Fotos: privat

#Basisnah

Teil 1: Christoph Roese (HV Schleswig-Holstein)

Christoph Roese (links) mit seinem Schiedsrichterpartner Tobias Lindner

Seinen Schiedsrichterschein machte Christoph Roese (34) mit 16 Jahren und pfeift gemeinsam mit seinem Gespannpartner Tobias Lindner bis zur Schleswig-Holstein-Liga. Im Interview verrät der Schiedsrichter aus Neumünster, was er gerne als Neueinsteiger gewusst hätte, aber erst später gelernt hat …

 

Redaktion: Christoph, warum hast du dich damals entschieden, Schiedsrichter zu werden? 

Christoph Roese: Ich wollte das Gefühl haben, etwas entscheiden zu können, etwas zu sagen zu haben und mitreden zu können – und das zusätzliche Taschengeld war damals natürlich auch nicht zu verachten. Außerdem würde ich aus heutiger Sicht sagen, dass vielleicht auch ein bisschen schlechtes Gewissen dabei war, denn als Spieler war ich immer sehr laut, wenn mir Entscheidungen nicht gepasst haben. 


Woran erinnerst du dich von deinen Anfängen noch? 

Im ersten Jahr war ich hochmotiviert, es hat Spaß gemacht und ich hätte gerne noch mehr Spiele gepfiffen – als Schüler hatte ich sehr viel Zeit. Mir hat damals alles um den Handball herum Freude bereitet. 


Welchen Stellenwert hatte das Pfeifen für dich? 

Das Pfeifen hat mir immer Spaß gemacht, aber es war nie mein Hauptfokus. Es ging mir immer ganzheitlich um den Handball. Ich glaube, das ist für viele Schiedsrichter in den unteren Ligen so. Das Hobby ist Handball und das Pfeifen ein Teil davon.

 

Wie sah das bei dir konkret aus? 

Das Pfeifen lief immer nebenbei. Als Spieler habe ich zwar nach ein, zwei Jahren im Erwachsenenbereich aufgehört, aber ich habe meinen Trainerschein gemacht und zu Hochzeiten drei Mannschaften gleichzeitig trainiert. Nach der Ausbildung wurden Zeit und Lust geringer, ich habe die Mannschaften abgegeben und einige Zeit auch mit dem Pfeifen aufgehört. Als Ausgleich zu meinem Beruf bin ich wieder eingestiegen, es gibt mir einfach doch viel. Inzwischen bin ich wieder sehr gerne mit meinem Gespannpartner unterwegs. 

 

Wie blickt ihr heute auf das Pfeifen? 

Wir haben Spaß am Pfeifen, aber wir wollen keine große Karriere machen. Da haben mein Gespannpartner und ich offen drüber gesprochen. Aufsteigen war nie das Ziel. Wir wollen einfach gemeinsam etwas für den Handball machen, weil uns der Sport viel gegeben hat. Wir haben auch viel Freude an dem Kontakt mit den Mannschaften und wollen mit ihnen gemeinsam das Spiel bestreiten. Daher stellen wir uns anfangs immer vor, wenn wir vor dem Anpfiff mit den Mannschaften auf dem Feld stehen. Das ist bei vielen nicht üblich. 

 

Es ist immer wieder von einem Schiedsrichtermangel an der Basis die Rede. Wie erlebst du die Situation bei euch im Kreis- bzw. Landesverband? 

Es herrscht schon ein krasser Mangel. Man spürt, unter welchem Druck die Verantwortlichen stehen, alle Spiele zu besetzen. Es wird oft nachgefragt, weil für dieses Spiel noch jemand gebraucht wird und für jenes Spiel noch keiner gefunden wurde. Wenn es mehr Schiedsrichter gäbe, wäre der Druck nicht so groß. Die Verantwortlichen beneide ich wirklich nicht, sie stehen vor einer großen Herausforderung. Ich habe höchsten Respekt vor dem, was sie leisten – sowohl auf Landesebene als auch im Kreis. Vereine geben immer wieder Ansetzungen zurück, weil sie niemanden haben; darum werden die anderen Vereine gefragt, ob sie einspringen können – und am Ende sieht man immer wieder die gleichen, hochengagierten Leute, die es irgendwie rausreißen. 

 

Und wie erlebst du das Auftreten gegenüber den Schiedsrichtern? 

Mein Partner und ich haben das Glück, dass wir inzwischen weniger Ärger haben, weil wir älter sind. Wir unterstützen aber beide die Neuausbildung bei uns im Kreis und erleben immer wieder, was sich unsere jungen Kollegen teilweise anhören müssen. Wir haben letztens die praktische Prüfung auf einem Feldturnier abgenommen, für unsere Neuen war es deutlich schwieriger als für uns. Gerade der Start ist sicherlich nicht einfach. 

 

Was hättest du damals gerne, am Anfang deiner Schiedsrichterkarriere, schon gewusst bzw. gesagt bekommen, was du aber erst im Laufe der Zeit lernen musstest? 

"Diejenigen, die meckern, meinen nicht mich persönlich. Es geht um die Aufgabe und gegen die Rolle des Schiedsrichters. Nicht ich als Mensch bin doof." Ob ich das damals sofort verstanden hätte, weiß ich nicht, aber aus heutiger Sicht hätte ich das gerne gehört, denn ich denke, dass ist die größte Herausforderung für viele junge Leute – sie werden angemeckert für eine Sache, die sie aus Spaß und Leidenschaft machen. 

 

Wann hattest du das verstanden? 

Diese innere Ruhe zu gewinnen, sich ein Standing zu erarbeiten, dass man sich immer ruhig und sicher fühlt, dauert schon ein paar Jahre. Es hängt auch eng mit der persönlichen Entwicklung zusammen. Was für mich gerade am Anfang wichtig war: der Austausch. Die Schiedsrichter-Gemeinschaft kann ganz viel Sicherheit geben, weil man sich gegenseitig bestärken und zusammenhalten kann. Jeder von uns kennt das Gefühl am Anfang, dass man alles falsch macht und keine Mannschaft einen da haben will – daher kann es jeder nachfühlen. Je öfter man pfeift und je mehr man sich austauscht, desto besser fühlt man sich – und ich kann allen nur versprechen, dass es auch besser wird!