Foto: Julia Nikoleit

Best Practice: Mit einem „Kartenspiel" zur gemeinsamen Linie

In wenigen Wochen startet die Saison 2026/27 und im ganzen Land laufen nach und nach die Vorbereitungslehrgänge an. Die Bezirks- und Landesverbände bereiten ihre Unparteiischen auf die neue Spielzeit vor, besprechen organisatorische Dinge und schärfen das Verständnis für bestimmte Situationen.

Das große Ziel: Unter den Schiedsrichtern des jeweiligen Kaders bzw. der jeweiligen Liga eine möglichst ähnliche Auslegung zu haben und so eine Linie zu schaffen, auf die sich die Mannschaften einstellen können.

Dazu gehören Videoszenen auf den Lehrgängen auch an der Basis inzwischen längst zum Alltag. Der Mehrwert kann mitunter jedoch fraglich sein, wenn Szenen einfach abgespielt, aber nicht weiter besprochen oder eingeordnet werden. Unterschiede treten so auf den Lehrgängen nicht sichtbar zutage und es entsteht kein Austausch über die gewünschte Auslegung.

Eine Möglichkeit, das Studium von Videoszenen interaktiver zu gestalten, setzte der Elitekader des Deutschen Handballbundes bei seinem Vorbereitungslehrgang in Halberstadt punktuell ein: In den Vorträgen zu Themen wie „Angreifervergehen" und „Strafmaß" zeigten die im Plenum sitzenden Unparteiischen nach jeder Szene mit roter oder gelber Karte an, wie sie in der jeweiligen Szene urteilen würden.

Siebenmeter oder Stürmerfoul? Hinausstellung oder Disqualifikation? Ein „Ja" oder „Nein" zu der im Video getroffenen Entscheidung? War man sich einig, bestätigte das die gemeinsame Linie. Wurden mitunter unterschiedliche Kartenfarben in die Luft gehalten, gab es Rückfragen – von den referierenden Schiedsrichtern oder dem Lehrstab: Warum hebst du diese Farbe? Wie siehst du das? Wie wollen wir vergleichbare Szenen in Zukunft bewerten?

Das „Kartenspiel" mit gelber und roter Karte führte so zu einer aktiven Auseinandersetzung über Situationen, Auslegung und Linie. Es zeigte auf, in welchen Szenen Einigkeit herrschte und wo ggf. auch nur punktuell Gesprächsbedarf bestand.

Die Meinungsabfrage über die Schiedsrichterkarten ist auch an der Basis ein einfaches Mittel, um die aktive Beteiligung auf den Lehrgängen zu fördern und gerade junge Schiedsrichter, die noch keine jahrelange Erfahrung bei der Bewertung von Szenen mitbringen, mitzunehmen. Sie erhalten eine Bestätigung, ob sie mit ihrer Einschätzung auf einer Linie mit den erfahrenen Kollegen liegen, und lernen als Nebeneffekt, ihre Meinung ggf. zu begründen. Das kann für die Kommunikation mit den Mannschaften ebenfalls nur helfen.

Mit der zur Grundausstattung gehörenden blauen Karte besteht zudem die Möglichkeit, eine dritte Option als Antwortmöglichkeit einzubauen. Beim Elitekader machte sich Olympia-Schiedsrichter Robert Schulze genau daraus einen Spaß. Bei einer kniffligen Fifty-fifty-Situation hob er schließlich den blauen Karton. Es ginge ja schließlich beides, kommentierte er anschließend sinngemäß, denn man könne diese Szene eben so oder so pfeifen.

Auch die Erkenntnis, dass es mitunter nicht nur die eine richtige oder falsche Entscheidung gibt, sondern es auch auf das Spiel und die Perspektive ankommen kann, ist bei Lehrgängen für junge Schiedsrichter durchaus hilfreich.