#Basisnah
Julius Bornkamp pfeift gemeinsam mit Jona Stachelhaus im Jugendförderkader des HV Niederrhein und wird bis zur Oberliga eingesetzt. An Ostern dürfen die beiden talentierten Schiedsrichter zur Sichtung des Deutschen Handballbundes fahren. Im Interview erzählt Bornkamp, was sie am Pfeifen begeistert und spricht über das große Problem, was es aus seiner Sicht für junge Schiedsrichter auf Kreisebene gibt…
Redaktion: Warum hast du dich damals entschieden, den Schiedsrichter-Schein zu machen?
Julius Bornkamp: Es war ein Impuls vom Verein, weswegen wir damals zur Pfeife gegriffen haben. Unser damaliger Jugendwart fragte meinen Gespannpartner und mich, ob wir nicht Bock hätten, den Schiedsrichterschein zu machen und den Handballsport aus einer anderen Perspektive anzugucken. Das hatten wir. Wir haben daher schon mit 11 bzw. 12 Jahren die Ausbildung gemacht und sind seitdem dabei geblieben.
Warum? Was hat euch so Spaß gemacht, dass ihr dabei geblieben seid?
Anfänglich war es die Tatsache, eine andere Sichtweise auf den Handballsport, auf das Spiel zu haben. Und bestimmt hat zu Beginn auch das Geld eine Rolle gespielt, als Jugendlicher war es damals der erste eigene Verdienst. Mittlerweile ist die Motivation bei uns zweigeteilt. Da ist einmal das Streben nach höheren Kadern; nach Chancen, die man sonst nicht bekommen hätte. Wir hätten als Spieler bestimmte Ligen nicht erreicht, aber als Schiedsrichter können wir es vielleicht schaffen.
Und der zweite Part der Motivation?
Wir können unsere Haltung zum Handball in den Sport reinbringen. Uns ist die Kommunikation auf dem Feld sehr wichtig; das reine „Strafengeprügel“, wo die Spieler ständig auf die Bank gesetzt werden, haben wir beide schon als Spieler nie wirklich gemocht. Als Schiedsrichter haben wir die Chance, auch ohne übermäßige Strafen ein gutes und faires Spiel zu leiten. Das macht uns Spaß.
Also ist es letztendlich die Möglichkeit, das Spiel gestalten zu können?
Genau. Wir können ein Spiel leiten, ohne mit der Brechstange agieren zu müssen. Wir sehen uns vielmehr als einen Teil des Spiels, aber ohne uns den Mannschaften aufzuzwingen. Natürlich geht es ohne Schiedsrichter nicht, aber wir sind zwei Persönlichkeiten, die gut kommunizieren und viel non-verbal lösen können. Wir sind als Schiedsrichter ein Teil der 60 Minuten und das Miteinander ist schön.
Spielt ihr selbst noch?
Mein Spannmann spielt nicht mehr. Ich gehe noch zum Training und halte mich fit, aber ich spiele in der Regel nicht mehr. Wenn Not am Mann ist, würde ich einspringen, aber der Fokus liegt auf dem Pfeifen. Ich denke, dass es anders auch nicht geht. Natürlich ist es wichtig, aktiv gespielt zu haben. Wir sind auch deshalb schnell aufgestiegen, weil wir ein gutes Spielverständnis und ein Gefühl für das Spiel hatten und so wissen, in welcher Situation es als Schiedsrichter wichtig ist, präsent zu sein.
Irgendwann muss man sich aus meiner Sicht aber entscheiden, wenn man mehr will, weil man als Spieler anders denkt als ein Schiedsrichter. Du musst eine Linie fahren, bei der du Dinge ahndest, die du als Spieler nicht bestrafen würdest, weil du beispielsweise denkst: „Na komm, da war doch nichts, es ist halt ein Spiel mit viel Körperkontakt.“ (lacht).
„Wenn man mehr will“ ist ein gutes Stichwort: Für euch geht es zur Sichtung für den Perspektivkader…
Ja, wir fahren Ostern zur Sichtung nach Biberach. Die Vorfreude ist groß, es ist eine riesige Möglichkeit. Natürlich ist auch eine gewisse Nervosität vorhanden: Können wir die Anforderungen, die der DHB stellt, umsetzen? Sind wir weit genug, um dort bestehen zu können? Fehlt uns in bestimmten Situationen eventuell noch das Feingefühl? Und auch bei den Regeltests ist immer eine gewisse Grundnervosität da, denn daran will man ja auf keinen Fall scheitern (schmunzelt).
Wir müssen allerdings auch ehrlich sagen: Dank der Ausbildungsmöglichkeiten im HV Niederrhein sind wir gut gerüstet. Wir gehen mit einer breiten Brust in die Sichtung, weil wir wissen, was wir für eine Förderung hier erfahren bei uns. Der Jugendförderkader ist deutschlandweit einzigartig. Es geben sehr viele ehemalige Elite- und Bundesligaschiedsrichter ihr wissen weiter; sie haben wirklich ein Fördersystem aufgebaut, das sich sehen lassen kann. Wie gut die Ausbildung ist, sieht man an der Erfolgsquote - es schaffen viele Schiedsrichter aus dem Niederrhein in den DHB.
Abseits des Jugendförderkaders: Wie würdest du die Situation bei euch im Landesverband beschreiben?
Im Verband an sich sind wir wie gesagt sehr gut aufgestellt. Wenn man aber in die Kreise guckt, ist es leider oft eher chaotisch. Jona und ich sind daher sehr froh, dass wir früh in den Jugendförderkader gekommen sind.
Das Akquirieren von neuen Schiedsrichtern stockt, ebenso wie die Ausbildung und dann werden junge Schiedsrichter oft alleine gelassen. Das ist ein riesengroßes Problem.
Kannst du das noch etwas ausführen?
Vorher wird immer aufgezählt, was den Schiedsrichtern alles angeboten wird, aber dann werden sie alleine gelassen, wenn es ernst wird. Ein Freund hat mir letztens erzählt, dass ein ganz junges, neues Gespann während eines D-Jugend-Spiel von einem Trainer beleidigt wurde. Die beiden Jungs haben nach dem Spiel gesagt, dass sie aufhören. Und sie wurden einfach alleine gelassen. Es ist niemand aus dem Kreis zu ihnen hingegangen, hat ihnen den Rücken gestärkt oder einfach nur gesagt: „Im Spiel ist ein Trainer manchmal ein Idiot und merkt nicht, was er sagt.“ Sie wurden alleine gelassen. Da fehlt es Substanz und an Sicherheit für die Schiedsrichter.
Zum Abschluss: Was hättest du gerne am Anfang deiner Schiedsrichterkarriere schon gewusst bzw. gesagt bekommen, was du aber erst im Laufe der Zeit lernen musstest?
Dass man Fehler machen darf. Am Anfang will man fehlerfrei pfeifen; man möchte allen zeigen, dass man das kann. Dabei ist es auch okay, dem Trainer zu sagen: Entschuldige, das habe ich falsch gesehen. Man kann als Schiedsrichter zu seinen Fehlern stehen, denn wir sind auch nur Menschen. Die Trainer wissen das; man gewinnt sogar oft mehr Akzeptanz, als wenn man die ganze Zeit auf seiner Meinung beharrt. Das ist jedoch schwer, weil wir Angst davor haben, Fehler zu machen. Und auch, wenn dir das jeder vorher sagt: Du musst in diesem Punkt deine eigene Erfahrung machen, sonst glaubst du es nicht.