Konzeptionelles Bild des menschlichen Gehirns mit Neuronen im Hintergrund (Foto: imago/StockTrek Images).

Bedienungsanleitung des Gehirns

Auf den Halbzeitlehrgängen der Schiedsrichter des Elite- und Bundesligakaders im Januar dieses Jahres hat Wolfgang Sommerfeld als Gastdozent einen interessanten Vortrag zu einigen essenziellen Funktionsweisen unseres Gehirns gehalten, den er hier zusammenfasst.


Kurzportrait Wolfgang Sommerfeld

Fotos: imago/Beautiful Sports

Zur Person: 

  • Jahrgang 1949
  • geboren in Bayern
  • Sportlehrer
  • Beratungsrektor

 

Handballvita:

  • Nationalspieler
  • Trainer in der Handball-Bundesliga
  • DHB-Bundestrainer Nachwuchs
  • Mentor in der Eliteförderung des DHB
  • Sportdirektor im DHB

Klein, aber oho: Besser als ein Supercomputer – unser Gehirn gleicht einem Dirigenten, der ein riesiges Orchester mit vielen unterschiedlichen Instrumenten lenkt und dafür sorgt, dass sie harmonisch zusammenspielen. Es ist die Kommando- und Steuerzentrale für alle Prozesse, die in uns ablaufen, egal ob physisch, psychisch oder emotional.

Von außen betrachtet, ist unser Gehirn eine grau schimmernde, kokosnussgroße Masse. Das Gewicht beträgt circa eineinhalb Kilogramm. Damit ist es hinsichtlich unseres gesamten Körpers verschwindend klein. Es macht nur 2 bis 3 % unserer Körpermasse aus. Dabei ist sein Energiehunger gewaltig: 20 % unserer Gesamtenergie und im Schnitt 70 Liter Sauerstoff pro Tag benötigt es, um seine Höchstleistung zu erbringen.

Rund 100 Milliarden Nervenzellen, auch Neuronen genannt, sind miteinander durch Synapsen verschaltet. Summiert man die Länge all dieser so entstehenden Nervenbahnen im menschlichen Gehirn, ergibt dies eine Länge von 5,8 Millionen Kilometern, was dem 145-fachen Erdumfang entspricht.

Synapsen funktionieren ähnlich wie elektrische Kontakte. Sie leiten Impulse mithilfe von Nervenbotenstoffen, den Neurotransmittern, und damit Informationen weiter und das mit einer Geschwindigkeit von bis zu 400 Kilometern pro Stunde. Jede Nervenzelle kann Synapsen bilden oder trennen, mit der Folge, dass wir entweder lernen oder vergessen. In den ersten Lebensjahren bilden sich die meisten Synapsen. Kommen diese länger nicht zum Einsatz, lockern sich die Kontakte zwischen den Nervenzellen wieder. Werden sie dagegen stark beansprucht, bildet sich allmählich eine immer stärkere Verbindung. Somit folgt unser Gehirn einer Netzwerklogik. Netzwerke bilden sich neu, aber schwächen sich auch wieder ab.

Es gilt das Hebb’sche Gesetz: Netzwerke, die aktiviert sind, verstärken sich und werden gebildet, und gut gebildete Netzwerke können auch leicht wieder aktiviert werden. Diese Fähigkeit, die letztlich Lernen auf den unterschiedlichsten Ebenen darstellt, bleibt bis ins hohe Lebensalter erhalten.

Kraft der Gedanken

Für die meisten Menschen sind Gedanken oder eigene Ideen Begriffe, die zum persönlichen Gebrauch in ihrem Kopf vorgehen. Gedanken helfen, Lösungen zu finden, Situationen zu beurteilen, Entscheidungen zu fällen und Gefühle hervorzurufen. Manchmal treiben sie einen in den Wahnsinn (na ja, fast).

Es mag den Anschein haben, dass die Gedanken oder Ideen in Deinem Kopf lediglich umherschweifen, aber in Wirklichkeit existiert jeder Gedanke als winzige Energiequelle, die Gedankenform genannt wird. Eine Gedankenform ist real – sie existiert. Sie wird von Dir nur nicht wahrgenommen, weil ihre Energievibration (Frequenz) außerhalb des Empfindungsbereichs menschlicher Sinne liegt. Gedankenformen sind schneller als Lichtgeschwindigkeit und deswegen für uns nicht sichtbar.

