Regionalliga-Schiedsrichter Dominic Mohrlok ist in seinem Heimatverein SG Pforzheim-Eutingen für die Jung-Schiedsrichter zuständig. In der 17. Folge von #Basisnah spricht er über die Hürden in der Ausbildung und verrät, was er gerne am Anfang seiner Schiedsrichterkarriere gewusst hätte.
Redaktion: Dominic, wie würdest du die Situation in eurem Landesverband in Sachen Schiedsrichter zusammenfassen?
Dominic Mohrlok: Ich würde sagen, es läuft (überlegt kurz) … semi-optimal. Gerade die Jung-Schiedsrichterausbildung muss aus meiner Sicht überdacht werden, weil die Manpower das, was sich überlegt wurde, gar nicht hergibt. Ich bin bei uns im Verein für die Jung-Schiedsrichter zuständig und finde den Fortschritt, den es in den letzten Jahren gegeben hat, grundsätzlich gut. Als ich damals angefangen habe, habe ich meine Ausbildung gemacht, ein Trainingsturnier gepfiffen und dann stand ich alleine in der Halle und habe meine Spiele gepfiffen. Heute ist schon mehr Unterstützung vorgesehen …
Aber?
Wenn ein Jung-Schiedsrichter seien Ausbildung beendet hat, gibt es eine gewisse Anzahl von Tandem-Betreuungen. Ein Jung-Schiedsrichter pfeift ein Spiel, auf der Tribüne sitzen ein erfahrenen Schiedsrichter als Coach sowie ein anderer Jung-Schiedsrichter. Im Spiel danach werden die Rollen der beiden Neulinge getauscht. Anschließend findet ein Austausch zu dritt statt; es geht darum, was gut war, was nicht so gut war und wie man es hätte besser lösen können. So können Jung-Schiedsrichter auch voneinander lernen. Punkte gibt es dabei nicht, es geht nur um das Feedback.
Das klingt doch erst einmal gut …
Theoretisch ja, doch weil die Manpower für die Tandem-Betreuung fehlt, sind die Ausbildungsplätze begrenzt.
Das heißt?
Es werden nur so viele Schiedsrichter ausgebildet, wie betreut werden können, aber es gibt dabei Hürden, die aus meiner Sicht unnötig sind. Ich hatte auch angeboten, ein Tandem zu übernehmen, weil ich bei uns im Verein ja für die Jung-Schiedsrichter zuständig bin, aber das ist daran gescheitert, weil ich an dem entsprechenden Lehrgang nicht teilnehmen konnte. Und ohne die Teilnahme wurde mir kein Tandem zugeteilt.
Das hinterfrage ich skeptisch, denn ich frage mich: Was für ein neues Wissen vermittelt dieser Lehrgang erfahrenen Schiedsrichtern, die selbst gespielt haben und seit Jahren pfeifen, genau? Es wäre wünschenswert, wenn die bereits vorhandenen Qualifikationen berücksichtigt werden. Denn ich finde es gut, dass es diese Unterstützung für junge Schiedsrichter gibt, aber diese Pflichtteilnahme an dem Lehrgang macht es beispielsweise unnötig kompliziert. Und der Clou kommt erst noch…
Ja?
Ich hatte sieben Jugendliche, welche die Ausbildung zum Jung-Schiedsrichter machen wollten, aber jetzt machen letztendlich nur drei den Lehrgang, weil nicht mehr Plätze frei waren – eben, weil die qualifizierten Kräfte für die Tandem-Betreuung fehlen. So wird Potenzial verschwendet! Einer der Interessenten durfte zudem ohnehin nicht, weil er ein Jahr zu jung ist. Im BHV muss man 16 Jahre alt sein, aber auf einem Turnier in Südbaden wurde meine Jugendmannschaft von einem 15-Jährigen gepfiffen, weil sie bereits früher ausbilden. Wo ist da die klare Struktur, wer pfeifen darf und wer nicht?
