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„Balance ist das entscheidende Kriterium.“
„Sportlich war es ein echtes Highlight – allerdings mit einem Rahmen, wie wir ihn uns nie hätten vorstellen können“, fasste Robert Schulze die drei Wochen in Tokio auf der Webseite des Deutschen Handballbundes zusammen. „Es waren Olympische Spiele unter ganz besonderen Bedingungen. Dennoch: Wir durften bei dem größten sportlichen Event dabei sein, das man als Sportler erleben kann. Das macht uns extrem stolz.“
Insgesamt sechs Partien erhielten Schulze/Tönnies bei den Olympischen Spielen in Tokio. In der Vorrunde kamen sie bei den Begegnungen zwischen Dänemark und Japan, Bahrain und Portugal, Japan und Ägypten sowie Dänemark und Schweden zum Einsatz; im Viertelfinale leiteten sie das Match zwischen Spanien und Schweden. Zum Abschluss wartete mit dem Spiel um den dritten Platz zwischen Spanien und Ägypten „die Krönung schlechthin“, wie Schulze es ausdrückte.
„Das war einfach nur toll“, freute sich auch Tönnies über die hochkarätige Ansetzung, welche die beiden Schiedsrichter bei aller Erfahrung nicht kalt ließ. Tönnies: „Du hast im Vorfeld gespürt, dass es ein besonderes Spiel ist, denn der Druck war enorm. Du wusstest: Du entscheidest etwas für die sportliche Geschichte dieser Länder. Eine olympische Medaille bleibt in den Geschichtsbüchern.“
Entsprechend wichtig war die Vorbereitung auf die Partie – sowohl inhaltlich als auch mental. „Wir haben versucht, auszublenden, was an so einer Medaille hängt – für die Spieler, die Mannschaft und die Sportart in diesem Land –, denn man will es eigentlich alles gar nicht wissen“, erklärte Schulze. „In der Spielvorbereitung ist es daher wichtig, dass du dich mental einstellst, damit du auf dem Spielfeld das machen kannst, warum du dieses Spiel auferlegt bekommen hast: eine Partie zu hundert Prozent kontrolliert und konzentriert zu leiten.“
Am Vormittag des Spieltags stellte die IHF-Trainerkommission zudem in einem Vortrag die beiden Gegner und ihre taktischen Mittel aus Trainersicht vor. „So können wir uns spezifisch auf die Spielsituationen vorbereiten“, erklärte Schulze, der trotz des Drucks betonte: „Das Spiel selbst pfeifst du einfach nur mit mega viel Freude, denn was gibt es als Schiedsrichter geileres, als ein Medaillenspiel zu bekommen?“
Dass Schulze/Tönnies nur bei Spielen des Männer-Turniers eingesetzt werden würden, war den beiden im Vorfeld nicht bewusst. „Es wurde kommuniziert, dass einige Gespanne nur Männer und andere beides pfeifen würden, es wurde aber nicht kommuniziert, wer zu welcher „Gruppe“ gehört“, erinnert sich Tönnies. „Dass wir offenbar nur für die Männer vorgesehen waren, haben wir auch nur anhand der Ansetzungen gesehen.“
Zusätzlich zu ihren sechs Spielen waren Schulze/Tönnies mehrfach als Reservegespann angesetzt. Die Möglichkeiten, an den spielfreien Tagen abzuschalten, waren durch die Corona-Schutzmaßen allerdings limitiert. „Wir durften das Hotel nur verlassen, wenn wir von einem Fahrer abgeholt und zur Arena gefahren wurden“, berichtet Schulze. „Ansonsten war für uns nichts möglich, aber darauf sind wir mental vorbereitet worden. Immerhin durften wir gemeinsam mit den Kollegen frühstücken. Und der Hotelflur war schön lang und gerade – super geeignet für Lauf- und Sprinteinheiten.“
Die Einschränkungen seien „mental schon eine Herausforderung“ gewesen, gesteht Tönnies ein. „Man musste bereit sein, sich darauf einzulassen. Allerdings haben wir uns recht schnell damit abgefunden und uns mit der Situation arrangiert.“ Das Duo lenkte sich mit der PlayStation ab, verfolgte die olympischen Wettkämpfe im Fernsehen oder nahm sich die Zeit, ein bisschen zu arbeiten.