Wetten, dass Du Dir mit ein paar dummen Gedanken ein ganzes Spiel versauen kannst?

Bei Untersuchungen des Gehirns wurde Folgendes festgestellt: Wenn Menschen etwas beobachten oder tun, werden im Gehirn bestimmte Areale aktiviert. Studien zeigen, dass bei Probanden, die sich das Beobachten oder Handeln nur vorstellen, die fast gleichen neuronalen Netzwerke aktiv sind, wie in tatsächlich gelebten Situationen. D. h., dass das gedankliche Durchleben einer Handlung die gleichen neuronalen Spuren in unserem Gehirn hinterlässt wie eine real erlebte Situation. Das Gehirn kann nämlich nicht unterscheiden, ob etwas tatsächlich geschieht oder nur in der Vorstellung existiert. So können Umfänge und Qualität von Trainingseinheiten durch Mentaltraining deutlich gesteigert werden, ohne dabei selbst körperlich aktiv sein zu müssen.

  • Achte stets auf Deine Gedanken, sie werden zu Worten!
  • Achte auf Deine Worte, sie werden zu Handlungen!
  • Achte auf Deine Handlungen, sie werden zu Gewohnheiten!
  • Achte auf Deine Gewohnheiten, sie werden zu Charaktereigenschaften!
  • Achte auf Deine Charaktereigenschaften, sie werden Dein Schicksal!

Überzeugungen – Glaubensmuster

Ca. 65.000 Gedanken denken wir angeblich jeden Tag, davon unterscheiden sich keine 10 % vom gestrigen Tag und mindestens 60 % sind unnützer, unerfreulicher Mist.

Wir bestehen aus einer Menge von Glaubensmustern. Aus Glaubensmustern über unseren Körper, über unsere Attraktivität. Wir besitzen Muster über unseren intellektuellen Wert, über Moral, über die Gesellschaft, in der wir leben, über unsere Familie. Muster über das, was wir tun oder nicht tun sollten. Und all diese Muster bestimmen unser Handeln. Gedanken werden zu Gedankenbildern, die letztendlich unser Schicksal bestimmen.

Die gute Nachricht: Indem wir negative oder hinderliche Glaubensmuster aktiv unterbrechen, können wir sie auch schwächer machen bzw. positiv verändern. Dazu braucht es häufige Wiederholung und Hartnäckigkeit, sonst bleiben die alten „Trampelpfade“ bestehen. Je häufiger wir jedoch neue Wege nutzen, desto mehr „wuchern“ die alten negativen zu und verschwinden und die neuen positiven werden zu breiten Trampelpfaden.

Gesetz der eintretenden Prophezeiung

Unser Gehirn besitzt einen sogenannten voraktivierten Zustand. Dadurch ist manchmal das, was man sieht, erlebt und wahrnimmt, automatisch so, dass man an diesen voraktivierten Zustand andockt, und so sieht man nicht das, was ist, sondern nur das, was man sehen möchte. Eine Möglichkeit, das zu durchbrechen, ist es, immer wieder Breaks (Unterbrechungen) einzubauen, innezuhalten und zu entspannen, um sich nicht von diesen Mustern leiten zu lassen, sondern sie vorsichtig zu hinterfragen und ggf. zu ändern.

Konzentration (Fokussierung)

Konzentration ist die Fähigkeit, für eine gewisse Zeit die ganze Aufmerksamkeit (Fokussierung) auf eine Sache oder ein Ziel zu lenken. Konzentration heißt, dass sich unsere Gedanken während einer Tätigkeit nur auf das Handlungsrelevante beziehen. Die Gedanken auf das Gegenwärtige und Wesentliche zu richten – alle inneren und äußeren Einflüsse auszublenden –, das ist Konzentration.

Konzentrationsübungen sind ein essentieller Bestandteil des mentalen Trainings für Schiedsrichter*innen. In allen Bereichen, in denen Fähigkeiten auf den Punkt abgerufen werden müssen, spielt die Konzentrationsfähigkeit eine signifikante Rolle. Sie ist die Grundlage für mentale Stärke.

Das Gute ist: Konzentrationsfähigkeit lässt sich erlernen. Regelmäßige Übungen zur Steigerung der Konzentrationsfähigkeit bringen den Energiefluss wieder ins Gleichgewicht. Ärger und Stress können abgebaut werden, neue Kraft und Energie wird gewonnen. Viele Spitzensportler trainieren ihre Konzentration mithilfe von Entspannungstechniken (Yoga, Tai Chi, Qigong).