Das klingt nach viel Frust…
Auf jeden Fall! Es ist ein heilloser Wirrwarr. Wenn die Tandem-Betreuer selbst noch als Schiedsrichter aktiv sind, müssen sie auch erst einmal die Zeit finden, 20 Tandem-Betreuungen zu machen und dabei ihr Soll noch zu erfüllen. Immerhin zählen Tandem-Betreuungen inzwischen zum Schiedsrichtersoll, glaube ich. Ich finde außerdem, die jungen Schiedsrichter werden zu viel an der Hand geführt. Natürlich sollen sie unterstützt werden, aber sie zu bemuttern, während zugleich Ausbildungsplätze fehlen, macht keinen Sinn. Sie müssen auch mal alleine zu einem Spiel geschickt werden.
Wie sieht denn die Lage generell aus: Können die Spiele noch besetzt werden?
Das hat sich in den letzten Jahren drastisch verändert. Früher wurde jedes Spiel von Schiedsrichter-Einteilern besetzt, mittlerweile wird bei der E-Jugend kein externer Schiedsrichter eingeteilt. Der Heimverein muss das organisieren, weil die Kapazität an Jung-Schiedsrichtern fehlt – wir sprachen eben über die Gründe. Wir haben das Glück, dass wir einen FSJler im Verein haben, der das übernehmen kann, doch es kann auch sein, dass die jeweiligen Trainer Hälfte/Hälfte pfeifen oder sonst irgendjemand, der in der Halle ist. Die Qualität ist daher nicht auf dem Level, wo wir einmal waren. Und als aktuelles Beispiel …
Ja?
Das zurückliegende Wochenende war absolut Land unter in der Schiedsrichter-Besetzung. Es fehlt dann auch irgendwann die Bereitschaft von denen, die schon mehrfach gepfiffen haben, ein drittes, viertes oder fünftes Spiel am Wochenende zu übernehmen. Selbst ein Spiel in der neuen Jugendbundesliga der B-Jugend konnte nicht besetzt werden. Ich bekam einen Anruf von unserem Jugendkoordinator und habe dann herumtelefoniert, um Schiedsrichter zu finden, die das pfeifen konnten.
Mit Blick auf deine Spiele: Wie erlebst du selbst den Unterschied zwischen Regionalliga und Oberliga?
Von der Oberliga zur Regionalliga ist es ein deutlicher Schritt in Sachen Professionalität. Auf den Lehrgängen werden wir mit DHB- und IHF-Materialien geschult, die Richtlinien und Erwartungshaltungen sind deutlich höher. Wir dürfen weniger Freitermine nehmen und müssen deutlich flexibler sein, es gibt das harte Punktesystem. Auch auf dem Spielfeld ist es ein deutlicher Schritt nach vorne, man kann mit den Spielern in der Regionalliga häufig auf Augenhöhe kommunizieren. Sobald beide Parteien bereit sind, die Kommunikation einzugehen, ist es ein hohes Niveau und man begegnet sich mit Respekt.
Abschließend: Was hättest du gerne am Anfang deiner Schiedsrichterkarriere gewusst, was du aber erst über die Jahre lernen musstest?
Wahrscheinlich bekomme ich auf den Deckel vom Lehrstab im Verband, aber was ich gerne gewusst hätte: Pfeife so, wie du gerne gepfiffen werden möchtest und rede so mit den Spielern, wie du als Spieler gerne vom Schiedsrichter behandelt werden willst. Wenn ein Spieler nach einer Erklärung fragt und der Schiedsrichter erwidert so etwas wie „Halt den Mund“ schaukelt es sich hoch. Es muss eine Kommunikation auf Augenhöhe sein.
Und natürlich gibt es auch klare Vorgaben, wo man nicht diskutieren kann – drei Schritte sind drei Schritte –, aber jeder muss für sich entscheiden, was er bei anderen Dingen zulässt und wie lang er die Leine lässt. Ich habe gerade am Anfang viel laufen lassen und dadurch das ein oder andere Spiel aus der Hand verloren. Wenn ich so pfeife, wie ich gerne gepfiffen worden wäre, klappt es ganz gut, weil ich dann genau weiß, wo ich die Grenzen ziehen will.