Anders als noch bei der Weltmeisterschaft in Ägypten gab es in Tokio keine täglichen Meetings des Weltverbandes, „da die Vorrundenspiele hier von morgens bis abends gingen“, wie Tönnies erklärt. „Man hatte natürlich nach jedem Spiel individuelle Beobachtungsgespräche, ansonsten gab es alle drei oder vier Tage ein komprimiertes Meeting.“
Der Weltverband sei mit den Leistungen der Schiedsrichter in Tokio „im Großen und Ganzen sehr zufrieden“ gewesen, wie Tönnies zusammenfasst. „Grundsätzlich war die Vorgabe, dass wir die Linie aus Ägypten fortsetzen und daran nichts ändern.“ Für den Bereich der progressiven Linie bedeutete das beispielsweise: Nicht mehr oder weniger Strafen zeigen, sondern weiterhin die korrekten Strafen herauspicken, wie Tönnies erklärt: „Das, was jeder sieht, sollte bestraft werden.“
Die progressive Linie kam bei den Mannschaften an. „Es herrschte eine gewisse Ruhe“, berichtet Tönnies. „Die Spieler und Trainer haben die Linie vollkommen akzeptiert, solange man die Balance gewahrt hat. Das ist das entscheidende Kriterium. Wenn du Entscheidungen triffst, musst du sie auf beiden Seiten gleich treffen.“
Ein wichtiges Mittel dabei: die Kommunikation. „Man kann als Schiedsrichter ganz viele Situationen im Spiel mit Persönlichkeit lösen – ohne, dass man Strafen aussprechen muss“, erklärt Schulze. „Ich zeige dem Spieler mit allen Möglichkeiten, die ich im Handwerkskoffer habe, eine Grenze auf – und das muss nicht immer die Zeitstrafe sein.“
Gerade als Feldschiedsrichter könne man so viele Situationen, gerade auch am Kreis, lösen. „Da kannst du mit einem scharfen Blick etwas sagen und der Spieler weiß sofort, dass er die Hände wegnehmen muss“, erläutert Tönnies und Schulze ergänzt: „Das ist wie das gelbe Zeichen bei der Ampel, denn jetzt hat der Spieler selbst in der Hand, ob er sein Verhalten verändert – und wenn nicht, geht es zu hundert Prozent in die Bestrafung rein.“
Die gelbe Karte spielt in der progressiven Linie hingegen eine untergeordnete Rolle; international ist es gewünscht, weniger Verwarnungen zu zeigen als es national noch an der Tagesordnung ist. „Diese Linie verfolgen wir international seit Jahren“, bestätigt Tönnies. „Die gelbe Karte ist ein Instrument für eine Verwarnung, keine wirkliche Strafe für einen Spieler – es zeigt den Mannschaften auf, was wir wollen und was nicht. Deshalb gehen wir zur Bestrafung zur direkten Zeitstrafe über, statt die drei gelben Karten abzuarbeiten, wie man es aus der Vergangenheit kennt.“
Spielanalyse | Frank Böllhoff
Auswertung der Olympischen Spiele 2020 in Tokio (Teil 1)
Vergleichswerte zu den vorherigen Olympischen Spielen liegen dem Auswerter nicht vor. Daher kann die folgende Kurzauswertung nur isoliert betrachtet werden. Die oben genannte Linie ist in der Auswertung deutlich erkennbar. Wer den Vergleich zu den Weltmeisterschaften bis 2019 ziehen möchte, kann hierzu den Bericht vom 28.05.2019 lesen. Es wurden die Spielberichte der IHF genutzt.
Strafen
Der Durchschnitt bei den Strafen lag pro Spiel bei 7,72 (587 bei 76 Spielen). Bei den Frauen gab es in dem Spiel Spanien gegen Russisches Olympisches Komitee insgesamt nur zwei (2) Hinausstellungen. Die meisten Strafen wurden bei den Frauen im Spiel Ungarn gegen Russisches Olympisches Komitee verhängt (12). Hier waren es zwei (2) Verwarnungen (je Mannschaft eine) sowie zehn Hinausstellungen (5/5). Bei den Männern fällt das Spiel Frankreich gegen Deutschland auf. Hier wurden insgesamt nur drei Strafen ausgesprochen, zwei (2) Verwarnungen (je Team eine) und eine Hinausstellung gegen Deutschland. Das Spiel mit den meisten Strafen war Norwegen gegen Argentinien. Hier gab es insgesamt 13 Strafen (2 Verwarnungen und 11 Hinausstellungen).
Verwarnungen
Bei allen Spielen wurden im Durchschnitt nur 1,22 Verwarnungen pro Spiel gegeben. Bei den Männern liegt der Schnitt bei 1,5 Verwarnungen pro Spiel und bei den Frauen bei nur 0,95. Unterscheidet man noch die Vor- und Finalrunde, dann liegt der Schnitt bei den Männern in der Vorrunde bei 1,57 und bei den Frauen bei 0,90 pro Spiel. In der Finalrunde bei 1,25 bei den Männern und 1,13 bei den Frauen. Also weit entfernt von den drei Verwarnungen pro Mannschaft. Es gab nur in sieben (7) Spielen jeweils eine 2. Verwarnung gegen eine Mannschaft (5 Männer-/2 Frauenspiele). Eine dritte Verwarnung gegen eine Mannschaft wurde in keinem der Spiele ausgesprochen. Insgesamt gab es von den 76 absolvierten Spielen 13 Spiele bei den Frauen, bei denen gegen Spielerinnen keine Verwarnung ausgesprochen wurde; es gab nur Hinausstellungen. Bei den Männern waren es insgesamt sechs (6) Spiele. Also ein Viertel der Spiele wurde ohne jede Verwarnung für Spieler oder Spielerinnen abgeschlossen!
Eine tiefergehende Auswertung erfolgt in der kommenden Woche (News am 19. August 2021).