#Basisnah
Ulrike Hlawatsch pfeift seit 2017 gemeinsam mit Claudia Hemmer für den TSV Schleißheim. Als sie die Schiedsrichter-Prüfung vor sechs Jahren ablegte, war sie Ende Vierzig – von der vorher gesammelten Erfahrung als Spielerin und Trainerin profitiert sie auch an der Pfeife…
Redaktion: Ulrike, warum hast du dich damals entschieden, den Schiedsrichter-Schein zu machen?
Ulrike Hlawatsch: Wir saßen vor sechs Jahren nach einem Handballtag in der Halle und auf einmal kam das Thema auf, dass unser Verein so viel Strafe zahlen muss, weil wir nicht genug Schiedsrichter stellen. Meine frühere, langjährige Mitspielerin Claudia saß mit am Tisch, wir haben uns nur kurz angeschaut und dann gesagt: Wir könnten das doch zusammen machen!
Und daraufhin habt ihr tatsächlich angefangen?
Ja, das war der Auslöser. Ich hatte die Prüfung früher sogar schon einmal durchlaufen, weil ich auch einen Trainerschein habe. Das war allerdings so lange her, dass die Lizenz abgelaufen war, daher habe ich die Ausbildung noch einmal gemacht. Das war aber kein Problem, ich war ja schon in der Thematik drin. Eine wichtige Rolle hat für mich gespielt, dass ich nicht alleine pfeifen muss. Als Handballer ist man Teamplayer, daher war es für mich wichtig, auch meinen Schiedsrichter-Sport – so nennen wir das – im Team machen zu können.
Ihr habt relativ spät mit dem Pfeifen angefangen. Wo werdet ihr eingesetzt?
Das stimmt, mit der großen Karriere war es von Anfang an vorbei, weil wir zu alt sind (lacht). Wir pfeifen bei uns im Bezirk bis zur Bezirksoberliga Männer und haben in der Qualifikation auch mal Ansetzungen in der Landesliga im männlichen und weiblichen Jugendbereich, wenn die Spiele in unserem Bezirk stattfinden.
Was hat dich in den ersten Spielen als Schiedsrichter an der neuen Rolle am meisten überrascht?
Aufgrund meiner Erfahrung als Spielerin weiß ich häufig schon, was gleich passieren wird. Das trägt meine Partnerin und mich bis heute, denn das gibt einem eine große Sicherheit. Gerade am Anfang war es wertvoll, denn als Neuling bist du aufgeregt und musst dich an die Abläufe gewöhnen – du musst das Kärtchen ausfüllen, mit Kampfgericht und Trainer kommunizieren und bist vielleicht noch nicht so sicher in der Regelauslegung und der Zeichengebung. Wenn du dir aber spielerisch ausrechnen kannst, was wahrscheinlich gleich kommt, macht es das leichter.
Hast du die Entscheidung, Schiedsrichter zu werden, die ja damals sehr spontan gefallen zu sein scheint, jemals bereut?
Natürlich frage ich mich manchmal, warum ich mir das eigentlich antue, aber ich denke, das geht einem bei allen Tätigkeiten so. Mir macht das Pfeifen grundsätzlich richtig Spaß! Meine Gespannpartnerin und ich fahren gemeinsam zu den Spielen, das ist wie ein Ausflug; wir leben beide in Handballfamilien, Handball ist ein großer Bestandteil unseres Alltages. Als Schiedsrichterin habe ich weiterhin einen aktiven Anteil in unserem Sport. Und wir erhalten auch meistens positives Feedback, das macht es angenehm.
Wie nimmst du die Schiedsrichter-Situation bei euch im Bezirk bzw. im Landesverband wahr?
Ich habe den Eindruck, dass es einfach zu wenig Schiedsrichter sind. Es gibt nicht viele Gespanne; wir sind eine feste Gruppe, die immer zum Einsatz kommt und es sind auch viele Einzelschiedsrichter unterwegs, damit die Spiele besetzt werden können. Das macht es schwierig.
Hast du eine Idee, wie man dieses Problem – das ja so viele Landesverbände – angehen könnte?
Ich habe öfter mal über diesen Personalmangel nachgedacht, das macht wahrscheinlich jeder Schiedsrichter. Ich glaube, man könnte im Jugendbereich mehr dazu übergehen, die Spiele aus dem eigenen Verein heraus pfeifen zu lassen. Beim Volleyball treffen sich drei Mannschaften und die Mannschaft, die jeweils nicht spielt, stellt den Schiedsrichter.
In dieser Form lässt es sich beim Handball nicht umsetzen, aber wenn jede Mannschaft mal dran ist und Schiedsrichter stellen muss, hebt das aus meiner Sicht die Akzeptanz. So könnte man frühzeitig etablieren, dass es zum Handballspiel dazugehört, dass einer pfeifen muss – oder besser gesagt, pfeifen darf. So würden es junge Leute irgendwann als normal ansehen, Schiedsrichter zu sein – und dann wird es auch leichter, sie später vielleicht als echte Schiedsrichter auszubilden.
Sprich: Die Spiele würden von Spielerinnen und Spielern ohne Schiedsrichterschein geleitet?
Auf Landesebene geht das natürlich nicht, aber warum sollte nicht im Bezirk jemanden aus dem Verein pfeifen? Eine Grundausbildung müsste es natürlich geben. Warum sollte die männliche C-Jugend kein A- oder B-Jugendlicher pfeifen? Das würde die Lage entspannen und junge Leute würden an die Schiedsrichterei herangeführt. Und da jeder Verein mal an der Reihe ist, wissen alle, dass auch sie bzw. ihre Jugendspieler an die Reihe kommen – und das steigert bei Spielern, Eltern, Trainern und Zuschauern hoffentlich die Akzeptanz. Das Pfeifen sollte als Aufgabe so dazugehören wie das Kampfgericht bei anderen Mannschaften zu übernehmen.
Zum Abschluss: Was hättest du gerne am Anfang deiner Schiedsrichterkarriere schon gewusst bzw. gesagt bekommen, was du aber erst im Laufe der Zeit lernen musstest?
Ich würde mir wünschen, dass von Anfang an Wert darauf gelegt wird, wie man seine Entscheidungen verkauft. Das ist natürlich auch mit Erfahrung verbunden, aber ich hätte mir von Beginn an mehr Hinweise gewünscht, wie man gut auftritt und die Handzeichen gut gibt. Das ist anfangs eine große Herausforderung und da hätte Unterstützung sicherlich geholfen.