was geschieht in Video 2?

Mannschaft ROT befindet sich im Angriff und die Schiedsrichter haben das Vorwarnzeichen für passives Spiel angezeigt und auf Freiwurf Mannschaft ROT entschieden. Die Spielzeit wurde nicht angehalten und es ist nur noch ein Pass möglich. ROT 28, der Ausführende, steht deutlich vor der Freiwurflinie, während sein Mitspieler ROT 4 deutlich im Raum, hinter der Freiwurflinie steht.

Trotz der falschen Ausgangsstellung von ROT 4 pfeift der Feldschiedsrichter den Freiwurf an. Während ROT 28 wartet, um durch eine Finte für ROT 22 zu spielen, läuft ROT 4 noch weiter in den Raum bevor der Ball die Hand des Ausführenden verlassen hat. Der Wurf von ROT 22 geht neben das Tor und die Schiedsrichter entscheiden auf Abwurf.

Was geschieht in Video 3?

Mannschaft BLAU ist im Angriff und das Vorwarnzeichen für passives Spiel ist angezeigt. Die Schiedsrichter haben auf Freiwurf für Mannschaft BLAU erkannt, die Spielzeit ist unterbrochen und es ist nur noch ein Pass möglich. Der Feldschiedsrichter korrigiert zunächst BLAU hinsichtlich der korrekten Position und ermahnt dann Mannschaft ROT, den korrekten 3-Meter-Abstand einzuhalten. Nachdem (fast) alle an der richtigen Stelle stehen, pfeift der Feldschiedsrichter den Freiwurf an.

Der Ausführende BLAU 8 wartet mit der Ausführung, um eine Wurffinte von BLAU 14 zu spielen, als sich seine beiden Mitspieler BLAU 20 und 27 aus der Mauer lösen und deutlich in den Raum zwischen der Freiwurf- und der Torraumlinie laufen, bevor der Ball die Hand von BLAU 8 verlassen hat. BLAU 14 kommt ungehindert zum Wurf und erzielt ein Tor.

DIE REGELTECHNISCHE EINORDNUNG VON KAY HOLM, LEITER BEREICH LEHRE IM SCHIEDSRICHTERWESEN DES DHB

Die Bestimmungen der Regel 13:6 einschließlich der im entsprechenden Kommentar enthaltenen Hinweise zur Toleranz bestimmen grundsätzlich den Ort einer Freiwurfausführung. Regel 13:7 beschreibt das regelgerechte Verhalten der Angreifer vor und während der Ausführung eines Freiwurfs. Schließlich ist das korrekte Verhalten der Abwehrspieler in Regel 13:8 niedergelegt.

Konkretisiert werden diese Bestimmungen durch die allgemeinen Anweisungen zur Ausführung der Würfe in Regel 15. Hinsichtlich des regelgerechten Verhaltens der ausführenden Spieler geben die Regeln 15:1 und 15:2 näheren Aufschluss. Während Regel 15:3 das Verhalten der Mitspieler des Werfers beschreibt, regelt Regel 15:4 das regelgerechte Verhalten der Abwehrspieler und Regel 15:5 den Anpfiff zur Spielfortsetzung.

Zusammengefasst bedeutet das, vor der Ausführung eines Wurfs muss zunächst der Werfer die richtige Position eingenommen haben und der Ball muss sich in der Hand des Werfers befinden. 

Die Mitspieler des Werfers müssen die für den jeweiligen Wurf vorgeschriebenen Positionen ebenfalls eingenommen haben. Die Spieler der werfenden Mannschaft dürfen die Freiwurflinie nicht berühren oder überschreiten, bevor der Ball die Hand des Werfers verlassen hat. Sollten sich Angriffsspieler vor Ausführung des Freiwurfs zwischen Torraum- und Freiwurflinie befinden, müssen die Schiedsrichter dies korrigieren, falls es Einfluss auf das Spiel hat. Der Freiwurf wird dann angepfiffen.

Grundsätzlich sollen die Schiedsrichter das Spiel nicht anpfeifen, bevor die Spieler ihre Aufstellung entsprechend 15:1, 15:3 und 15:4 eingenommen haben (siehe jedoch 13:7 Absatz 2 und 15:4 Absatz 2). Pfeift der Schiedsrichter den Wurf trotz falscher Aufstellung der verteidigenden Spieler an, so sind diese Spieler voll aktionsfähig.

