Foto: Julia Nikoleit
Best Practice: Von Trainern lernen
Jutta Ehrmann war nach dem diesjährigen Sommerlehrgang der deutschen Spitzenschiedsrichter voll des Lobes. „Der Austausch mit hochkarätigen Experten aus dem Trainerbereich ist für uns extrem wertvoll und alternativlos“, hielt die Leiterin des Schiedsrichterwesens im Deutschen Handballbund fest. „Unsere Schiedsrichter können von dem fachlichen Input nur profitieren.“
Der Grund für ihre Begeisterung: Mit Bennet Wiegert (SC Magdeburg) und Patrick Luig, Bundestrainer Bildung und Wissenschaft des Deutschen Handballbundes, waren zwei renommierte Trainer für die Schulung der Unparteiischen in Halberstadt vor Ort.
In den Austausch gehen, voneinander lernen und die Perspektive des Gegenübers kennenlernen: Dass Trainer und Schiedsrichter voneinander profitieren können, ist im Bundesligabereich unumstritten. In den vergangenen Jahren waren wiederholt Trainer auf den Lehrgängen als Referenten zu Gast, während die Schiedsrichter wiederum zur Schulung der neuen Regeln in den Vereinen zu Gast waren.
„Letztendlich geht es uns allen um das Produkt Handballspiel – und das funktioniert nur, wenn wir zwischen Trainern, Spielern und Schiedsrichtern eine gewisse Partnerschaft entwickeln“, erklärte Olympia-Schiedsrichter Robert Schulze unlängst im Interview mit dhb.de.
Ein Kernpunkt war bei den Spitzenschiedsrichtern die Schulung des Spielverständnisses. „Wenn ich als Schiedsrichter das Spiel verstehe, kann ich nicht nur regeltechnisch beurteilen, was gerade auf dem Feld passiert“, begründete Luig. „Ich kann quasi ein oder zwei Sekunden in die Zukunft blicken, antizipieren, was mit großer Wahrscheinlichkeit als Nächstes passieren wird, und meine Aufmerksamkeit frühzeitig auf die entscheidenden Handlungen richten.“
Es ist ein Ansatz, der sich von der Bundesliga an die Basis übertragen lässt: Auch in der Regionalliga, der Oberliga oder der Landesliga können die Unparteiischen vom Wissen und der Sichtweise der Trainer profitieren – auf zwei Wegen:
a) Der Austausch beim Lehrgang bzw. im Rahmen einer (Online-)Fortbildung. Unabhängig davon, ob ein Trainer einen Vortrag über Taktik hält oder ein Regelthema aus Trainersicht beleuchtet: Die andere Perspektive kann einen Mehrwert schaffen. So beschäftigte sich Magdeburgs Trainer Wiegert in seinem Vortrag vor dem Elite- und Eliteanschlusskader mit dem Thema „passives Spiel“ und warf dabei zahlreiche Fragen aus Trainersicht auf, sodass eine lebhafte Diskussion mit den Unparteiischen entstand.
b) Der Austausch nach dem Spiel. Den jüngeren Schiedsrichtern wird für ihre Entwicklung immer wieder empfohlen: Geht nach dem Spiel in den Dialog und fragt den Trainer gezielt nach Feedback.
Beide Ansätze haben jeweils eigene Vorteile. Der Austausch im Rahmen eines Lehrgangs oder einer Fortbildung findet abseits der Emotionen eines unmittelbaren Spieltags statt und ist daher rationaler bzw. sachlicher. Es war ein Punkt, den auch Wiegert lobte. „Wenn man im Wettkampfstress aufeinandertrifft, wo es um harte Bundesligapunkte geht, kann der Austausch nie so unemotional und sachorientiert erfolgen wie hier“, erklärte er nach seinem Besuch in Halberstadt.
Der Austausch unmittelbar nach dem Spiel hat indes einen individuellen Mehrwert. Während bei einem Lehrgang oder einer Fortbildung ein Thema übergeordnet beleuchtet wird, bezieht sich das Feedback in der Halle bzw. nach einem Einsatz auf die eigene Leistung und kann daher gezielter für die eigene Entwicklung hilfreich sein. Eventuell fehlt allerdings – gerade nach emotionalen bzw. engen Spielen – eine gewisse sachliche Bewertung.
Unabhängig davon, ob der Austausch neutral bei einem Lehrgang oder individuell am Spieltag stattfindet: Wichtig ist die Bereitschaft, sich auf den Dialog mit dem Trainer einzulassen und diesen in gewisser Weise als Partner, nicht als Gegner zu sehen. „Im besten Fall sollten sich beide Sichtweisen ergänzen“, formulierte es Bundestrainer Luig. „Was uns eint, ist das Spiel. Das Regelwerk zeigt uns den Rahmen, in dem wir Trainer handeln dürfen – und die Linie der Schiedsrichter, ihre Auslegung des Regelwerks, gibt uns vor, welchen Spielraum wir tatsächlich haben.“