Die Konzentrationsfähigkeit schließt sowohl die äußeren Sinne (Hören, Sehen, Fühlen, Riechen), die inneren Sinne (Gleichgewichts-, Bewegungssinn) wie auch die Steuerung der eigenen Gedanken und Gefühle mit ein. Kurze Meditationsphasen von nur drei Minuten pro Tag können helfen, Konzentration zu finden und Störungen auszublenden.

Störfaktoren

Geringe Konzentrationsfähigkeit äußert sich vor allem darin, dass äußere Einflüsse oder aufkommende Gedanken stören. Die Ursachen für Konzentrationsschwäche sind vielfältig und lassen sich u. a. oft auf Mangel an Interesse oder Motivation, körperliche und/oder geistige Überlastung, Zerstreutheit, Stress, Angst, schlechte gesundheitliche Verfassung, negative Einstellung, Zweifel, Druck von außen zurückführen.

Umgang mit Druck

Ursachen, warum wir unser Gehirn nicht optimal nutzen, sind u. a. Angst, Verunsicherung, zu großer Druck. Genau das, was Schiedsrichter*innen oft in schwierigen Situationen empfinden, ist leistungshemmend und störend. Unter diesen Bedingungen können sie ihr Gehirn nicht vernünftig nutzen. Und daraus entsteht in den oberen Bereichen des Gehirns, in den sogenannten präfrontalen und kortikalen Bereichen, eine Übererregung, die zu Blockaden führt.

In diesem Zustand kann kein handlungsleitendes Muster entstehen, da die Gelassenheit komplett verloren geht. Man kann keine Handlungen planen und deren Folgen abschätzen. Diese Bereiche im Gehirn sind so aktiv, dass z. B. Sprache und logisches Denken kaum generiert werden können.

Wenn Schiedsrichter*innen aus einer solchen Situation nicht herausfinden, verfallen sie in ältere Muster wie z. B. alte Gewohnheiten, obwohl sie das gar nicht möchten. Wenn die Erregung so groß ist, dass auch die alten Gewohnheiten nicht helfen, berufen sie sich auf alte Kindheitsmuster. Und wenn die Erregung so hoch wird, dass auch diese nicht helfen, dann können sie sich auf das allerletzte verlassen, das in ihrem Gehirn als Notfallplan immer zur Verfügung steht: Die archaischen Notfallprogramme im Hirnstamm, die immer funktionieren. Wenn Angriff oder Flucht nicht möglich sind, folgt die ohnmächtige Erstarrung.

Druck und Angst können Schiedsrichter*innen nur dann besiegen, wenn sie Vertrauen zurückgewinnen, einerseits in die eigenen Fähigkeiten – dazu braucht es Gelegenheit und Aufgaben, bei denen ihnen deutlich wird, dass sie so etwas können – und andererseits Gemeinschaften, in denen sie erleben können, dass man sich aufeinander verlassen kann. Und man braucht Vertrauen, dass alles wieder gut wird.

Hilfreiche mentale Strategien gegen leistungsmindernden Druck

Nach einem Fehler oder Misserfolg gilt es, negative Gefühle, Druck und/oder Stress zu überspringen, indem man sich sofort auf positive und produktive Gedanken besinnt und sich auf die ursächlichste Aufgabe als Schiedsrichter*in konzentriert/fokussiert: Ein Spiel nach den Handballregeln zu leiten!

Die Hauptaufgabe der Informationsverarbeitung lebender Systeme ist die drastische Reduktion der zur Verfügung stehenden Information (Konzentration/Fokussierung). So ist das Ziel der Gehirnaktivität die Minimierung von Daten und nicht etwa die Erfassung großer Datenmengen. Schiedsrichter*innen sollten leistungsminderndem Druck mit den nachfolgend aufgezeigten Strategieansätzen begegnen, um zu einer souveränen Spielleitung zurückzufinden. 

Die Konzentration und eine damit verbundene gute Leistung sind nur in einem guten Zustand möglich. Gegebenenfalls muss der Zustand bewusst verändert werden. Hier können folgende mentale Strategien helfen:

  • Körpersprache – So tun als ob
  • Blickwinkel – Sichtweise verändern
  • Anker – Körperliche Anker setzen (z. B. „Beckerfaust“)