Fotos: privat
#Basisnah
Kai Argewalt erwarb als Jugendlicher seinen Schiedsrichterschein und ist seitdem als Schiedsrichter im HV Brandenburg unterwegs. Der 34-Jährige vom SC Trebbin ist zudem seit 2017 im Schiedsrichterausschuss des Landesverbands für die neutralen Beobachtungen, die Vereinsbeobachtungen sowie die Nachwuchsförderung zuständig. In der siebten Folge der Serie #Basisnah beschreibt er die Situation des Schiedsrichterwesens in seinem Landesverband…
Redaktion: Kai, warum hast du dich damals entschieden, den Schiedsrichter-Schein zu machen?
Kai Argewalt: Ich habe mir damals, kurz nach dem Beginn meiner Ausbildung, einen Kreuzbandanriss zugezogen. Mein damaliger Arzt hat mir geraten, lieber mit dem Handball aufzuhören, da bei der nächsten schlechten Bewegung das Kreuzband ganz reißen könnte und ich dann länger ausfallen würde. Das wäre mit meiner Lehre aber nicht vereinbar gewesen.
Da mein Verein damals Schiedsrichter gesucht hat, habe ich mich mit zwei Kumpels zum Lehrgang angemeldet, aber wir sind am Ende die Prüfung gerasselt. Wir konnten das damals überhaupt nicht verstehen, denn wir waren der Meinung, echt gut vorbereitet gewesen zu sein (lacht). Heute würde ich sagen, wir waren jung und naiv. Zwei Wochen später haben wir die Nachprüfung aber souverän bestanden, denn die Blöße, noch einmal durchzufallen, wollten wir uns nicht geben.
Wie ging es weiter?
Ich habe mit einem ehemaligen Mitspieler angefangen, im Gespann zu pfeifen. Erst waren wir im Kreis unterwegs; wir hatten echt Lust und haben versucht, unsere Schichtdienste so zu tauschen, dass wir mindestens ein Spiel am Wochenende pfeifen können. Da wir jung und engagiert waren, sind wir dann auch relativ schnell aufgestiegen. Erst haben wir auf Landesebene gepfiffen, 2012 wurden wir für die Ostsee-Spree-Liga gemeldet, ein Jahr später durften wir in die Jugendbundesliga aufsteigen.
Den zeitlichen Aufwand in der Jugendbundesliga konnten wir dann neben Ausbildung bzw. Beruf nicht mehr stemmen. Wir haben zwölf Spiele im ersten Jahr gepfiffen, das war den Verantwortlichen zu wenig; sie hätten sich mehr Einsatzbereitschaft gewünscht. Wir haben beschlossen, den Platz in der Jugendbundesliga abzugeben und uns auf die Ostsee-Spree-Liga zu konzentrieren. Drei Jahre später ging es auseinander; ich habe mir daraufhin einen neuen Gespannpartner gesucht. Mit ihm pfeife ich in erster Linie auf Landesebene; wenn es brennt, springen wir aber auch mal in der Ostsee-Spree-Liga ein.
Neben deiner Tätigkeit als aktiver Schiedsrichter bist zu im Schiedsrichter-Ausschuss des HV Brandenburg aktiv. Wie erlebst du die Schiedsrichtersituation bei euch?
Ich will nicht alle Vereine über einen Kamm scheren, aber der Umgang von einigen Sportfreunden mit unseren Schiedsrichtern ist unter alle Kanone. Der Gang in die Turnhalle scheint teilweise ein Ventil zu sein, um den ganzen Frust, der sich über die Woche angestaut hat, rauszulassen – und leider trifft es dabei oft den Schiedsrichter. Auch der Umgang einiger Trainer und Spieler, die gerade bei jungen Schiedsrichtern ihre Grenzen ausreizen, gefällt mir nicht. Ich komme mit vielen Vereinen und Mannschaften gut aus, weil ich schon so lange unterwegs bin, aber junge Kollegen, die neu in den Hallen sind und noch kein Standing besitzen, haben es wirklich schwer. Was es in der Hinrunde bei uns im Landesverband an Beleidigungen und Anfeindungen gab, geht auf keine Kuhhaut mehr.
Wie geht ihr mit diesem Problem um?
