Der Schweizer EHF-Delegierte Beat Nagel (Quelle: handball.ch)
Blick über den Tellerrand: Arbeit mit dem "Gameplan" in der Schweiz
Um Sinn und Zweck des so genannten Gameplans zu erklären, braucht Beat Nagel eigentlich nur einen Satz: „Unsere Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter sollen lernen, ein Spiel aktiv zu leiten statt dem Geschehen ‚hinterher’ zu pfeifen“, erklärt der Fachbereichsleiter für Schiedsrichter-Entwicklung im Schweizer Handball-Verband kurz und bündig. „Und dafür braucht es ein Konzept.“
Dieses Konzept soll der Gameplan sein, den die Schiedsrichter in der 1. und 2. Liga in der Schweiz, sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen, vor dem Spiel entwerfen – und 60 Minuten vor dem Anpfiff dem Delegierten mitteilen. Dabei stehen zwei Punkte im Fokus: „Was für ein Spiel erwarten die Unparteiischen?“ – und „Mit welchen Instrumenten bzw. Schwerpunkten gehen sie in die Partie?“
„Den Gedanken haben wir uns aus dem Trainerbereich entliehen, denn jeder Trainer macht vor dem Spiel ebenfalls einen Matchplan“, erläutert Nagel. „Dabei ist uns wichtig, dass es nicht zu umfangreich ist – zwei bis drei Kernpunkte reichen absolut aus. Außerdem ist ganz klar festgelegt, dass der Gameplan von den Schiedsrichtern kommen muss – der Delegierte gibt natürlich bei Bedarf noch seinen Input, aber die Grundlage sollen die Schiedsrichter entwerfen.“
Während des Spiels verfolgt der Delegierte neben seinen eigenen Aufgaben die Umsetzung des Gameplans und gibt sowohl während der Team-Timeouts als auch in der Halbzeit Feedback. Zudem bindet er die Trainer kommunikativ ein und erklärt ihnen ggf. die Schwerpunkte. „So kanalisieren wir die Zusammenarbeit von Schiedsrichtern, Delegierten und Trainern“, unterstreicht Nagel.
Eingeführt wurde der Einsatz des Gameplans erstmals zur Saison 2019/2020 – und ist inzwischen, nach einer coronabedingten Aussetzung, seit eineinhalb Jahren wieder an der Tagesordnung. Die wichtigste Erkenntnis aus den Anfängen: Der Delegierte darf die Schiedsrichter nicht überrollen. „Anfänglich wurde den Schiedsrichtern vom Delegierten immer mal wieder zu viel reingeredet, dabei hat er „nur“ eine Support-Funktion“, erläutert Nagel. „Das hat sich inzwischen aber gut eingespielt.“
Eine Vorlage, wie der Gameplan vom Aufbau her auszusehen hat, bzw. ein Formular, das es auszufüllen gilt, gibt es nicht - ganz bewusst. So kann jedes Schiedsrichter-Team an seiner Art, sich Notizen zu machen bzw. sich vorzubereiten, festhalten. „Es gibt Schiedsrichter, die zwei vollgeschriebene Seiten in das Meeting mitbringen; andere arbeiten nur mit Stichpunkten“, sagt Nagel. „Jeder hat eine andere Arbeitsweise. Wir warnen nur davor, zu komplex zu werden, um sich nicht zu überfordern.“
Auch inhaltlich liegen die Schwerpunkte individuell bei den Schiedsrichtern. „Vor einem Spitzenspiel hat sich ein Gespann vorgenommen, Vorteile bewusst laufen zu lassen, von Anfang an progressiv durchzugreifen und die wuchtigen Kreisläufer der beiden Teams besonders im Blick zu behalten“, erinnert sich Nagel. „Das waren drei klar definierte Felder und wir haben gesehen, dass sie sich mit dem zu erwartenden Spiel beschäftigt hatten.“
Für Nagel wird an diesem Beispiel der zentrale Punkt hinter der Gameplan-Methode deutlich. „Sie mussten auf die Kreisläufer nicht erst im Spielverlauf reagieren, sondern waren von Anfang an bereit, aktiv zu sein und konnten so präventiv eingreifen“, beschreibt er. „So gerät man auf dem Feld nicht so leicht ins Schwimmen.“
Natürlich ist so eine inhaltliche Spielvorbereitung auch ohne das Entwerfen eines Gameplans und ein Meeting mit dem Delegierten möglich, aber aus Sicht von Nagel profitieren die Unparteiischen von dem Prinzip – gerade die jüngeren Gespanne. „Sie haben so immer noch den Input eines erfahrenen Kollegen und lernen zudem, mit Konzept zu pfeifen“, betont er. „Das ist ein wichtiger Schritt in der Entwicklung eines Schiedsrichters. Wir erwarten eine gewisse Professionalität und dann kann ich erwarten, dass sich die Schiedsrichter mit ihrer Aufgabe auseinandersetzen.“
Nach jedem Spiel findet zudem eine kurze Nachbesprechung statt. So bekommen die Unparteiischen nicht nur in offiziellen Coachings eine Rückmeldung, sondern nach jedem Einsatz. Es wird besprochen, wie das Spiel gelaufen ist, wie die festgelegten Instrumente gegriffen haben und – ganz wichtig – was das Gespann mitnimmt.
„Das funktioniert insgesamt gut“, bilanziert Nagel. „Natürlich kommt es immer wieder vor, dass ein Spiel komplett anders verläuft und der Gameplan für die Katz ist, aber auch das bringt einen Lerneffekt mit sich.“ Ist ein Beobachter – in Deutschland inzwischen Coach genannt – in der Halle, darf dieser nicht nur das Nachgespräch, sondern auch das Vorgespräch mit dem Delegierten begleiten. „Das hilft allen Seiten“, sagt Nagel.
Um mit dem Gameplan sinnvoll zu arbeiten, braucht es aus Sicht von Nagel übrigens nicht zwangsläufig einen Delegierten – auch für Schiedsrichter in Ligen, in denen kein Delegierter zum Einsatz kommt, kann der Gameplan helfen. „Letztendlich geht es um eine mentale Vorbereitung auf das Spiel“, sagt Nagel. „Wenn ich mal alleine bei einem Spiel bin, hole ich mir auch vorher mal die Mannschaften zusammen und gebe ihnen die Eckpunkte meines Gameplans mit. Ich weise dann zum Beispiel darauf hin, dass ich Reklamieren sofort ahnde. Dann wissen alle Bescheid und ich kann im Spiel darauf zurückgreifen.“