Florian Selau begann als Jugendlicher mit dem Pfeifen und stieg bis in die 3. Liga auf. Aufgrund von Umzugsplänen zerbrach das Gespann, heute pfeift der Berliner als „Springer“ auf Kreis- und Verbandsebene in der Hauptstadt – und im Beachhandball …
Redaktion: Florian, wie bist du zum Pfeifen gekommen?
Florian Selau: Ich habe mich schon früh in der Kindheit dafür interessiert, Spiele zu leiten. Als ich 13 oder 14 war, hat der Handball-Verband Berlin eine Ausbildung ausgeschrieben und ich habe mich gleich dafür eingetragen. Als ich den Lehrgang durchgezogen hatte, ging es direkt los …
Welche Erinnerungen hast du an deine ersten Spiele?
Dass es sehr chaotisch in meinem Kopf und für meine Augen war (lacht). Ich musste erst einmal lernen, die ganzen Eindrücke, die auf mich eingeprasselt sind, zu verarbeiten - die Kinder, die Trainer, die Eltern von der Tribüne. Und ich hatte damals noch eine Pfeife mit Kordel, entsprechend wild waren die Handzeichen (schmunzelt).
Nachdem ich meine grüne Karte abgearbeitet hatte, ging es aber schon viel besser. Das erste richtige Spiel war dann ein Spiel in der C-Jugend. Ich war selbst noch Jugendspieler und nah vom Alter an den Spielern dran, aber es hat Spaß gemacht.
Du sagtest, du hast „deine grüne Karte abgearbeitet“. Was meinst du damit?
Die grüne Karte bekommt jeder neue Schiedsrichter in Berlin, da stehen zehn Spiele drauf. Das sind als Neuling deine zehn Testspiele, um reinzukommen – und erst, wenn du die beispielsweise bei E- und D-Jugend-Spieltagen gepfiffen hast, kannst du offiziell angesetzt werden. So kommst du als Rookie erst einmal rein, das ist bis heute so.
Würdest du rückblickend sagen, dass dir diese „grüne Karte“ geholfen hat?
Ja, weil du durch die Grüne Karte einen gewissen Rookie-Schutz genießt. Du hast die Möglichkeit, dich einzupfeifen, ohne direkt ins kalte Wasser geschmissen zu werden. Das ist gerade außerhalb des Berliner Stadtgebiets noch wichtiger, denn da sind die Hallen voller.
Wie ging es für dich weiter?
Es gab einen Wechsel des Gespannpartners und wir haben vier, fünf Jahre im normalen Berliner Kader gepfiffen, bevor wir uns über das Werner-Seelenbinder-Turnier für den Leistungskader qualifiziert haben. Danach ging es stetig aufwärts, bis wir 2018/19 die Nominierung für den Perspektivkader erhalten haben.
Wir hatten uns über ein Sichtungsturnier, den Sauerland-Cup, empfehlen können und haben im PK+ dann Jugendbundesliga und 3. Liga gepfiffen. Als ich nach Süddeutschland ziehen wollte, haben mein Partner und ich uns getrennt. Nachdem sich der Umzug zerschlagen hat, pfeife ich bei uns im Verband und springe mit Mattes Westphal zusammen ein, wenn Schiedsrichter ausfallen.
Wie darf man sich das vorstellen?
Mattes und ich pfeifen im Beachhandball zusammen, daher wussten wir, dass wir gut miteinander klar kommen - und jetzt springen wir ein, wenn andere Schiedsrichter spontan absagen. Wir pfeifen auf Kreisebene, in der Verbandsliga oder in der Oberliga – immer dort, wo wir gebraucht werden. Wir übernehmen diese Spiele, um zu helfen, denn den Schiedsrichtermangel gibt es überall in Deutschland und gerade auch in Berlin.
Ist es bei euch wirklich so schlimm?
Es ist ganz übel geworden. Bei uns gibt es kein Kilometergeld für Schiedsrichter, sondern den ÖPVN-Aufschlag von drei Euro. So bekommt ein Schiedsrichter für ein Spiel nur 17,50 Euro. Um da dran zu bleiben, brauchst du Herz und Motivation. Ich kann es verstehen, dass viele keine Lust drauf haben, von den Tribünen bepöbelt und von Eltern beschimpft zu werden. Das kann dir schon einmal den ganzen Tag versauen.
Würde es helfen, die Aufwandsentschädigung pro Spiel zu erhöhen?
Auf jeden Fall! Das war in den letzten Jahren auch immer wieder angedacht und es wurde einmal leicht hochgesetzt, aber so etwas muss immer mit den Vereinen abgestimmt werden – und das ist oft schwierig. Viele Vereine stellen keine Schiedsrichter, weil sie nicht wollen oder sich niemand darum kümmert. Die werden zwar mit Strafen belangt, aber das bringt auch keine neuen Schiedsrichter.
Es wäre daher sicherlich interessant, wenn das Budget erhöht wird. Das Gute ist, dass der HVB unabhängig davon dabei ist. Es gibt einen neuen Rookie-Kader für die frisch ausgebildeten Schiedsrichter, damit sie nicht das Gefühl haben, dass man sie alleine lässt. Wir hatten gerade in den letzten Monaten einige gute Nachwuchslehrgänge, aber die Leute müssen jetzt weiter begleitet und gefördert werden.
Ein Stichwort noch zum Beachhandball: Was gibt die Sandvariante einem Hallenschiedsrichter?
Beim Beachhandball bist du an der frischen Luft und es ist immer gute Stimmung drumherum. Das ist ein Gegensatz zur Halle. Dort ist der Sport sehr wettkampflastig; beim Beachhandball gibt es bei aller Seriosität immer mal einen kleinen Lacher nebenbei. Auch, wenn die Sportart immer professioneller wird, ist sie immer mit Spaß behaftet und die Kommunikation mit Spielern und Trainern ist einfacher. Wer Lust hat, sollte sich das einfach mal anschauen. Es gibt genügend Ausbildungen in Berlin und Brandenburg.
Zum Abschluss: Was hättest du gerne am Anfang deiner Karriere gewusst, was du aber erst im Laufe der Zeit lernen musstest?
Dass man sich als Schiedsrichter nicht so sehr von den Sprüchen der Trainer beeinflussen lassen sollte. Hab als Schiedsrichter Selbstbewusstsein und vertrau auf deine – bzw. eure – Entscheidung, bevor du dir vom Trainer etwas sagen lässt und beim nächsten Mal genau die Schritte pfeifst, die der Trainer haben wollte.