Quelle: DHB
Beleidigungen gehören nicht auf die Platte
Was im Video geschieht
Mannschaft GELB bekommt einen 7-Meter-Wurf zugesprochen, den GELB 33 ausführt. Der Wurf geht knapp über dem Kopf des Torwarts von Mannschaft BLAU ins Tor. Nach dem Tor zeigt Torwart BLAU Spieler GELB 33 deutlich und für alle in der Halle wahrnehmbar den Mittelfinger. Spieler GELB 33 reagiert darauf, und es kommt zu einem Dialog zwischen dem Torwart, seinen Mitspielern und Spieler GELB 33, während sich die beiden Schiedsrichter beraten. Nach der gemeinsam getroffenen Entscheidung der Schiedsrichter erhält der Torwart die Rote und die Blaue Karte.
Regeltechnische Einordnung von Kay Holm, Leiter Bereich Lehre im DHB-Schiedsrichterwesen
Regel 8:10 fordert bei besonders grob unsportlichem Verhalten zusätzlich zur zwingenden Disqualifikation einen schriftlichen Bericht der Schiedsrichter für die „zuständige Instanz“, anhand dessen diese über zusätzliche Strafmaßnahmen befinden kann. Sodann beschreibt sie unter 8:10a-d fünf Beispiel-Situationen.
Bei der im Video zu sehenden Reaktion des Torwarts, dem Zeigen des Mittelfingers, handelt es sich um eine Beleidigung des Gegenspielers durch eine Geste (8:10a). Beleidigungen können durch Worte, Gestik, Mimik oder Körperkontakt (wozu auch Anspucken gehört, nicht aber Spucken vor einem Dritten, das gemäß IHF-Auslegung nur nach 8:9 zu bestrafen ist) erfolgen.
Das Zeigen des Mittelfingers stellt eine klare Steigerung zu den in Regel 8:8a genannten verbalen und nonverbalen Unsportlichkeiten dar und ist deshalb entsprechend strenger zu bestrafen. Dies ist als besonders grob unsportlich einzustufen, da hier nicht nur die Grenzen der Fairness, sondern auch anerkannte moralische Grundsätze des menschlichen Miteinanders verletzt worden sind.
Fazit
Trotz der Entgleisung des Torwarts bleibt es ruhig. Auch die Diskussion beider Kontrahenten bleibt erfreulich sachlich. Dennoch kann man anschließend – obwohl die Situation geklärt zu sein scheint – nicht von der notwendigen Bestrafung absehen. Derartiges Verhalten hat beim Handball – und auch außerhalb – nichts verloren. Die Geste war offensichtlich und darf nicht weggeredet oder ignoriert werden. Die Beleidigung des Gegenspielers muss eine Konsequenz haben. Dem Unmut über die 7-Meter-Ausführung kann auch anders, ohne unsportliches Verhalten, Ausdruck verliehen werden.
Hinweise
- Die Beratung unter den Schiedsrichters ist wichtig und richtig. Aber vorher sollten sie sicherstellen, dass sich die potentiellen Streithähne nicht zu nah kommen. Hier stehen die Schiedsrichter bei ihrer Besprechung weit entfernt vom möglichen Tumult.
- Die Blaue Karte wird in der Nähe des Kampfgerichts gezeigt.
Pfiff der Woche
Unter der Rubrik "Pfiff der Woche" präsentieren wir jeweils eine beachtenswerte Szene aus dem aktuellen Spielbetrieb der Bundesligen von Männern und Frauen – und gegebenenfalls auch aus den Ligen darunter. Warum die ausgewählten Situationen besondere Beachtung verdienen? Nun, weil sie einen bestimmten Regelaspekt verdeutlichen, der uns Schiedsrichtern nicht in jedem Spiel „vor die Pfeife“ kommt.