Ballübergabe im Spiel – erlaubt oder nicht?
Wenn es um die Ausführung eines Freiwurfs geht, ist die Frage leicht zu beantworten, denn für die Situation, in der der Ball nicht im Spiel ist, hält das Regelwerk eine Menge an Informationen für die Schiedsrichter bereit. An erster Stelle ist dabei die Regel 15:3 Abs. 2 zu nennen: „Der Ball darf während der Ausführung weder von einem Mitspieler berührt noch diesem übergeben werden.“ Ergänzend bestimmt die Regel 15:2 Abs. 1, dass ein Freiwurf erst dann ausgeführt ist, wenn der Ball die Hand des Werfers verlassen hat. Entsprechend dieser Bestimmung ist in der Regel 15:2 Abs. 2 festgelegt, dass der Werfer den Ball erst wieder berühren darf, nachdem der Ball einen anderen Spieler oder das Tor berührt hat.
Wird gegen diese konkreten Regelbestimmungen verstoßen, richten sich die regeltechnischen Maßnahmen nach den Bestimmungen der Regel 15:7 Abs. 2 bzw. Abs. 3. Der Unterschied ergibt sich aus der Frage: „War der Freiwurf angepfiffen oder nicht?“
Bei einer Wurfausführung ohne Anpfiff ist der Fehler gemäß Regel 15:7 Abs. 2 zu korrigieren und die Wiederholung der Ausführung anzupfeifen. Handelt es sich jedoch um eine Freiwurfausführung, die vom Schiedsrichter angepfiffen war, ist das regelwidrige Verhalten gemäß Regel 15:7 Abs. 3 zu ahnden und auf Freiwurf für die gegnerische Mannschaft zu entscheiden. Ein Beispiel hierfür zeigt der erste Teil des Videos oben.
Regelungen, wenn der Ball im Spiel ist
Wie aber ist es bei einer Ballübergabe im laufenden Spiel? Ist diese Ballübergabe schon deshalb erlaubt, weil im Regelwerk dazu nichts ausgeführt ist? Oder gibt es gute regeltechnische Begründungen, dass es sich hier anders verhält? Der zweite Teil des Videos zeigt eine solche Spielsituation.
Ein erster Hinweis zur regelgerechten Lösung fand sich in einer alten Ausgabe des Schulungsordners „Der Handball-Schiedsrichter“ (Ausgabe 2004, Kap. 5, S. 35. Münster: Philippka-Sportverlag). Dort hieß es zum Thema "Übergeben des Balls" unter anderem:
„Steht ein Spieler mit dem Ball in der Hand an der richtigen Stelle, so hat er keine andere Möglichkeit, als den Wurf auszuführen; Niederlegen (und Wiederaufnehmen) oder Übergeben sind ihm regeltechnisch verwehrt. Diese Einschränkungen gelten für Anwurf, Abwurf, Freiwurf sowie 7-m-Wurf, nicht jedoch für Würfe aus dem Spiel heraus.“
Dies unterstreicht die Feststellung, dass die Bestimmungen der Regeln 15:2 und 15:3 Abs. 2 spezielle sind und sich ausschließlich auf formelle Würfe beziehen. Das wiederum bedeutet, dass der Ball zuvor nicht im Spiel war. Auf das allgemeine Passspiel (der Ball ist regeltechnisch im Spiel) lassen sich die Bestimmungen nicht anwenden.
Wie darf man den Ball spielen?
Bleibt noch die Frage, ob in den Bestimmungen der Regel 7 (Spielen des Balls) Hinweise enthalten sind, die das Übergeben des Balls an einen Mitspieler verbieten. Hier hat der eine oder andere Schiedsrichter die Auffassung, dass die in der Regel 7:4 letzter Absatz enthaltene Formulierung, dass der Ball abgespielt werden muss, einen Wurf zum Mitspieler verlangt.
Der letzte Absatz der Regel 7:4 befasst sich zunächst aber nur damit, wann sich ein ballbesitzender Spieler spätestens vom Ball trennen muss, damit es nicht zu einer Freiwurfentscheidung für die gegnerische Mannschaft kommt. Mit dem in dieser Regelbestimmung enthaltenen Begriff „abspielen“ ist regeltechnisch aber nicht ausschließlich ein Pass (Wurf) zu einem Mitspieler verbunden. Die Regeln 7:1 und 7:2 erlauben im Umgang mit dem Ball viel mehr.
Auffassung der IHF-Arbeitsgruppe für Spiel- und Regelentwicklung
In Abstimmung mit den Mitgliedern des DHB-Schiedsrichter-Lehrwarteausschusses wurde darüber hinaus die Möglichkeit wahrgenommen, die Fragestellung auf der letzten Sitzung der IHF-Arbeitsgruppe für Spiel- und Regelentwicklung Anfang Februar in Gijon zur Diskussion zu stellen.
Die Mitglieder waren einstimmig der Auffassung, dass das Regelwerk keine Bestimmung enthält, die eine Ballübergabe an einen Mitspieler im laufenden Spiel untersagt. Die speziellen Bestimmungen der Regel 15 (Allgemeine Anweisung zur Ausführung der formalen Würfe) sei hier nicht anzuwenden. Man möchte jedoch die nächste Möglichkeit nutzen, um im Regelwerk einen klareren Hinweis darauf einzubringen, dass es sich bei der Ballübergabe im Spiel nicht um regelwidriges Verhalten handelt.