Fotos: privat
#Basisnah
Michael Gevers (32) pfeift für den TV Jahn Schneverdingen in der Region Lüneburger Heide. Im Interview verrät der Schiedsrichter, was ihn am Anfang seiner Karriere am meisten verunsichert hat – und wie er gelernt hat, damit umzugehen.
Redaktion: Michael, wie bist du zur Schiedsrichterei gekommen?
Michael Gevers: Als Jugendspieler wurden wir gefragt, ob wir uns nicht vorstellen können, einen Schiedsrichter-Kurs zu besuchen, weil die Anzahl der Schiedsrichter im Verein erhöht werden sollte. Wir waren vom TV Jahn Schneverdingen damals zu viert in dem Kurs - und zwei von uns pfeifen heute noch. Ich habe zwischendurch aufgehört, aber jetzt pfeife und spiele ich parallel. Ich wollte unbedingt beides machen, denn ehrlich gesagt: Ich spiele lieber als zu pfeifen, aber die Schiedsrichter werden gebraucht.
Wenn du an deine ersten Spiele an der Pfeife zurückdenkst: Was war die größte Schwierigkeit?
Ich war natürlich unheimlich nervös – ich bin heute noch aufgeregt, wenn ich als Schiedsrichter auflaufe –, doch was mich am meisten verunsichert hat, waren die Reaktionen von Menschen, von denen ich glaubte, dass sie Ahnung haben – von Trainer zum Beispiel. Wenn solche Respektspersonen einen jungen Schiedsrichter angehen, hinterlässt das eine Narbe, weil du anfängst, an dir zu zweifeln. Ich hatte Glück, denn ich habe nicht viele Situationen erlebt, die mich aus der Bahn geworfen hätten, aber dennoch haben die Kommentare an mir genagt.
Wie hast du gelernt, damit umzugehen?
Ich wurde älter (lacht). Nein, im Ernst: Wenn man älter wird, baut man ein gewisses Ego auf, aber wir haben im Verein immer über solche Situationen gesprochen. Das hat uns jungen Schiedsrichtern immer sehr geholfen, weil wir Rückendeckung bekommen haben – von den älteren Schiedsrichterkollegen oder erfahrenen Trainern und Spielern. Sie haben uns vermittelt, dass es a) entweder nicht so schlimm ist, eine Fehlentscheidung zu treffen oder b) dass es gar keine Fehlentscheidung war. Das war Gold wert.
Es ist immer wieder von einem Schiedsrichtermangel an der Basis die Rede. Wie erlebst du die Situation bei euch im Kreis- bzw. Landesverband?
Wir haben jedes Jahr wieder einen gewissen Kampf, dass wir unsere Spiele komplett durchgezogen kriegen. Es ist eine Herausforderung für jeden Verein, Nachwuchs zu finden. Wir haben bei uns dieses Jahr nur einen neuen Schiedsrichter – das ist nicht viel. Wir haben viele Leute, die ihre zwei, drei oder vier Spiele im Jahr pfeifen. Zwei Spiele, ab dem älteren Jugendbereich oder im Erwachsenenbereich, braucht man für die Verlängerung der Lizenz.
Das ist nicht viel – in anderen Landesverbänden liegt diese Zahl höher…
Das ist eine hohe Hürde. Wenn man sechs oder acht Spiele pfeifen müsste, hätten wir wohl nur noch die Hälfte der Schiedsrichter. Zwei Spiele sind hingegen machbar und es ist gut, 15 Leute zu haben, die jeweils zwei Spiele pfeifen. Denn zwei Leute zu finden, die jeweils 15 Spiele pfeifen, ist sehr, sehr viel schwieriger.
Was hättest du damals gerne, am Anfang deiner Schiedsrichterkarriere, schon gewusst bzw. gesagt bekommen, was du aber erst im Laufe der Zeit lernen musstest?
Eine negative Reaktion von der Bank oder aus dem Publikum ist nicht gleichbedeutend mit einer Fehlentscheidung. Viele Leute, die während des Spiels durch Wortmeldungen oder Gesten Druck auf Schiedsrichter ausüben, haben entweder selbst nicht genug Ahnung von den Regeln oder sind in dem Moment nicht objektiv. Als Schiedsrichter hat man hingegen einen Kurs absolviert, gelernt und die Prüfung bestanden – und damit mehr gemacht als 90 Prozent der Zuschauer in der Halle. Auf dieses Wissen sollte man vertrauen.