Wenn Spieler der angreifenden Mannschaft diese Zone betreten, bevor der Ball die Hand des Werfers verlassen hat, und der Wurf nicht angepfiffen worden war, ist zu korrigieren und der Freiwurf danach anzupfeifen.

Berühren oder überschreiten Spieler der angreifenden Mannschaft allerdings nach Anpfiff eines Freiwurfs die Freiwurflinie, bevor der Ball die Hand des Werfers verlassen hat, dann ist auf Freiwurf für die abwehrende Mannschaft zu erkennen.

Auflösungen

Im ersten Beispiel (Video 1) musste der Feldschiedsrichter den Freiwurf anpfeifen, da die Spielzeit unterbrochen war (Wiederaufnahme nach Time-out). GRÜN 19 der angreifenden Mannschaft überschreitet allerdings nach Anpfiff des Freiwurfs deutlich die Freiwurflinie, bevor der Ball die Hand des Werfers verlassen hat. Korrekte Entscheidung wäre hier gewesen: Freiwurf WEISS.

Im zweiten Beispiel (Video 2) hat der Feldschiedsrichter den Freiwurf wegen Verzögerung der Wurfausführung angepfiffen. Grundsätzlich sollen die Schiedsrichter das Spiel aber nicht anpfeifen, bevor die Spieler ihre Aufstellung entsprechend Regel 15:1, 15:3 und 15:4 eingenommen haben. Da sich Angriffsspieler ROT 4 vor Ausführung des Freiwurfs zwischen Torraum- und Freiwurflinie befand, hätte der Schiedsrichter dies korrigieren müssen, da es Einfluss auf die Ausführung, das Spiel hat. In diesem Fall hat der Feldschiedsrichter die falsche Ausgangsposition von ROT 4 allerdings nicht korrigiert. Das deutliche Überschreiten der Freiwurflinie von ROT 4 nach Anpfiff hätte dann zu einem Freiwurf für Mannschaft GRÜN führen müssen.

Im dritten Video (Video 3) musste der Feldschiedsrichter den Freiwurf anpfeifen, da die Spielzeit unterbrochen war (Wiederaufnahme nach Time-out). Zuerst überschreitet BLAU 20 und dann BLAU 27 der angreifenden Mannschaft nach Anpfiff des Freiwurfs, bevor der Ball die Hand des Werfers verlassen hat, deutlich die Freiwurflinie. Hinzu kommt noch, dass die Mitspieler dabei eine sogenannte Mauer bilden, um Abwehrspieler am Herauslaufen gegen den Rückraumschützen zu hindern. Das Sperren ohne Ball ist diesen Spielern grundsätzlich erlaubt. Aber: auch diese Sperre muss passiv sein. Rückwärts in die Abwehrspieler zu rennen, diese mit ausgestreckten Armen zu blockieren bzw. festzuhalten, ist ebenfalls nicht erlaubt.  

Korrekte Entscheidung wäre hier gewesen: Freiwurf ROT.

Fazit

Von Beginn des Spieles an sollten die Schiedsrichter für eine korrekte Aufstellung aller Spieler bei der Ausführung von Freiwürfen sorgen; hier ist es angebracht, mit verbalen Hinweisen die Beteiligten auf regeltechnische Konsequenzen im Wiederholungsfall hinzuweisen. Durch (körperliche) Präsenz der Schiedsrichter kann für eine korrekte Wurfausführung über die gesamte Spielzeit gesorgt werden.

Gerade bei einer Freiwurfausführung während eines Vorwarnzeichens müssen die Schiedsrichter für „Chancengleichheit“ sorgen. Für die angreifende Mannschaft ist in einer Situation, in der die Abwehr aus einer ruhenden Position agieren muss, der regelgerechte Abstand zum ausführenden Spieler von besonderer Bedeutung und ebenso ist von besonderer Bedeutung für die abwehrende Mannschaft, dass sich der Ausführende sowie seine Mitspieler regelgerecht verhalten.

Regelwidrig erzielte Tore sind immer zu vermeiden. Das angezeigte Vorwarnzeichen in derartigen Situationen darf nicht zur Großzügigkeit führen, nur um schnell aus der (unangenehmen) Situation zu kommen.