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Teil 4: Julian Kockskämper (HV Westfalen)

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Julian Kockskämper pfeift gemeinsam mit seinem Gespannpartner Phil Hartmann in der Oberliga Westfalen und ist im Bezirk Ruhrgebiet für die Ansetzungen verantwortlich. Im Interview berichtet der 24-Jährige von dem Kampf um Quantität und warum viele junge Schiedsrichter schnell wieder aufhören…

Redaktion: Julian, wie bist du bei der Schiedsrichterei gelandet?

Julian Kockskämper: Ich bin damals ins kalte Wasser geschmissen worden (lacht). Wir hatten bei einem Testspiel unserer Mannschaft keinen Schiedsrichter - und da ich aufgrund einer Verletzung nicht spielen konnte, hat mein Trainer gesagt: Stell du dich da hin und pfeif das.

Ich habe dann gemerkt, dass ein Schiedsrichter eine ganze Menge zu tun hat, was man als Spieler gar nicht wahrnimmt. Das fängt damit an, dass man in einer Situation denkt: Das ist ein Freiwurf. Es reicht aber als Schiedsrichter eben nicht, das festzustellen – du musst diesen Freiwurf auch pfeifen. Du alleine hast die Verantwortung für diese Entscheidung.

Das war für mich eine Herausforderung, aber es hat zugleich sehr viel Spaß gemacht. Ich habe mich dann mit einem Mannschaftskollegen zusammen für den Schiedsrichter-Lehrgang angemeldet. Das war gut, denn so hatte ich auch direkt einen Gespannpartner, mit dem ich bis heute zusammen pfeife.

 

Ihr seid inzwischen in der Oberliga angekommen. Was ist aus Schiedsrichter-Sicht der größte Unterschied zu den Einsätzen in den unteren Klassen?

In der Oberliga nimmst du in den vollen Hallen nur noch unbestimmt wahr, wie eine Entscheidung ankommt – wenn ein Raunen durch die Halle geht oder es ein Pfeifkonzert gibt. Wenn die Hallen hingegen nicht so voll sind, hörst du oft jedes Wort, das gegen dich gerichtet ist. Außerdem macht es in der Oberliga einfach mehr Spaß, weil du oft das Gefühl hast, Teil eines Events zu sein - die Tribünen sind voll besetzt, es kommt Stimmung auf, es gibt Trommler, eine Tormusik und Hallensprecher.

 

Mit der Oberliga bewegt ihr euch ebenso wie die Mannschaften genau an der Grenze zwischen Landesverband und 3. Liga. Was habt ihr euch für eure Karriere für ein Ziel gesetzt? 

Für uns beide ist völlig klar: Die Schiedsrichterei soll ein Hobby bleiben – und in dem Moment, wo es in Richtung DHB gehen könnte, würde es uns zu viel Zeit kosten. Wir müssten das eigene Spielen aufgeben und auch beruflich wäre es schwieriger. Mein Partner ist Polizist im Schichtdienst, ich bin in der Wirtschaftsprüfung – und einfach froh, wenn ich auch mal ein Wochenende frei habe, statt nach Hannover oder Lübeck zu müssen. Die Oberliga war immer unser Ziel - und jetzt, wo wir dort angekommen sind, pfeifen wir einfach so lange, bis es keinen Spaß mehr macht!

 

Wenn du an deine Anfangszeit als Schiedsrichter zurückdenkst: Was war die größte Überwindung?

Die größte Herausforderung für mich war die Tatsache, dass Eltern bei Jugendspielen unglaublich viel Druck ausüben. Das nehme ich auch heute noch wahr, wenn ich Jung-Schiedsrichter im Handballkreis Dortmund begleite. Um es ganz klar zu sagen: Eltern sind Faktoren, warum Schiedsrichter wieder aufhören. Als junger Schiedsrichter mit 15 oder 16 Jahren bist du ohne jeden Schutz mit wütenden und teilweise ausfallenden Erwachsenen konfrontiert - damit musst du erst einmal klarkommen.

 

Dein Gespannpartner und du habt trotzdem weiter gemacht?

Es war schwierig, aber nach vier, fünf, sechs Spielen hatten wir einen gewissen Rhythmus gefunden. Dennoch ist es ein Problem. Meine Schwestern haben auch den Schiedsrichterschein gemacht, aber nach zwei Spielen aufgehört, weil Eltern auf das Feld gerannt sind und sie bedroht haben. Ich habe vollstes Verständnis für diese Entscheidung. Ich habe unserem Handballkreis auch Vorschläge gemacht, wie man so ein Verhalten unterbinden könnte, aber ich fürchte, es wird nie ganz aufhören.

 

Hast du ein Beispiel für einen dieser Vorschläge?

