Seit 2011 ist Marcus Altmann als Schiedsrichterwart des Pfälzer Handball-Verbandes für die Geschicke der Unparteiischen in dem kleinen Landesverband verantwortlich. Der frühere Zweitliga-Schiedsrichter spricht in der 13. Folge von #Basisnah über die Entwicklung, die er seitdem beobachtet hat und erinnert sich an sein denkwürdiges erstes Spiel …
Redaktion: Marcus, wie bist du zum Pfeifen gekommen?
Marcus Altmann: Mein Vater war Schiedsrichter. Ich habe bei ihm immer zugeguckt und es dann relativ früh selbst ausprobiert. Ich habe mit 14 Jahren die ersten Spiele gepfiffen, obwohl man das damals in dem Alter noch nicht durfte. Es gab noch keine Jung-Schiedsrichter oder solche Dinge.
Mein erstes offizielles Spiel hatte ich daher erst als 16-Jähriger. Ich weiß es noch wie heute: Es war ein Frauenspiel bei uns in der Nähe, das am Ende mit 2:1 ausging – nach 60 Minuten! Unser Kreis-Schiedsrichterwart war vor Ort, weil er mich bei meinem ersten richtigen Spiel unterstützen wollte und konnte es kaum glauben (schmunzelt). In den nächsten Jahren hatte ich dann aber auch Spiele, in denen insgesamt über 80 Tore gefallen sind. Das war ein guter Ausgleich (lacht).
Wie ging es dann nach diesem zugegeben kuriosen Einstieg weiter?
Ich bin dabei geblieben, denn das Pfeifen hat mir immer mehr Spaß gemacht. Nachdem sich das eigene Spielen dann aufgrund einer Verletzung erledigt hatte, habe ich nur noch gepfiffen – erst relativ lange alleine und dann mit verschiedenen Gespannpartnern. Irgendwann hat es dann richtig gut gepasst und wir haben uns aus der Pfalz bis in die Regionalliga des Südwestdeutschen Handballverbandes hochgearbeitet und sogar drei Saisons in der 2. Bundesliga gepfiffen. Seit 2011 pfeife ich nicht mehr, sondern bin nur noch Schiedsrichterwart in der Pfalz.
Wie kam es zu dem Wechsel auf die Funktionärsebene?
2011 hat mich unser damaliger Schiedsrichterwart Hans Thomas angerufen. Er wurde in eine Kommission der IHF berufen und wollte daher seine Position in der Pfalz aufgeben. Wir haben dann verabredet, dass ich ihn ablösen werde, aber leider kam dieser Zeitpunkt durch seinen plötzlichen Tod schneller als geplant. Er wollte mich eigentlich noch an das Amt heranführen, aber dann musste ich von heute auf morgen übernehmen.
Zu dem Zeitpunkt kanntest du die Perspektive als aktiver Schiedsrichter. Was hat dich in deinem Funktionärsamt zu Beginn am meisten überrascht?
Dass man mit so vielen Dingen zu tun hat, die man erstmal nicht glauben kann und wie viel Zeit einen irgendwelche Nebensächlichkeiten kosten. Das Telefon hat quasi rund um die Uhr geklingelt – und dann waren Zuschauer dran, die sich über die Schiedsrichterleistung beschweren wollten oder Vereine, die sich beklagt haben, dass die Schiedsrichter zu alt, zu langsam oder zu schlecht seien, aber selbst überhaupt keine Schiedsrichter stellen. Das Muster ist mir oft begegnet: Es wird gemeckert, ohne Verantwortung zu übernehmen oder sich eine Lösung zu überlegen, wie sich das Problem aus der Welt schaffen ließe.
Ist das inzwischen besser?
Es hat sich gelegt, denn inzwischen kenne ich viele Leute und sie kennen mich. So kommen wir in den Hallen ins Gespräch. Die Aufgabe an sich macht mir immer noch richtig viel Spaß. Im Moment sind wir in Fusionsverhandlungen mit den Handball-Verbänden Rheinland und Rheinhessen. Meine beiden Kollegen – Ralph Müller und Michael Sauerwein – und ich sind für die Schiedsrichter-Ebene zuständig, wir haben bereits einen Entwurf der Schiedsrichterordnung geschrieben. Das ist spannend.
Wenn du dir die zwölf Jahre seit deinem Amtsantritt anschaust: Was hat sich in dieser Zeit verändert?