Emotionen gehören natürlich zum Handballsport dazu; auch als Schiedsrichter macht es Spaß, wenn es mal knistert. Dennoch müssen gewisse Grenzen eingehalten werden. Der Heimverein muss beispielsweise seine Ordner, die er zu stellen hat, mehr in die Pflicht nehmen. Natürlich beschäftigen die sich lieber mit anderen Dingen, als ihre eigenen Leute zur Ordnung zu rufen. Daher haben wir auf dem Halbzeitlehrgang die Anweisung an unsere Schiedsrichter gegeben haben, es rigoros im Spielprotokoll einzutragen, wenn das nicht funktioniert. So haben die Staffelleiter oder wir als Schiedsrichter-Ausschuss etwas in der Hand haben, um an die Vereine heranzutreten.
Warum habt ihr euch für diesen Weg entschieden?
Ich habe es oft erlebt, dass Schiedsrichter mich auf dem Rückweg vom Spiel angerufen haben, um mir zu schildern, was sie erlebt haben. Wenn ich gefragt habe, ob sie das auch eingetragen haben, habe ich immer wieder die Antwort bekommen: „Nein, das haben wir uns nicht getraut“. Um auf Vorfälle reagieren zu können, brauchen wir jedoch eine Handhabe.
Da die Vereine jedoch beide gegenzeichnen müssen, können wir die Angst gerade bei jungen Gespannen verstehen. Daher haben wir uns entschieden, dass es vorerst reicht, einen Vermerk zu machen, dass ein Sonderbericht seitens der Schiedsrichter angefertigt wird. So lässt sich die Diskussion vor Ort vermeiden und die Schiedsrichter haben Zeit, ihre Stellungnahme in Ruhe aufzuschreiben, statt die Sätze unmittelbar aus der Emotion heraus in einer Halle formulieren zu müssen, in der sie sich vielleicht ohnehin schon unwohl fühlen.
In den vorherigen Folgen wurde der Schiedsrichter-Mangel immer wieder als ein Problem benannt. Wie sieht es bei euch aus?
Ich bin immer wieder erstaunt, dass bei uns zu gefühlt 90 Prozent der Spiele zwei Schiedsrichter anreisen, wenn ich parallel aus Berlin höre, dass viele Spiele nur noch mit einem Schiedsrichter besetzt werden können. Wenn ich einen Blick in die Ansetzungen aus Berlin werfe und sehe, dass jemand drei oder vier Spiele an einem Wochenende als Einzel-Schiedsrichter pfeift, bin ich fassungslos - in so einer Situation würde ich darüber nachdenken, ob ich mit der Schiedsrichterei aufhöre. Wir haben in diesem Punkt im Vergleich also fast eine Luxussituation.
Das klingt in der Tat ungewohnt positiv…
Dennoch können wir uns nicht ausruhen! Als mein Partner und ich damals aufgestiegen sind, gab es einen viel größeren Schiedsrichter-Pool, sodass alles abgedeckt werden konnte. Man hat in diesen Jahren jedoch zu wenig getan, weil man der Meinung war, dass es ja genug Schiedsrichter sind. Das führt dazu, dass wir jetzt kaum Schiedsrichter im Alter von Mitte Zwanzig bis Mitte Dreißig haben - und wenn nach und nach immer mehr von den älteren Kollegen aufhören, wird diese Lücke wehtun. Daher versuchen wir jetzt viel, um junge Schiedsrichter zu gewinnen und zu fördern. Wie bieten schnellere Aufstiegschancen in den Landeskader für junge und gute Gespann an und wir planen fünf Schiedsrichter-Stützpunkte im Bundesland, um Schiedsrichter gezielter fördern zu können.
Zum Abschluss: Was hättest du gerne am Anfang deiner Schiedsrichterkarriere schon gewusst bzw. gesagt bekommen, was du aber erst im Laufe der Zeit lernen musstest?
Du musst es nicht alleine schaffen – such dir eine oder mehrere Vertrauenspersonen. Wir hatten, als wir aufgestiegen sind, auch einen Coach, das hat uns ungemein gut getan, um uns weiterzuentwickeln und voranzukommen. Wenn du von Beginn an Leute um dich hast, die dich an die Hand nehmen und dich begleiten, hilft dir das enorm.