In Dortmund gibt es zum Beispiel das Jung-Schiedsrichterprojekt – das bedeutet, dass bei Spielen von jungen Schiedsrichtern eine Person vom Heimverein in der Halle sein muss, die auf der Tribüne auf ein angemessenes Verhalten achtet. Wenn ein Elternteil lautstark schimpft, soll diese Person hingehen und das Elternteil „einfangen“, indem er sagt: Überlege mal, was du hier rein rufst. Es ist ein junger Schiedsrichter, der ebenso wie die Spieler noch lernen muss. Halte dich bitte zurück.

Diese Person sollte auch bei der Begrüßung der Mannschaften vor dem Spiel dabei sein, sodass jeder in der Halle sieht: Der Schiedsrichter ist nicht alleine. Und wenn es möglich wäre, würde ich mir eigentlich wünschen: Die Eltern, die am lautesten meckern, müssten einen Schiedsrichterschein machen und ein Spiel pfeifen, damit sie selbst erleben, wie das ist, wenn jemand wie sie auf der Tribüne sitzt.

 

Abseits der Herausforderungen für junge Schiedsrichter: Wie würdest du generell die Lage bei euch im Landesverband einschätzen?

Ich würde die Situation als relativ kritisch bezeichnen. Wir verlieren an Quantität, weil ältere Schiedsrichter aufhören oder nicht mehr so oft zur Verfügung stehen. Deshalb müssen jüngere Gespanne hochgezogen werden, denen man vor zehn Jahren noch eine Saison mehr in der tieferen Klasse für ihre Entwicklung gegeben hätte. So geht mit dem Quantitätsproblem teilweise auch ein Qualitätsproblem einher, weil wir junge Teams nicht mehr optimal entwickeln können. Und als Ansetzer im Bezirk spüre ich das Quantitätsproblem erst recht.

 

Das heißt?

Es gilt die Regel: Oben sticht unten. Erst einmal werden alle Spiele über uns angesetzt – was ja auch richtig ist –, aber am Ende der Nahrungskette ist es daher umso schwieriger, genug Gespanne zu finden. Wir müssen daher immer öfter Spiele teilweise alleine besetzen, weil wir einfach nicht genug Leute haben.

Und am Ende der letzten Saison gab es auch durchaus Situationen, in denen der Verband den Vereinen am Donnerstag sagen musste: Leute, wir haben für euer Spiel keinen Schiedsrichter mehr. In der oberen Ligen gelang es damals auch nur noch mit Improvisation, die Situation irgendwie zu retten. Obwohl gemäß Leitfaden keine Mischgespanne erwünscht sind, habe ich letzte Saison mit einem „fremden“ Partner Oberliga Männer gepfiffen, weil sonst wirklich niemand frei war.

 

Siehst du eine Lösung?

Es wird jetzt versucht, die Quantität irgendwie wieder aufzubauen. Strafgelder gibt es ohnehin; es gab sogar die Überlegung, Punktabzüge an die oberste Mannschaft zu vergeben, wenn der Verein nicht genug Schiedsrichter stellt. Ich sehe das zwiegespalten. Natürlich brauchen wir mehr Leute, aber wenn man den Leuten aufzwingt, Schiedsrichter zu werden,  heißt das a) nicht, dass sie lange bleiben und b) nicht, dass es sinnvoll ist - denn wenn ich etwas gezwungen mache, mache ich es wahrscheinlich auch nicht gut. Der Plan ging auch nicht durch. Und um auch mal ein Lob loszuwerden: Die Schiedsrichter, die es bei uns gibt, zeigen oft wirklich einen hohen Einsatz, um den Spielbetrieb aufrechtzuerhalten! Das sollte durch die Vereine gewürdigt werden.

 

Zum Abschluss: Was hättest du gerne am Anfang deiner Schiedsrichterkarriere schon gewusst bzw. gesagt bekommen, was du aber erst im Laufe der Zeit lernen musstest?

Ich würde sagen, das variiert von Spielklasse zu Spielklasse. Ich hätte gerne auf einem Lehrgang gelernt, dass man länger in die Zone guckt, wo es brennen könnte – dass man beispielsweise nach einem Pass vom Halblinken auf den Mittelmann unter Kontakt weiter auf den Kontakt achten sollte und sich nicht auf die Schritte vom Mittelmann fokussiert. Und ich hätte gerne früher gelernt, dass man mit Kommunikation mehr erreicht als durch Bestrafung. Mein Partner ist wie gesagt Polizist; er kann Situationen wirklich sehr gut kommunikativ lösen. Das spielt im Jugendbereich leider noch gar keine Rolle – weil es, zugegeben, auch sehr schwer ist. Dennoch hätte ich gerne früher gewusst, was alles möglich ist.