Was sich leider Gottes in die falsche Richtung verändert hat, ist die Anzahl unserer Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter. 2007 hatten wir in der Pfalz noch 180 Schiedsrichter, zum Ende der vergangenen Saison waren es nur noch 92! Und mit wie vielen Leuten wir in die neue Saison gehen, kann ich aktuell nicht absehen. Wir haben zwar 16 angehende Schiedsrichter in der Neuausbildung, die Anfang September ihre Prüfung machen, aber ich habe wiederum von anderen Schiedsrichtern gehört, die wegen des Studiums oder eines arbeitsbedingten Umzugs aufhören wollen. Das ist nicht überraschend, denn heute liegt der Fokus an der Basis oft auf anderen Dingen als der Schiedsrichterei. Diese Entwicklung stimmt mich bedenklich.
Inwiefern?
Früher war das Pfeifen an der Nummer Eins. Wenn der Schiedsrichterwart nachts um drei angerufen hätte, wären wir ins Auto gestiegen und losgefahren. Das ist heute anders, es kommen viele andere Dinge in der Freizeit noch vor der Schiedsrichterei. Das spüren wir daran, wie oft Spiele zurückgegeben werden, weil sich kurzfristig etwas anderes ergeben hat. Und es gibt viele junge Schiedsrichter, die schnell wieder aufhören, weil sie von der Tribüne oder den Trainern immer wieder angemacht werden.
Das ist eine Klage, die man oft hört …
Es ist auch einfach ein großes Problem, wie mit jungen Schiedsrichtern umgegangen wird – die sinkenden Schiedsrichterzahlen gibt es daher ja nicht umsonst über alle Verbände hinweg. Wir erleben das immer wieder; es ist einfach nicht schön, was sich gerade die jungen Menschen anhören müssen. Wir haben zum Glück noch nicht solche Verhältnisse wie im Fußball, dass es zu Spielabbrüchen kommt, aber dennoch ist es nicht akzeptabel.
Wir sind bemüht, bei vielen Spielen als Delegierte vor Ort zu sein, aber wenn das der Fall ist, ist es interessanterweise ruhig – und eine Woche später, wenn wir nicht da sind, ist beim gleichen Schiedsrichter die Hölle los. Wir schaffen es aber einfach nicht, alle Spiele zu begleiten, denn unsere Schiedsrichter-Coaches und Delegierten sind in der Regel selbst noch als Schiedsrichter unterwegs.
Und schickst du diese Person als Coach zu einem Spiel, fehlt woanders der Schiedsrichter für eine andere Partie …
Genau! Es gibt in vielen Landesverbänden wirklich tolle Ideen und Projekte, aber es scheitert immer wieder an der Manpower, weil keiner genug Leute hat. Es ist wie ein kleiner Teufelskreis und du kommst nicht raus. Wir haben bei uns in der Pfalz beispielsweise ein Young-Referee-Projekt, das Thorsten Kuschel angeworfen hat und über das wir 12- bis 14-Jährige an das Pfeifen heranführen wollen, damit sie Spaß daran finden. Faktisch läuft das Projekt prima, wir haben immer wieder 80 bis 100 Young Referees, die an einem Lehrgang teilnehmen. Das sind teilweise Zwölfjährige, die dann die E-Jugend im eigenen Verein pfeifen, aber am Ende bleiben nicht viele hängen.
Was müsste sich dafür ändern, damit mehr dabei bleiben?
Wir brauchen die Hilfe der Vereine, der Spieler und der Trainer. Sie müssten alle mithelfen, dass die jungen Leute bei der Stange bleiben und nicht beim ersten falschen Pfiff niedergemacht werden. Wir als Verband können auf solche Dinge leider oft nur noch reagieren, wenn es bereits geschehen ist, aber wir können es nicht verhindern. Die Vereine müssen auf ihre Trainer und ihre Zuschauer einwirken und ihnen deutlich machen, dass wir ohne Schiedsrichter irgendwann keinen Handball mehr spielen können.
Zum Abschluss: Was hättest du am Anfang deine Schiedsrichter-Karriere gerne gewusst, was du aber erst lernen musstest?
Ich hätte nicht anders machen wollen, weil jeder Schritt seinen Sinn hat. Erfahrungen, die du an der Basis machst, helfen dir höherklassig und die Erfahrung im höherklassigen Bereich hat mir viel für meine Person gebracht. Das Pfeifen macht mir daher immer noch Spaß. Ich bin tatsächlich am Überlegen, ob ich bei unserem Nachhollehrgang den Shuttle Run absolviere und noch einmal aktiv einsteige, um zumindest das ein oder andere Spiel wegpfeifen zu können. Manchmal ist ja schon damit geholfen, wenn man nur ein Spiel nimmt - unser Ansetzer würde sich garantiert freuen (lacht).