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Teil 14: Jonas Gebhardt (HV Sachsen-Anhalt)

Jonas Gebhardt pfeift seit sechs Jahren für den BSV 93 Magdeburg. Der 24-Jährige gehört dem Förderkader des Handball-Verbandes Sachsen-Anhalt an. Im Interview spricht er über seinen ungewöhnlichen Start als Unparteiischer und erzählt von der Situation im Landesverband … 

 

Redaktion: Jonas, wie bist du zum Pfeifen gekommen? 

Jonas Gebhardt: In Magdeburg haben wir einen Handballverein, der durchaus präsent in der Stadt ist (lacht). Ich war ab und zu bei den Spielen des SC Magdeburg und das hat mir gut gefallen. So bin ich zur Sportart Handball gekommen. Ich war allerdings nie der große Spieler. Ich habe es in der Schule ausprobiert im Sportkurs, aber ich habe schnell gemerkt, dass das spielerische Talent doch etwas fehlt (grinst). Daher habe ich mir überlegt, was ich stattdessen machen kann. Ein Schulfreund war bei meinem jetzigen Verein Schiedsrichter und hat den Kontakt für mich hergestellt. So habe ich meinen Weg gefunden, meinen Teil in meinem Lieblingssport beizutragen.


Schiedsrichter ohne eigene Spielerfahrung sind selten. War es daher für dich besonders schwierig am Anfang? 

Es war nicht schwierig, aber natürlich alles neu. Bei der Grundausbildung kannten sich die meisten Anwärter aus den Vereinen über das Spielen, ich kannte niemanden. Und was ich noch genau weiß: Der Ausbilder hat uns gefragt: „Was die Seitenwahl angeht: Das hat doch bestimmt jeder von euch schon mal gesehen. Soll ich es trotzdem zeigen oder weiß jeder, wie das abläuft?“ Es war eigentlich eine rhetorische Nachfrage, aber ich habe mich ganz selbstbewusst gemeldet und habe gesagt: „Nein, ich kenn das nicht, zeig es mal bitte.“ Und vom Job des Zeitnehmers wusste ich gar nicht, dass es das gibt; auf das Kampfgericht achtet man ja als Zuschauer nicht. 


Was erinnerst du von deinem ersten Einsatz? 

Das Trikot war viel zu groß (lacht). Der Verein hat uns zwei Trikotfarben gestellt, aber wir brauchten eine andere – und ich habe dann in dem XXL-Trikot eines Kollegen gepfiffen. Und ich weiß noch, dass ich einmal überhaupt nicht wusste, wie die Spielfortsetzung ist. Ich habe also relativ zum Anfang die Zeit unterbrochen und meinen Kollegen gefragt, wie es weitergeht. Der Kollege ist heute aber ebenso wie unsere Zeitnehmerin nicht mehr aktiv; ich bin als einziger von uns dreien noch dabei. 


Eure Zeitnehmerin? Wie meinst du das? 

In den Bezirken in Sachsen-Anhalt werden Schiedsrichter und Zeitnehmer neutral aus dem Schiedsrichterpool angesetzt, die Zeitnehmer müssen eine gültige Schiedsrichter-Lizenz haben. Daher wirst du oft als Dreiergespann losgeschickt. Nur die Sekretäre werden durch die Vereine gestellt und brauchen keine Ausbildung, bei Jugendspielen sind es oft die Eltern. Erst ab der Oberliga im MHV (die Oberliga des Mitteldeutschen Handball-Verbandes entspricht der 4. Liga, Anm. d. Red.) werden lizenzierte Kampfgerichte angesetzt, die eine extra Ausbildung haben. 


Bist du auch als Zeitnehmer aktiv? 

Ja, im Bezirk macht man erst einmal alles. Einige machen allerdings – die Entwicklung beobachte ich öfter – nur noch Zeitnehmer. Gerade junge Schiedsrichter sagen immer häufiger: Pfeifen ist jetzt nicht mehr meins, ich mache nur noch Zeitnehmer. Ich habe auch die Ausbildung zum Kampfgericht für die Oberliga gemacht, aber mein Fokus liegt klar auf der Schiedsrichterei. 


Wann hattest du für dich das Gefühl, dass du dich als Schiedsrichter auf dem Feld sicher fühlst? 

Es hat mindestens zwei oder drei Spielzeiten gebraucht, bis ich wirklich eine grundlegende Sicherheit, Souveränität und Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten hatte. Dann hatte ich das Gefühl, dass ich weiß, was ich da tue – und für mich die Ressourcen habe, um mit vielen Situationen umzugehen. 


Gerade junge Schiedsrichter brechen oft nur wenige Monate nach der Ausbildung wieder ab. Warum hast du es geschafft, durchzuhalten, obwohl du dich noch nicht komplett sicher auf dem Feld fühlst?  

Viele junge Schiedsrichter hören aufgrund von äußeren Einflüssen auf, aufgrund von Trainern und Eltern. Ich nehme das auch wahr und finde es nicht nett, aber ich kann das relativ schnell abhaken und es beschäftigt mich nicht. So habe ich es geschafft, am Ball zu bleiben – und vielleicht war auch ein bisschen Ehrgeiz dabei. Und ich mag den Sport einfach so gerne und engagiere mich so gerne, dass der Antrieb so groß ist. Daher gab es nicht so viele Momente, in denen ich darüber nachgedacht, warum ich diesen Sch*** eigentlich mache … 


Wo soll es denn für dich als Schiedsrichter noch hingehen? 

Diese Saison habe ich einen neuen Partner bekommen und da haben wir auch über unsere Ziele gesprochen. Aktuell wäre es das Ziel, über den Landesverband hinaus zu kommen. 


Wie erlebst du die Situation bei euch im Landesverband? 

Ich bin zwar noch nicht so lange dabei wie die alten Hasen, aber ich merke, dass es zahlenmäßig abnimmt. Ich bekomme über den Verein viel im Ansetzerwesen mit und es wird – im Land und Bezirk – immer schwieriger auf allen Ebenen. Es ist ein großer Planungsaufwand und es kann im Bezirk durchaus vorkommen, dass alle Pläne kurzfristig umgeworfen werden, damit alle Spiele irgendwie besetzt werden – mit einem neutralen Schiedsrichter und im Idealfall einem neutralen Kampfgericht. Wir reden schon längst nicht mehr davon, alle Spiele mit zwei Schiedsrichter zu besetzen. 


Was hättest du am Anfang deiner Karriere gewusst, was du aber erst im Laufe der Zeit gelernt hast? 

Eine Erkenntnis, die mir sehr geholfen hat: Trainer und Spieler verfolgen andere Ziele als wir Schiedsrichter. Die Mannschaften wollen gewinnen, die Schiedsrichter sind abseits dessen und wollen das Spiel in sportlich faire und geordneten Bahnen lenken. Wenn Leute unterschiedliche Ziele verfolgen, entsteht Reibung. Dieses Verständnis hat mir geholfen, deutlich ruhiger und gelassener zu werden und die Dinge nicht an mich heranzulassen. Ich habe verstanden, dass die Sprüche nichts mit mir zu tun hat, sondern sie einfach was ganz anderes wollen – und seitdem kann ich mit einer viel größeren Gelassenheit an die Sache herangehen.